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Kalenderblatt
3. Oktober

Manche, die über die Erde gestolpert sind, wachen auf dem Saturn auf.

Kalenderblatt vom 03. Oktober
„Manche, die über die Erde gestolpert sind, wachen auf dem Saturn auf.“
„Some who have stambled upon the earth wake up on Saturn“
„Algunos que han tropezado contra la tierra, se despiertan al Saturno“

Acryl, Acrylpaste auf Aquarellbütten ca. 15 x 21 cm

Der erste Eindruck ist der einer Welt, in der die vertrauten Koordinaten außer Kraft gesetzt wurden. Ein dunkler, rauer Bildraum breitet sich aus, durchzogen von hellen Spuren, Abschürfungen und Verdichtungen. Nichts darin bietet sicheren Halt. Und doch ist diese Dunkelheit nicht leer. Sie scheint voller Bewegung, voller Ereignisse, als hätte etwas stattgefunden, dessen Folgen noch sichtbar sind.

In diesem unruhigen Raum erscheinen drei geometrische Formen in Blau, Gold und Rot. Sie gehören offensichtlich nicht zur organischen Struktur ihrer Umgebung. Gerade deshalb besitzen sie eine eigentümliche Präsenz. Wie Zeichen, Wegmarken oder Fragmente einer unbekannten Sprache durchschneiden sie das Dunkel. Sie weisen irgendwohin, ohne zu verraten, wohin.

Über ihnen schwebt eine farbige Sphäre.

Sie erinnert an einen Planeten, ohne tatsächlich einer sein zu müssen. Ihre Oberfläche ist aufgewühlt, von Weiß, Gelb, Rot und Blau durchzogen. Sie wirkt zugleich fern und erstaunlich körperlich. Kein stiller Himmelskörper, sondern eine Welt im Werden.

Erst der Titel gibt dieser rätselhaften Konstellation eine Richtung:

„Manche, die über die Erde gestolpert sind, wachen auf dem Saturn auf.“

Ein seltsamer Satz. Fast könnte man über ihn lächeln. Doch hinter seiner absurden Logik verbirgt sich etwas Ernstes.

Denn wer stolpert, verliert für einen Augenblick die Kontrolle. Der feste Boden, auf den man sich verlassen hat, trägt plötzlich nicht mehr. Das Stolpern unterbricht den gewohnten Weg. Es bringt eine Ordnung durcheinander.

Im Bild führt dieser Verlust jedoch nicht einfach zum Sturz.

Er führt an einen anderen Ort.

Saturn wird damit weniger zum astronomischen Planeten als zum Bild einer anderen Wirklichkeit. Vielleicht bezeichnet er jenen unbekannten Raum, der sich erst öffnet, wenn die bisherigen Sicherheiten versagen. Was vorher oben und unten, richtig und falsch, Anfang und Ende gewesen ist, verliert seine Selbstverständlichkeit.

Darin liegt eine entscheidende Spannung des Werkes: Es romantisiert das Scheitern nicht. Ein Sturz bleibt ein Sturz. Verletzung, Irrtum, Verlust und Orientierungslosigkeit verschwinden nicht dadurch, dass man ihnen nachträglich einen höheren Sinn verleiht.

Aber möglicherweise ist das Scheitern auch nicht immer das Letzte.

Manchmal entsteht gerade im Riss eine Öffnung.

Die drei farbigen Zeichen können deshalb wie Stationen eines Übergangs gelesen werden. Das tiefe Blau trägt die Ferne und das Unbekannte in sich, das Gold setzt einen Moment der Verdichtung, das Rot bricht mit beinahe körperlicher Energie in den Raum. Doch keine dieser Formen liefert eine eindeutige Botschaft. Das Bild bewahrt sein Geheimnis.

Und genau darin liegt seine Stärke.

Es erzählt nicht die beruhigende Geschichte, dass nach jeder Krise alles besser werde. Es stellt vielmehr eine unbequemere Frage: Was geschieht mit einem Menschen, wenn die Wirklichkeit, in der er bisher gelebt hat, plötzlich nicht mehr genügt?

Vielleicht bedeutet Erwachen dann nicht, endlich alle Antworten gefunden zu haben.

