
Kalenderblatt vom 2. April
“Das liebevolle Umfangen der Sehnsucht”
“loving hug yearning”
“Cariñoso circundando el anhelo”
Tusche auf Bambuspapier ca. 21 x 15 cm
Es war einmal eine Welt, in der die Sehnsucht nicht verborgen lebte, sondern sichtbar am Himmel hing, glühend, pulsierend, unübersehbar wie ein rotes Herz aus Licht. Die Menschen nannten sie den Kern der Erinnerung, doch nur wenige wagten, ihr wirklich nahe zu kommen.
In dieser Welt lebte ein Wanderer, der keinen Namen mehr trug, weil er ihn irgendwann auf dem Weg verloren hatte. Er wusste nur eines: Etwas in ihm rief unaufhörlich nach diesem roten Kreis, der wie ein ferner Sonnenpunkt zwischen den Welten schwebte. Und so folgte er diesem Ruf, Schritt für Schritt, durch Tage ohne Richtung und Nächte ohne Schlaf.
Eines Abends, als die Luft still war und selbst der Wind innehielt, erschien vor ihm eine gewaltige Bewegung aus schwarzer Tusche, ein Bogen, kraftvoll und doch zart, wie die Spur eines unsichtbaren Wesens. Er schien nicht zu drohen, sondern zu umarmen. Und der Wanderer verstand plötzlich: Das war keine Grenze, es war ein Schutz.
Der Bogen begann sich zu bewegen, kaum sichtbar, wie ein Atem. Er legte sich um das rote Leuchten, nicht um es einzusperren, sondern um es zu halten, als würde er sagen: Du bist nicht verloren. Du bist getragen.
Unterhalb dieses leuchtenden Kerns erschien ein sanfter Hauch von Gelb, wie ein erstes Lächeln nach langer Traurigkeit. Der Wanderer spürte, wie sich in ihm etwas löste, etwas, das er viel zu lange festgehalten hatte. Es war die Erkenntnis, die ihn durchströmte:
Sehnsucht ist kein Mangel. Sie ist die Bewegung der Liebe selbst.
Langsam trat er näher. Nicht mehr getrieben, sondern geführt. Nicht mehr suchend, sondern erinnernd. Und als er schließlich mitten in diesem Kreis aus Licht und Umarmung stand, geschah etwas Unerwartetes:
Der rote Kern begann nicht größer zu werden, sondern still.
Und in dieser Stille erkannte er, dass er nie getrennt gewesen war.
Dass die schwarze Linie nicht die Welt von ihm trennte, sondern ihn immer schon gehalten hatte.
Dass das Licht nicht fern war, sondern sein eigenes inneres Leuchten.
So blieb er dort stehen, nicht mehr als Wanderer, sondern als Teil dieses Bildes, als Sehnsucht, die sich selbst liebevoll umfasst hat und endlich zur Ruhe kam.
