Kalenderblatt
3. Juli

Kalenderblatt 3. Juli

Das Kalenderblatt zum 3. Juli
„Der Stier träumt von der Spritze, bevor der Torero das rote Tuch vergisst.“
„The Bull Dreams of the Syringe Before the Matador Forgets the Red Cape.“
„El toro sueña con la jeringa antes de que el torero olvide la muleta roja.“

Aquarell und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm

Es gibt eine Arena, die nur im Schlaf existiert. Dort wirft niemand Schatten, weil die Schatten längst beschlossen haben, ihre eigenen Träume zu träumen. In dieser Arena stand ein Stier, dessen Hörner aus geronnenem Mondlicht bestanden. Er war weder wild noch zahm. Er war lediglich das Gedächtnis einer Kraft, die vergessen hatte, warum sie geboren worden war.

Über ihm schwebte ein gewaltiges Gesicht, dessen Augen nicht nach außen blickten, sondern in die Zeit hinein. Das linke Auge beobachtete die Vergangenheit, das rechte die Zukunft. Beide weigerten sich hartnäckig, die Gegenwart anzusehen. Denn die Gegenwart ist bekanntlich der unordentlichste Raum des Universums. Menschen nennen das Leben.

Aus dem Nichts erschien eine Spritze. Doch sie war keine Erfindung der Medizin, sondern eine Kanüle für Erinnerungen. Ihr Inhalt bestand aus flüssigem Vergessen, sorgfältig destilliert aus den Ängsten aller Wesen, die lieber schlafen als erkennen. Sie näherte sich dem Stier nicht, um ihn zu verletzen. Sie wollte ihm seinen Traum stehlen.

Der Stier schloss die Augen und träumte bereits von der Spritze, bevor sie seine Haut überhaupt berührte. Denn jeder Traum ist schneller als jede Wirklichkeit. Im Traum verwandelte sich das Metall in einen langen Ast, aus dem rote Blüten wuchsen. Doch als die Flüssigkeit seine Gedanken erreichte, wurden die Blüten zu einer gewaltigen roten Zunge, die aus seinem Inneren hervorquoll und begann, eine Sprache zu sprechen, die nur Farben verstehen konnten.

Zur gleichen Zeit stand irgendwo ein Torero bereit. Er hob das rote Tuch, wie es seit Jahrhunderten vorgesehen war. Doch plötzlich erinnerte er sich an nichts mehr. Er vergaß den Kampf. Er vergaß den Applaus. Er vergaß sogar, weshalb Menschen überhaupt Arenen bauen, um den Mut mit Blut zu verwechseln. Das Tuch glitt aus seiner Hand und fiel lautlos zu Boden.

In diesem Augenblick geschah das Unmögliche. Weil niemand mehr das Rot trug, wurde das Rot selbst lebendig. Es löste sich vom Stoff, floss durch die Luft und suchte sich einen neuen Körper. Es fand den Stier. Doch es bedeckte ihn nicht. Es kam aus ihm heraus, als wäre es immer schon dort gewesen.

Die großen Augen am Himmel begannen zu weinen. Ihre Tränen bestanden nicht aus Wasser, sondern aus verdünnter Zeit. Jeder Tropfen verwandelte sich beim Fallen in eine neue Möglichkeit. Manche wurden Vögel, andere Gedanken, wieder andere Fragen, auf die niemals eine vernünftige Antwort gegeben werden konnte. Eine zutiefst menschliche Spezialität.

Der Stier hob den Kopf. Dort, wo einst Furcht gewesen war, wohnte nun eine stille Erkenntnis. Er verstand plötzlich, dass die gefährlichste Spritze nicht den Körper betäubt, sondern die Vorstellungskraft. Wer aufhört zu träumen, braucht keinen Torero mehr. Er besiegt sich selbst lange bevor die Arena ihre Tore öffnet.

Da lächelte das Gesicht am Himmel. Seine Augen schlossen sich langsam, als hätten sie endlich gelernt, gleichzeitig Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart zu betrachten. Die Arena verschwand. Der Sand wurde zu Papier. Das Blut wurde zu Aquarellfarbe. Der Stier zu einer Erinnerung. Und der Traum blieb zurück, nicht als Geschichte, sondern als rätselhafte Einladung, den eigenen Ängsten ins Gesicht zu sehen, bevor sie sich verkleiden und behaupten, sie kämen, um zu helfen. Denn manchmal trägt die Wahrheit ein rotes Tuch. Manchmal eine Spritze. Und manchmal ist sie einfach nur ein Stier, der längst begriffen hat, dass Freiheit immer dort beginnt, wo die Fantasie sich weigert, vor der Wirklichkeit zu kapitulieren.

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Kalenderblatt 03. Juli

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Das Kalenderblatt zum 03. Juli
„Im Land der Zwerge“

„In the country of the dwarfs“
 „En el pais de los enanos“

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21

Wer das Land der Zwerge betreten wollte, musste zuerst eine Bedingung erfüllen: Er durfte nichts für selbstverständlich halten. Keine Form war dort eindeutig, kein Schatten blieb nur ein Schatten, und jeder Felsen konnte sich als schlafender Wächter entpuppen. Die meisten Menschen kehrten schon nach wenigen Schritten wieder um. Sie behaupteten, dort gäbe es nichts zu sehen. In Wahrheit hatten sie nur vergessen, mit den Augen der Neugier zu schauen.

Tief unter den bläulich schimmernden Felsen, in einer Landschaft aus gefrorenem Licht, verwitterten Erinnerungen und uralten Spuren, lebten die Zwerge. Sie bauten keine Burgen und horteten keine Schätze, wie die Geschichten der Menschen behaupteten. Ihr einziger Reichtum bestand darin, das Gold zu bewachen, das niemand kaufen konnte.

Dieses Gold war kein Metall. Es war ein Gedanke.

Einmal in jeder Generation erschien zwischen den kalten Gesteinsfalten ein kleiner goldener Funke. Unscheinbar, fast verloren in der gewaltigen Struktur der Welt. Wer ihn nur als Farbe sah, ging achtlos vorbei. Wer jedoch innehielt, spürte plötzlich, dass dieser winzige Lichtfleck mehr Gewicht besaß als ganze Berge. Denn alles Große beginnt im Unscheinbaren.

Die Zwerge wussten das seit Anbeginn der Zeit. Darum schützten sie den goldenen Funken vor den Eiligen, den Lauten und den Selbstgewissen. Sie ließen ihn nur von jenen finden, die bereit warenVDas Bild zeigt nicht das Land der Zwerge. Es prüft, ob das Land der Zwerge bereits in dir existiert.

Vielleicht ist der goldene Fleck deshalb so klein. Nicht weil ihm Bedeutung fehlt, sondern weil Wahrheit niemals laut auftreten muss. Sie genügt sich selbst. Sie wartet geduldig darauf, entdeckt zu werden.

Und wenn du lange genug hinschaust, wirst du vielleicht begreifen, warum die Zwerge niemals versuchten, größer zu werden. Sie wussten, dass Größe keine Frage der Körperhöhe ist, sondern der Fähigkeit, selbst im tiefsten Blau einen einzigen goldenen Hoffnungsschimmer zu erkennen und ihn behutsam zu bewahren. Menschen verbringen schließlich erstaunlich viel Energie damit, nach riesigen Schätzen zu suchen, während das Wesentliche oft die Größe eines Kieselsteins hat und still darauf wartet, gesehen zu werden.

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