Kalenderblatt
16. Oktober

Kalenderblatt 16. Oktober

Das Kalenderblatt zum 16. Oktober
„Im Raum zwischen Atem und Ewigkeit“
„Within the Space Between Breath and Eternity“
„En el Espacio donde el Aliento toca la Eternidad“

Acryl, Glitter und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

Es gibt Augenblicke, in denen die Welt für einen Moment ihre vertraute Gestalt verliert. Die Grenzen zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren beginnen sich aufzulösen, und etwas tritt hervor, das sich unserer gewohnten Wahrnehmung entzieht. Nicht als klare Erkenntnis, sondern als Ahnung einer Wirklichkeit, die tiefer reicht als das, was unsere Sinne erfassen.

Das Bild scheint aus einer solchen Erfahrung hervorgegangen zu sein.

Glühende Schichten aus Rot, Ocker und Gold begegnen einem geheimnisvollen Geflecht aus Violett, Türkis und gebrochenem Weiß. Farben drängen gegeneinander, durchdringen sich, verschwinden und tauchen an anderer Stelle wieder auf. Die Oberfläche wirkt aufgewühlt, stellenweise beinahe verwundet. Und doch scheint aus dieser Unruhe ein Licht hervorzutreten, das nicht von außen kommt, sondern aus der Tiefe der Malerei selbst.

Nichts ist hier endgültig. Formen entstehen, ohne sich vollständig auszubilden. Strukturen lösen sich auf, bevor sie sich verfestigen können. Was zunächst wie eine Landschaft erscheint, verwandelt sich in einen Raum jenseits jeder geografischen Zuordnung. Vielleicht eine Landschaft der Erinnerung. Vielleicht ein inneres Geschehen, für das unsere Sprache keine eindeutigen Bilder besitzt.

Inmitten dieser Bewegung liegt eine eigentümliche Stille.

Es ist nicht die Stille des Stillstands. Sie entsteht auch nicht dadurch, dass die Gegensätze verschwinden. Vielmehr scheint sie gerade dort gegenwärtig zu sein, wo die Kräfte aufeinandertreffen, wo etwas zerbricht und zugleich etwas Neues seinen Anfang nimmt.

Hier berührt das Bild eine grundlegende Erfahrung menschlichen Daseins: Wir leben zwischen Festhalten und Loslassen, zwischen Werden und Vergehen. Wir suchen Beständigkeit in einer Welt, deren Wesen die Veränderung ist. Wir sehnen uns nach Ganzheit und erfahren uns doch immer wieder als getrennt.

Der Atem verbindet diese Gegensätze auf elementare Weise. Jeder Atemzug ist ein Empfangen und ein Zurückgeben. Wir können ihn nicht dauerhaft festhalten, ohne das Leben selbst zu gefährden. Erst im Loslassen wird der nächste Atemzug möglich.

Vielleicht liegt darin ein verborgenes Gleichnis unseres Daseins.

Auch das, was wir für unser unveränderliches Selbst halten, ist eingebunden in einen fortwährenden Prozess des Entstehens und Vergehens. Gedanken, Vorstellungen, Wünsche und Gewissheiten kommen und gehen. Was bleibt, wenn wir aufhören, uns ausschließlich mit ihnen zu identifizieren?

Das Bild scheint diese Frage nicht beantworten, sondern offenhalten zu wollen.

Seine leuchtenden Farbschichten lassen eine Wirklichkeit erahnen, die sich nicht besitzen, nicht festhalten und nicht endgültig erklären lässt. Sie zeigt sich allenfalls in jenen seltenen Augenblicken, in denen unsere gewohnten Sicherheiten durchlässig werden.

Vielleicht ist Ewigkeit deshalb nicht als endlose Fortsetzung der Zeit zu verstehen. Vielleicht beginnt sie dort, wo unser Bewusstsein für einen Moment aus dem unaufhörlichen Kreisen um Vergangenheit und Zukunft heraustritt.

Nicht als Flucht aus der Welt, sondern als eine andere Art, ihr zu begegnen.

Dann wird die sichtbare Wirklichkeit nicht bedeutungslos. Im Gegenteil: Gerade in ihrer Vergänglichkeit, ihrer Zerbrechlichkeit und ihrer unerschöpflichen Wandlungsfähigkeit kann etwas aufscheinen, das über sie hinausweist.

Die Malerei macht diese Erfahrung sinnlich erfahrbar. Ihre Materie bleibt gegenwärtig, schwer, rau und widerständig. Zugleich scheint sie sich dem Licht zu öffnen, als würde sich in ihr etwas zeigen, das nicht vollständig in ihr aufgeht.

