Kalenderblatt
20. September

Wenn ZEN aus dem Ruder läuft

Kalenderblatt vom 20. September
„Wenn ZEN aus dem Ruder läuft“
„If ZEN gets our of control“
„Si ZEN se escapa de las manos“

Acryl, Acrylpaste, Graphit auf Aquarellpapier ca. 15 x 21 cm

Ein schwarzer Strom setzt sich in Bewegung. Er kreist, verdichtet sich, verliert seine Richtung und findet sie wieder. In seinem Inneren erscheinen kleine Leitern, als gäbe es einen Weg nach oben, nach innen oder vielleicht ganz woanders hin.

Doch wohin führen sie?

„Wenn ZEN aus dem Ruder läuft“ nimmt die Vorstellung von innerer Ruhe beim Wort und bringt sie gehörig durcheinander. Denn hier ist nichts vollkommen ausbalanciert. Die Linien schwanken, die Kreise geraten aus ihrer Ordnung, die Leitern führen nicht zuverlässig von einem Punkt zum nächsten. Selbst die Mitte bleibt leer.

Gerade darin liegt die Spannung des Bildes.

Wir suchen nach Orientierung, bauen uns Wege und entwickeln Vorstellungen davon, wie ein innerer Weg auszusehen hat. Stufe für Stufe soll es vorangehen: mehr Klarheit, mehr Bewusstsein, mehr Erkenntnis. Als ließe sich das Geheimnis des eigenen Lebens mit einer ordentlich angelehnten Leiter erreichen. Das Bild misstraut dieser Vorstellung.

Im Zentrum der großen schwarzen Bewegung befindet sich keine Antwort, sondern eine helle Öffnung. Eine Leere, die nicht bedrohlich wirkt, sondern offen. Sie lässt sich nicht erklimmen, nicht festhalten und nicht besitzen.

Daneben erscheint ein zweiter schwarzer Kreis. In ihm leuchtet ein kräftiges Rot. Auge, Sonne, Warnzeichen, Energiezentrum? Das Bild entscheidet sich nicht. Das Rot setzt lediglich einen Punkt, an dem der Blick hängen bleibt, bevor er erneut in die kreisende Bewegung gezogen wird.

So entsteht ein Wechselspiel zwischen Fülle und Leere, Bewegung und Stille, Ordnung und Kontrollverlust.

Vielleicht läuft hier aber gar nicht Zen aus dem Ruder.

Vielleicht läuft nur unsere Vorstellung davon aus dem Ruder, dass ein spiritueller Weg geradlinig sein müsse. Dass Erkenntnis etwas sei, das man erreichen könne. Dass irgendwo eine letzte Stufe wartet, nach der man endlich angekommen ist.

Die kleinen Leitern werden damit zu einem beinahe humorvollen Zeichen menschlicher Sehnsucht: Wir bauen Aufstiegshilfen sogar dorthin, wo es möglicherweise überhaupt nichts zu besteigen gibt.

Und während wir noch überlegen, welche Leiter die richtige ist, zieht der schwarze Strom längst weiter.

Vielleicht beginnt ZEN genau in diesem Augenblick:
wenn wir aufhören, die Leiter zu suchen.


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Kalenderblatt
20. September

Kalenderblatt 20. September

Das Kalenderblatt zum 20. September
„Im Atem der Glut“
“ In the Breath of the Blaze“
„En el aliento del resplandor

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

Feuer trifft auf Kälte, Glut auf Himmel, Verdichtung auf Weite. Im unteren Bereich brechen Rot, Orange und Gelb aus der Fläche hervor. Die Farben scheinen sich gegenseitig anzufachen, überlagern und durchdringen sich. Darüber öffnet sich ein bewegter Raum aus Blau und Weiß, durchzogen von Spuren, Verwischungen und widerständigen Strukturen.

Nichts ist hier eindeutig Landschaft, und doch entsteht die Ahnung eines Ortes. Vielleicht sehen wir einen brennenden Horizont, aufgewühltes Wasser, Gestein oder einen Himmel nach einem Sturm. Formen tauchen auf und entziehen sich wieder. Das Bild bewegt sich an jener Grenze, an der Gegenständliches für einen Augenblick sichtbar wird und sich gleich darauf wieder in reine Malerei verwandelt.

Die Acrylpaste gibt dieser Bewegung eine körperliche Präsenz. Farbe liegt nicht einfach auf dem Papier. Sie verdichtet sich, wird aufgebrochen, überlagert und wieder freigelegt. Manche Partien wirken beinahe verwundet, andere wie vom Licht ausgewaschen. Die Oberfläche trägt ihre Entstehung in sich. Sie bewahrt die Bewegung des Malens, ohne sie in einer festen Form erstarren zu lassen.

Besonders deutlich wird die Spannung zwischen den beiden großen Kräften des Bildes. Unten sammelt sich die Glut. Darüber herrschen Blau, Weiß und ein beinahe entmaterialisiertes Licht. Doch beide Bereiche sind nicht sauber voneinander getrennt. Sie dringen ineinander ein, als würden Feuer und Himmel denselben Atem teilen.

Gerade darin liegt die eigentliche Kraft des Werkes: Das Feuer erobert nicht das ganze Bild.

Es bleibt gebunden an den unteren Raum. Über ihm entsteht Weite. Dadurch erzählt das Bild weniger von Zerstörung als von einem Übergang. Etwas scheint zu verbrennen, sich aufzulösen oder zurückzubleiben, während sich gleichzeitig ein neuer Raum öffnet.

Der Titel „Im Atem der Glut“ führt diesen Gedanken weiter. Glut ist nicht die offene Flamme. Sie ist zurückgehaltene Energie. Sie kann verlöschen, aber ebenso erneut aufflammen. In ihr existieren Ende und Anfang gleichzeitig.

Der Atem wiederum steht für Leben und Rhythmus: Einatmen und Ausatmen, Annehmen und Loslassen, Werden und Vergehen. So wird die äußere Bewegung der Farben allmählich zu einer inneren Bewegung.

Das Bild kann als Moment der Transformation gelesen werden. Nicht der große dramatische Umbruch steht im Mittelpunkt, sondern jener viel leisere Augenblick danach: Das Vergangene ist noch nicht vollständig verschwunden, und das Kommende besitzt noch keine feste Gestalt.

Vielleicht ist deshalb trotz aller malerischen Unruhe eine eigentümliche Ruhe in diesem kleinen Bild verborgen.

Die Glut ist noch da.
Aber über ihr öffnet sich bereits der Himmel.

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