Archiv der Kategorie: Remastert

Kalenderblatt
19. Juli

Wo ist die Klarheit des Morgens?

Das Kalenderblatt zum 19. Juli
“Wo ist die Klarheit des Morgens?”

“Where ist the clearness of the morning?”
“Dónde está la claridad de la mañana?”

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

Das Bild zeigt den Verlust einer Erwartung. Der Betrachter sucht instinktiv nach Licht, nach Horizont, nach Orientierung. Stattdessen begegnet ihm ein dichtes Geflecht aus schwarzen Spuren, Überlagerungen und Verletzungen der Fläche. Das Gold leuchtet nicht wie eine aufgehende Sonne. Es wirkt vielmehr wie das Erinnern an ein Licht, das bereits von den Erfahrungen des Lebens überdeckt worden ist.

Der Mensch lebt von der Vorstellung, dass jeder Morgen einen Neubeginn verspricht. Doch genau diese Hoffnung gerät im Laufe des Lebens immer wieder unter Druck. Enttäuschungen, Ängste, gesellschaftliche Zwänge und persönliche Verluste legen sich Schicht um Schicht über die ursprüngliche Fähigkeit, klar zu sehen. Dieses Bild macht diesen seelischen Prozess sichtbar. Die unzähligen Linien erscheinen wie Denkbewegungen, Abwehrmechanismen und Erinnerungen, die sich gegenseitig durchkreuzen. Nichts bleibt unberührt. Alles trägt Spuren vergangener Erfahrungen.

Auffällig ist das kleine helle Rechteck im oberen rechten Bereich. Es besitzt keine Größe, die imponieren könnte. Dennoch zieht es den Blick immer wieder an. Psychologisch betrachtet ist gerade das bedeutsam. Die Hoffnung kündigt sich selten als gewaltiges Ereignis an. Sie erscheint unscheinbar, fast übersehbar. Wer ausschließlich nach dem großen Licht sucht, wird an diesem Bild verzweifeln. Wer jedoch bereit ist, auch das Kleine ernst zu nehmen, entdeckt darin einen Anker.

Die schwere Materialität der Acrylpaste verstärkt diesen Eindruck. Die Oberfläche besitzt Widerstand. Sie verweigert das schnelle Erfassen. Man kann sie nicht mit einem einzigen Blick entschlüsseln. Wie die menschliche Seele offenbart sie ihre Geschichte erst demjenigen, der bereit ist, Zeit zu investieren. Jeder Grat, jede Verdichtung und jede Kratzspur erzählt davon, dass Entwicklung niemals geradlinig verläuft. Persönlichkeit entsteht nicht im Glatten, sondern im Überwinden von Widerständen.

Auch die Farbwahl besitzt eine psychologische Bedeutung. Gold und Schwarz stehen hier nicht als Gegensätze von Gut und Böse. Sie bilden vielmehr eine Einheit. Das Gold trägt die Möglichkeit des Bewusstseins in sich, während das Schwarz jene unbewussten Bereiche verkörpert, die der Mensch häufig verdrängt. Erst dort, wo beide Kräfte einander begegnen, entsteht wirkliche Reife. Ein Mensch, der nur das Licht sehen will, bleibt ebenso unfrei wie einer, der nur die Dunkelheit kennt.

Der Titel stellt keine dekorative Frage, sondern eine existenzielle: „Wo ist die Klarheit des Morgens?“ Vielleicht liegt die Antwort gerade darin, dass Klarheit nicht außerhalb unseres inneren Chaos wartet. Sie entsteht mitten in ihm. Der Morgen ist kein Geschenk der Natur allein. Er ist ein innerer Vorgang. Er beginnt dort, wo ein Mensch den Mut findet, den verwirrenden Spuren seiner eigenen Geschichte nicht länger auszuweichen.

