Kalenderblatt
1. September

Stockfinstre Nacht

Das Kalenderblatt zum 1. September

“Stockfinstre Nacht”
“Pitch-dark night”
“Una noche tenebrosa”

Acryl, Glitter und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm
    

Eine dunkle, beinahe schwarze Fläche bestimmt das Bild. Grau, Braun, gebrochenes Weiß und tiefe Schatten liegen übereinander, werden verwischt, abgeschabt und von horizontalen Spuren durchzogen. Die Oberfläche wirkt rau und unruhig. Nichts an dieser Nacht ist glatt oder still.

Und doch wird die Dunkelheit von zwei klaren Setzungen unterbrochen.

Im oberen Bildraum schwebt eine rote Kugel. Ihre Oberfläche ist bewegt und vielschichtig. Rot, Orange, Gelb und helle Einsprengsel verdichten sich zu einem Körper, der beinahe glüht. Er erinnert an eine Sonne, einen Planeten oder einen fernen Himmelskörper, ohne sich eindeutig als solcher festlegen zu lassen.

Weiter unten steht eine schmale gelbe Linie.

Sie ist vollkommen anders als die Kugel: gerade, ruhig, vertikal. Während die rote Form in sich bewegt erscheint, behauptet sich die Linie durch ihre Einfachheit.

Beide Elemente scheinen miteinander verbunden zu sein.

Und doch berühren sie sich nicht.

Zwischen der gelben Linie und der roten Kugel bleibt eine Lücke.

Gerade dieser kleine Abstand verändert das Bild. Die Linie weist auf die Kugel, scheint nach ihr zu suchen oder sich ihr entgegenzustrecken und endet doch, bevor sie sie erreicht. Dadurch entsteht eine Beziehung, deren Bedeutung offenbleibt.

Kreis und Linie.
Rot und Gelb.
Bewegung und Ruhe.
Schweben und Aufrichten.

Um sie herum breitet sich die „Stockfinstre Nacht“ aus.

Aber bei längerem Hinsehen beginnt auch diese Dunkelheit ihre Eindeutigkeit zu verlieren. Sie ist keineswegs nur schwarz. Weißliche Schlieren, graue Aufhellungen und horizontale Bewegungen durchziehen die Fläche. Manche Stellen erinnern an Wolken, andere an Nebel, Felsen, Wasser oder eine verwitterte Wand.

Je länger man in diese Nacht schaut, desto mehr beginnt sie preiszugeben.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Spannung des Titels.

Denn eine stockfinstere Nacht müsste eigentlich alles verschlucken. Hier geschieht das Gegenteil. Aus der Dunkelheit treten Formen, Spuren und Farben hervor. Nicht genug, um eine eindeutige Landschaft entstehen zu lassen, aber genug, um das Auge immer wieder nach Orientierung suchen zu lassen.

Die rote Kugel könnte eine Sonne sein.

Aber welche Sonne steht in einer stockfinsteren Nacht?

Vielleicht ein fremder Planet. Ein Zeichen. Eine Erinnerung. Ein glühender Körper ohne Namen.

Auch die gelbe Linie verweigert eine eindeutige Erklärung. Sie kann Markierung, Richtung, Grenze oder Verbindung sein. Vielleicht ist sie etwas vom Menschen Gesetztes innerhalb eines Raumes, der sich menschlicher Ordnung entzieht.

Oder sie ist einfach eine gelbe Linie.

Gerade diese Offenheit bewahrt das Bild davor, zur Illustration einer fertigen Botschaft zu werden. Die rote Kugel muss nicht „Hoffnung“ bedeuten. Die Dunkelheit muss nicht für Angst stehen. Und die gelbe Linie muss niemandem den richtigen Weg weisen.

Vielleicht geschieht hier etwas viel Einfacheres und zugleich Rätselhafteres: In einer dunklen, kaum bestimmbaren Welt sind zwei Zeichen aufgetaucht.

Wir erkennen ihre Beziehung, ohne sie erklären zu können.

Die Linie erreicht die Kugel nicht.