Vielleicht bedeutet Erwachen zunächst nur, zu erkennen, dass es noch eine andere Wirklichkeit geben könnte.

So wird das Stolpern im Titel zum entscheidenden Moment. Nicht der souveräne Schritt, nicht der geplante Aufstieg und nicht der heroische Weg führen zum Saturn. Ausgerechnet der Kontrollverlust öffnet die Grenze.

Man fällt aus einer bekannten Welt heraus und erwacht in einer unbekannten.

Ob dieser Saturn Erlösung, Fremde, Bewusstsein oder lediglich eine neue Frage bedeutet, lässt das Bild offen.

Zum Glück.

Denn ein Bild, das sämtliche Antworten bereits mitliefert, wäre am Ende nur eine ziemlich aufwendig bemalte Gebrauchsanweisung. Dieses hier verweigert sich dem.

Es lässt uns stolpern.

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Kalenderblatt
19. April

Schleier des Saturn

Das Kalenderblatt zum 19. April
„Schleier des Saturn“
„Veil of Saturn“
„Velo del Saturno“

Aquarell, Pastellkreide und Acrylpaste
auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

Es heißt, dass es einen Ort jenseits der sichtbaren Himmel gibt, an dem Zeit nicht vergeht, sondern atmet. Dort, wo die Ringe des Saturn nicht aus Staub bestehen, sondern aus Erinnerungen, aus unausgesprochenen Gedanken und aus all dem, was Menschen nie gewagt haben zu leben.

Ein Wanderer, niemand wusste, woher er kam, fand eines Tages den Zugang zu diesem Reich. Er war nicht aus Fleisch und Blut wie du und ich, sondern aus Fragen. Sein ganzes Wesen war durchzogen von einer einzigen Sehnsucht: Was liegt hinter dem Schleier?

Vor ihm spannte sich ein gewaltiger Bogen aus Farben, tiefes Blau, glühendes Rot, vibrierendes Gelb, wie ein kosmischer Atemzug, eingefroren im Moment seiner größten Intensität. Es war der Schleier des Saturn, von dem die Alten flüsterten. Sie sagten, er trenne nicht Welten, sondern Bewusstseinszustände.

Der Wanderer trat näher. Je näher er kam, desto mehr begann der Schleier zu flimmern, als würde er ihn erkennen. „Bist du bereit?“, fragte eine Stimme, die nicht von außen kam, sondern aus seinem Innersten.

Er zögerte.

Denn er spürte plötzlich, was dieser Schleier wirklich war: nicht eine Grenze im Raum, sondern eine Grenze in ihm selbst. Alles, was er verdrängt hatte, alles, was er gefürchtet hatte, begann in den Farben zu leben. Das Rot pulsierte wie unterdrückte Leidenschaft, das Gelb flackerte wie ungelebte Möglichkeiten, und das Blau zog ihn hinein wie die Tiefe seines eigenen Unbewussten.

Der Schleier prüfte nicht seine Stärke, sondern seine Ehrlichkeit.

Mit einem Atemzug, der sich wie ein ganzes Leben anfühlte, legte er seine Angst ab. Nicht, weil sie verschwand, sondern weil er sie annahm. Und in diesem Moment geschah etwas Unerwartetes: Der Schleier öffnete sich nicht, er löste sich auf.

Denn es gab nichts zu durchschreiten.

Er erkannte, dass der Schleier nie außerhalb von ihm existiert hatte. Er war aus all den Schichten gewoben, die er selbst um seine Wahrheit gelegt hatte. Und als er diese losließ, wurde er nicht hindurchgeführt, er wurde eins mit dem, was dahinter lag.

Die Farben verschmolzen, die Grenze verschwand, und der Wanderer wurde still.

Seitdem erzählen die Hüter der alten Geschichten: Wer den Schleier des Saturn sieht, steht nicht vor einem Geheimnis des Universums, sondern vor dem letzten Geheimnis seines eigenen Wesens.

Und nur wer den Mut hat, sich selbst vollständig zu begegnen, wird erkennen:

Es gibt keinen Schleier.
Es gab ihn nie.

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