So entsteht ein Spannungsfeld zwischen Erde und Licht, zwischen Auflösung und Neubeginn, zwischen dem, was wir sind, und dem, was in uns noch unentdeckt liegt.

„Im Raum zwischen Atem und Ewigkeit“ beschreibt daher keinen Ort und keinen Zustand vollkommener Harmonie. Der Titel verweist auf eine Schwelle, auf jenen kaum fassbaren Augenblick, in dem das Vertraute zurücktritt und die Möglichkeit einer anderen Wirklichkeit aufscheint.

Vielleicht besteht die tiefste Bewegung dieses Bildes nicht darin, irgendwohin zu gelangen, sondern darin, etwas loszulassen.

Nicht um die Welt zu verlassen, sondern um sie neu sehen zu können.

Denn möglicherweise beginnt die Berührung mit dem Ewigen genau dort, wo der Mensch für einen Augenblick aufhört, sich selbst zum Mittelpunkt aller Dinge zu machen.

 

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16. Oktober

Sonntag auf dem Lande

Kalenderblatt vom 16. Oktober
„Sonntag auf dem Lande“
„Sunday in the country“
„Domingo en el campo“

Tusche auf Zeichenpapier ca. 15 x 21 cm

Ein Sonntag. Ein Land. Eine Sonne.Drei vertraute Vorstellungen, aus denen sich gewöhnlich ein friedliches Bild zusammensetzt. Doch bei JUANLOBO gerät diese vertraute Welt auf wunderbare Weise aus den Fugen.

Eine mächtige rote Sonne schwebt über einer Landschaft, die sich jeder geografischen Zuordnung entzieht. Sie ist nicht einfach Himmel und Erde, nicht Feld und Flur. Sie scheint vielmehr aus einem unerschöpflichen Vorrat an Erinnerungen, Empfindungen und Fantasien hervorgegangen zu sein.

Unter der Sonne entfaltet sich ein merkwürdiges Eigenleben. Linien wachsen, krümmen sich, verzweigen sich, bilden Netze und rätselhafte Gestalten. Was zunächst wie eine Landschaft erscheint, verwandelt sich bei längerem Hinsehen in eine Welt voller eigenwilliger Wesen und Strukturen. Etwas scheint zu wachsen, etwas anderes zu ruhen. Manches erinnert an Pflanzen, anderes an Körper, Maschinen oder die Überreste einer längst vergessenen Zivilisation.

Und doch wirkt nichts bedrohlich.

Es ist, als hätte die Welt für einen Augenblick ihre gewohnten Regeln vergessen und beschlossen, sich neu zu erfinden.

Die schwarze Tusche zeichnet mit einer beinahe kindlichen Unbefangenheit. Ihre Linien folgen keiner akademischen Ordnung, sondern einer inneren Logik. Sie suchen, tasten, finden zusammen und entfernen sich wieder voneinander. Gerade darin liegt ihre Lebendigkeit.

Dem gegenüber steht die rote Sonne. Sie ist das einzige große Farbereignis des Bildes. Ein glühender Kreis, vollkommen und zugleich unruhig, wie ein Gegenpol zu dem verschlungenen Geschehen unter ihr.

Vielleicht ist sie das einzige Element, das sich seiner selbst vollkommen sicher ist.

Bemerkenswert ist auch der großzügige weiße Raum zwischen der Sonne und der Landschaft. Er trennt nicht nur zwei Bildwelten, sondern lässt ihnen Luft zum Atmen. Hier geschieht scheinbar nichts. Und gerade dadurch beginnt das Bild zu wirken.

Der Titel „Sonntag auf dem Lande“ fügt dem Ganzen eine leise Ironie hinzu. Denn wo ist dieses Land? Und was macht diesen Tag zu einem Sonntag?

Vielleicht ist es die Abwesenheit aller Verpflichtungen. Die Freiheit, nichts darstellen, nichts beweisen und nichts erreichen zu müssen. Eine Welt, die einfach sein darf, ohne sich erklären zu müssen.

So wird dieser Sonntag zu einem Zustand jenseits der gewohnten Ordnung. Zu einem Augenblick, in dem die Fantasie die Wirklichkeit nicht verlässt, sondern erweitert.

JUANLOBO zeigt uns keine Landschaft, wie wir sie kennen. Er erinnert uns daran, dass die Welt auch ganz anders aussehen könnte.

Und vielleicht liegt genau darin das Geheimnis dieses Sonntags: Nicht die Welt ist zur Ruhe gekommen, sondern unser Bedürfnis, sie verstehen und ordnen zu müssen.

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