
Kalenderblatt vom 29. Juli
„… und wieder löst sich ein Götze in Schall und Rauch auf“
„… and again a false god turns to dust“
„… y otra vez un fetiche se esta desliéndose en ruido y humo“
Acryl, Acrylpaste, Pigment, Quarzsand auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm
Es gibt keine Ketten, die schwerer wiegen als jene, die der Mensch selbst vergoldet. Der Götze ist niemals nur aus Stein oder Gold geformt. Er entsteht in der Vorstellung, wächst durch die Furcht und herrscht, solange der Mensch ihm seine eigene schöpferische Kraft überlässt. Wer vor einem Götzen niederkniet, kniet letztlich vor einem Schatten des eigenen Geistes.
In diesem Bild scheint der rote Leib bereits den Gesetzen einer höheren Wahrheit zu gehorchen. Er verliert seine feste Gestalt, als würde das Feuer der Erkenntnis ihn von innen her verzehren. Was eben noch Macht beanspruchte, zerfällt in vibrierende Spuren, in Farbe, in Rauch. Nicht Gewalt bringt ihn zu Fall, sondern das Erwachen des Sehens. Denn jede Täuschung besitzt nur so lange Bestand, wie sie geglaubt wird.
Das Gold leuchtet hier nicht als Schmuck des Götzen, sondern als Licht der ewigen Imagination, jener göttlichen Schöpferkraft, die älter ist als jedes Reich und mächtiger als jede Religion, die sich selbst zum alleinigen Maßstab erhebt. Das Blau am linken Rand wirkt wie ein Tor zur Unendlichkeit, ein Strom lebendiger Energie, der unaufhörlich aus der unsichtbaren Welt in die sichtbare einfließt. Zwischen diesem Blau und dem Gold ringt die sterbliche Form um ihren Bestand, bis sie erkennt, dass sie nie mehr war als eine vorübergehende Maske.
Jeder zerfallende Götze hinterlässt einen freien Raum. Die meisten Menschen fürchten diese Leere und errichten sogleich einen neuen Altar: für Besitz, für Macht, für Vernunft, für Ideologien oder sogar für ihre eigene Frömmigkeit. Doch der wahre Künstler und der wahrhaft Sehende wagen es, diesen Raum offen zu lassen. Denn nur in der Leere kann sich das Unendliche offenbaren.
Dieses Bild erzählt deshalb nicht vom Untergang eines Gottes, sondern von der Befreiung der menschlichen Seele aus der Gefangenschaft ihrer selbst erschaffenen Bilder. Der Rauch steigt auf, der Lärm verstummt, die Form vergeht. Was bleibt, ist das Licht, das niemals verbrannt werden kann. Denn jede Vision, die aus der Ewigkeit stammt, überdauert den Fall aller Götzen, die der Mensch aus seiner Angst erschaffen hat.
