
Kalenderblatt vom 27. Mai
“Der Puchari hat Kopfschmerzen”
“The Puchari is suffering from headaches”
“El Puchari tiene dolor de cabeza”
Acryl, Pigment, Acrylpaste auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm
Es war einst tief unter den glutroten Hügeln eines vergessenen Landes ein kleines Wesen namens Puchari. Niemand wusste genau, ob Puchari ein Geist, ein Feuerhüter oder ein uralter Traum der Erde war. Er lebte in einer Kammer aus dunklem Stein, wo die Wände in Kupferrot, verbranntem Orange und schwelendem Schwarz leuchteten, als hätte die Welt dort unten niemals aufgehört zu glühen.
Puchari war kein gewöhnliches Wesen. Sein Kopf war rund wie eine aufgehende Sonne und schimmerte in Gelb, Gold und flüssigem Licht. In ihm wohnten Gedanken, Erinnerungen und uralte Geschichten. Wenn Menschen schliefen, lauschte Puchari ihren unausgesprochenen Sorgen. Wenn Bäume im Sturm ächzten, hörte er ihr Wispern. Und wenn irgendwo ein Herz still und heimlich litt, nahm er auch dieses Seufzen in sich auf.
Doch eines Morgens geschah etwas Merkwürdiges.
Puchari erwachte mit furchtbaren Kopfschmerzen.
Sein goldener Kopf pochte wie ein Hammer auf einem Amboss. Es war, als würden tausend kleine Feuerfunken in seinem Inneren gegeneinander schlagen. Die roten Höhlenwände flimmerten, und selbst die scharfen, silbrigen Linien aus Stein, die ihn umgaben, schienen sich zu verbiegen.
„Oh weh… mein Denken ist schwer wie geschmolzenes Eisen“, murmelte Puchari.
Er versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Doch in seinem Kopf wirbelten zu viele Stimmen. Die Sorgen der Menschen, die Tränen der Tiere, das Knirschen alter Berge, die unerfüllten Wünsche der Liebenden, alles hatte er über Jahre gesammelt. Er hatte geglaubt, ein Hüter müsse alles bewahren. Alles tragen. Alles verstehen.
Doch nun war sein Kopf zu voll geworden.
Verzweifelt machte sich Puchari auf den Weg durch das unterirdische Reich. Sein Körper glühte wie eine kleine Sonne in der Dunkelheit, während er den Rat der Alten suchte.
Zuerst kam er zur Spinne der Asche, die in schwarzen Felsritzen ihre Netze spannte. Sie sagte:
„Wer alles festhält, verstrickt sich selbst.“
Dann traf er den silbernen Splittervogel, der in den scharfen Lichtkanten der Höhlen lebte. Dieser sprach:
„Gedanken müssen fliegen dürfen, sonst werden sie zu Steinen.“
Doch Pucharis Kopf hämmerte weiter.
Schließlich stieg er bis zum höchsten Krater des Feuerbergs, wo die uralte Flammenweise Devi wohnte. Sie hatte Augen wie glühende Monde und sprach selten. Als Puchari vor ihr zusammenbrach und jammerte, legte sie ihre warme Hand auf seinen leuchtenden Kopf.
„Warum hast du Kopfschmerzen, kleiner Hüter?“ fragte sie.
Puchari antwortete: „Weil ich alles bewahren wollte. Jede Angst. Jeden Schmerz. Jede Erinnerung. Ich wollte stark sein.“
Da lächelte Devi.
„Stärke bedeutet nicht, alles zu tragen. Wahre Stärke bedeutet, loszulassen, was nicht mehr brennen muss.“
Dann öffnete sie mit einem Finger einen feinen Spalt in Pucharis goldener Stirn. Kein Blut floss heraus, sondern Licht. Helles, warmes Licht. Alte Sorgen stiegen wie Funken in den Himmel. Kummer zerfiel zu Staub. Fremde Ängste lösten sich wie Rauch im Wind.
Zum ersten Mal seit Jahrhunderten wurde es still in Pucharis Kopf.
Sein Schmerz verschwand.
Er fühlte sich leichter, klarer, weiter.
Als er in seine rote Höhle zurückkehrte, war er noch immer ein Hüter, aber ein anderer. Nun hörte er die Welt weiterhin. Doch er nahm nur noch das auf, was wirklich bewahrt werden musste: Liebe, Mut, Hoffnung und die kleinen leuchtenden Gedanken, die Herzen heilen konnten.
Und wenn heute tief in der Erde ein leises warmes Glimmen pulsiert, erzählen sich die Alten, es sei Puchari, der dort sitzt, rund wie eine kleine Sonne, wachsam und still.
Denn manchmal braucht selbst ein Hüter mit einem goldenen Kopf Kopfschmerzen, um zu lernen, dass nicht jedes Feuer für immer getragen werden muss. Manches darf verglühen, damit neues Licht entstehen kann.