So betrachtet ist dieses Werk kein pessimistisches Bild, sondern ein ausgesprochen menschliches. Es erinnert daran, dass Orientierung nicht bedeutet, keine Zweifel mehr zu haben. Orientierung bedeutet, trotz aller Widersprüche den kleinen hellen Punkt nicht aus den Augen zu verlieren. Vielleicht ist genau das die Klarheit des Morgens: nicht die Abwesenheit der Nacht, sondern die Entdeckung eines Lichtes, das selbst die Nacht nicht auslöschen konnte.

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Kalenderblatt
18. Juli

Außerhalb der Welt

Das Kalenderblatt zum 18. Juli
“Außerhalb der Welt”

“out of the world”
“fuera del mundo”

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm

Es gibt Augenblicke, in denen die Wirklichkeit plötzlich zu klein wird. Nicht weil sie sich verändert hätte, sondern weil in uns etwas erwacht, das sich nicht länger mit dem Sichtbaren zufriedengibt. Genau an diesem Punkt beginnt „Außerhalb der Welt“. Das Werk öffnet keinen Blick auf eine ferne Landschaft, sondern auf einen inneren Übergang. Es erzählt von dem seltenen Moment, in dem Vertrautes seinen festen Boden verliert und eine Wirklichkeit aufscheint, die weder gemessen noch erklärt werden kann.

Das leuchtende Rot bildet den äußeren Bereich der Erfahrung. Es ist das Feld der Leidenschaft, der Konflikte, der Erinnerungen und der unzähligen Geschichten, die Menschen über sich selbst erzählen. Rot pulsiert, fordert Aufmerksamkeit und bindet den Blick. Es ist das Leben mit all seiner Schönheit und seinem Chaos. Doch mitten in dieser Energie öffnet sich ein anderes Feld.

Das goldgelbe Rechteck wirkt wie eine Schwelle. Gold steht seit Jahrtausenden nicht nur für Wert, sondern für Erkenntnis, Bewusstsein und das Licht hinter den Erscheinungen. Es trennt nicht, sondern lädt ein. Wer diese Schwelle überschreitet, betritt keinen anderen Ort, sondern eine andere Wahrnehmung.

Im Zentrum erhebt sich ein dunkles, reliefartiges Band aus Acrylpaste. Es erinnert an einen Monolithen, eine uralte Stele oder eine Tür, deren Oberfläche die Spuren zahlloser Zeiten trägt. Nichts an ihr wirkt dekorativ. Sie steht still und unbeirrbar, als hätte sie bereits existiert, bevor Menschen begannen, Namen für die Dinge zu erfinden. Sie ist das Geheimnis, das sich nicht erklärt, sondern erfahren werden will.

Die pastose Struktur lässt das Licht an den Erhebungen brechen. Dadurch entsteht der Eindruck, dass das Bild seine eigene Zeit besitzt. Es verändert sich mit jedem Blickwinkel, als würde es den Betrachter daran erinnern, dass Wirklichkeit niemals vollständig feststeht. Das Sichtbare wird zur Einladung, das Unsichtbare zu suchen.

Am unteren Rand zieht sich eine schmale weiße Linie durch die Komposition. Sie wirkt beinahe unscheinbar und besitzt doch eine große Kraft. Sie könnte ein Horizont sein, eine Grenze oder der letzte Faden, der den Menschen mit seiner vertrauten Welt verbindet. Vielleicht markiert sie auch den ersten Schritt zurück. Denn niemand bleibt dauerhaft außerhalb der Welt. Jeder kehrt zurück. Doch wer diesen stillen Raum einmal betreten hat, kehrt nicht mehr als derselbe Mensch zurück.

„Außerhalb der Welt“ beschreibt deshalb keinen Rückzug, sondern eine Verwandlung. Das Bild erinnert daran, dass die tiefsten Veränderungen selten laut geschehen. Sie beginnen dort, wo Denken schweigt und Wahrnehmung erwacht. Vielleicht existiert dieser Ort nicht jenseits der Welt. Vielleicht liegt er im verborgensten Raum unseres Bewusstseins und wartet darauf, wiederentdeckt zu werden.

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