Die Kugel antwortet nicht.

Und trotzdem scheint zwischen beiden etwas zu bestehen.

„Stockfinstre Nacht“ erzählt deshalb weniger vom Sieg des Lichts über die Dunkelheit als von jenem Augenblick, in dem in der Dunkelheit plötzlich etwas sichtbar wird.

Noch wissen wir nicht, was es bedeutet.

Vielleicht müssen wir das auch gar nicht.

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1. September

Die Tyrrhenischen Wälder sind erfüllt vom Widerhall des Meeres

Kalenderblatt vom 01. September
„Die Tyrrhenischen Wälder sind erfüllt vom Widerhall des Meeres“
„The Tyrrhenian woods are full of the reverberation of the sea“
„Los bosques Tirreno estan llenos de la resonancia del mar“

Acryl, Acrylpaste, Glitter auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm

Eine große blau-graue Fläche bestimmt das Zentrum des Bildes. Sie wirkt dicht und bewegt zugleich. Schichten von Farbe überlagern sich, werden aufgebrochen, verwischt und von Spuren durchzogen. Die Acrylpaste lässt eine reliefartige Oberfläche entstehen, in der sich Licht verfängt. Einzelne Glitterpartikel blitzen auf und verschwinden wieder.

Was sich in dieser Fläche zeigt, bleibt offen.

Meer oder Wald? Wasser oder Schatten? Wellen, Äste, Felsen, Licht?

Nichts wird eindeutig gegenständlich. Und doch entsteht der Eindruck einer Landschaft, die sich in ständiger Bewegung befindet.

Die kühle Mitte wird von einer leuchtenden Zone aus Orange, Gelb und Rot umgeben. Am oberen Bildrand verdichtet sich das Rot zu einem intensiven Streifen, während an den Seiten und im unteren Bereich Orange- und Gelbtöne dominieren. Dadurch entsteht beinahe ein Bild im Bild: eine dunkle, vibrierende Welt, eingefasst von Wärme und Licht.

Der Titel führt diese abstrakte Landschaft an das Tyrrhenische Meer, ohne daraus eine konkrete Ansicht zu machen. Denn das Meer selbst muss gar nicht sichtbar sein.

Vielleicht liegt es hinter den Wäldern.

Man hört es, bevor man es sieht.

Sein Rauschen dringt zwischen die Bäume. Der Wind trägt Salz vom Wasser ins Land. Äste bewegen sich, Wellen bewegen sich, und irgendwann scheint dieselbe unsichtbare Kraft durch beide Landschaften zu gehen.

Der Wald beginnt, etwas vom Meer in sich zu tragen.

So wird die blau-graue Fläche zu einem Ort der Verwandlung. Strukturen, die eben noch an Wellen erinnerten, können im nächsten Augenblick wie Äste, Blätter oder felsiger Boden erscheinen. Meer und Wald lassen sich nicht mehr sauber voneinander trennen.

Auch der Glitter bekommt in diesem Wechselspiel eine besondere Bedeutung. Er ist weniger dekoratives Element als flüchtige Erscheinung von Licht. Je nachdem, wie der Blick auf die Oberfläche fällt, leuchtet etwas auf und verschwindet wieder, wie Sonnenlicht auf bewegtem Wasser oder zwischen den Blättern eines Waldes.

Vielleicht ist genau das der Widerhall, von dem der Titel spricht.

Nicht nur ein Geräusch, sondern eine Spur, die eine Landschaft in einer anderen hinterlässt.

Das Meer ist nicht im Bild dargestellt. Und dennoch scheint es überall gegenwärtig zu sein: in der Bewegung der Oberfläche, im wechselnden Licht, in den dunklen Tiefen des Blau-Graus.

Vielleicht endet das Meer nicht dort, wo das Wasser aufhört.

Vielleicht setzt es sich im Wind fort, in den Bäumen, im Licht und schließlich in unserer Erinnerung an einen Ort.

Und irgendwo zwischen Wald und Meer beginnt eine Landschaft, von einer anderen zu erzählen.

 

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