Kalenderblatt
28. Mai

Regensburger Frühjahrsdult

Kalenderblatt vom 28. Mai
“Regensburger Frühjahrsdult”
“Springfair of Regensburg”
“Feria de la primavera en Ratisbona”

Acryl, Acrylpaste, Quarzsand auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm

Als im Frühjahr die Regensburger Dult erwachte, glaubte man, die Stadt selbst habe begonnen zu träumen. Zwischen den Gassen voller Stimmen, den Karussells aus Licht und den schweren Wolken, die tief über den Dächern hingen, lag ein Tag, der anders war als alle anderen. Es war jener Tag, an dem der Regen nicht fiel, um zu zerstören, sondern um Erinnerungen wachzurufen.

Am Rand der Frühjahrsdult, dort wo gebrannte Mandeln, altes Holz, nasse Erde und Zuckerwatte in der Luft miteinander verschmolzen, erschien ein seltsamer Schausteller. Niemand wusste, woher er kam. Manche nannten ihn den Hüter der Farben, andere den Maler der verborgenen Jahrmärkte. Er trug einen dunklen Mantel, dessen Stoff wie vom Wetter selbst gezeichnet schien, und in seinen Händen hielt er keinen Pinsel, sondern einen schweren Beutel voller Sand, Pigmente und seltsam glänzender Paste.

Als der erste Regen einsetzte, geschah etwas Unerwartetes.

Die Budenlichter begannen sich aufzulösen. Rot floss in Schwarz. Gelb brach hervor wie eine aufgehende Sonne hinter schweren Wolken. Blaue Schatten sammelten sich wie kleine, schweigende Seen unter den Füßen der Besucher. Die Menschen erschraken, denn sie glaubten, die Dult würde im Regen verschwinden.

Doch der Schausteller sprach nur: „Nichts vergeht. Alles verwandelt sich.“

Mit jedem Regentropfen öffnete sich ein unsichtbarer Raum. Das Karussell drehte sich nicht mehr im Kreis, sondern schien in die Tiefe der Zeit zu fahren. Kinder sahen in den Lichtreflexen Tiere tanzen. Alte Menschen erkannten Gesichter, die längst vergangen waren. Händler hielten inne, weil in den schwarzen Flächen zwischen den Farben Erinnerungen an ihre Jugend aufstiegen, an erste Liebe, an verlorene Freunde, an Nächte voller Musik und Hoffnung.

Mitten auf dem Platz entstand eine leuchtende Form aus Gold und Feuer, roh und unvollkommen, als hätte die Erde selbst sie aus ihrem Inneren hervorgestoßen. Der Quarzsand unter den Füßen begann zu glitzern wie tausend kleine Sterne. Jeder Schritt über den nassen Boden klang wie ein Flüstern.

Ein kleines Mädchen, das bisher still geblieben war, trat vor den Schausteller und fragte:
„Ist das ein Fest oder ein Traum?“

Er lächelte und antwortete:
„Beides. Denn jedes wahre Fest ist ein Traum, der für einen Augenblick sichtbar wird.“

Dann zog ein starker Wind durch die Dult. Die roten Fahnen bebten. Schwarze Wolken rissen auf. Ein tiefes, warmes Gelb durchströmte den Himmel wie ein Atemzug des Frühlings. Die Menschen blickten nach oben und verstanden: Der Regen hatte nicht verdunkelt, er hatte sichtbar gemacht.

Als die Nacht kam, verschwand der Schausteller so lautlos, wie er gekommen war.

Doch seit jenem Tag erzählen die Menschen von der „Regensburger Frühjahrsdult“ nicht nur als Markt voller Lichter, Musik und Stimmen. Sie erzählen von einem Ort, an dem Regen Farben freisetzte, Dunkelheit Tiefe schenkte und ein einziges Frühlingsfest zeigte, dass selbst Chaos zu einem Bild werden kann.

Und wer an stillen Regentagen über alte Plätze geht, glaubt manchmal noch, zwischen Schwarz, Rot, Gold und Blau den Schatten jenes Mannes zu sehen, den Maler der verborgenen Jahrmärkte, der wusste, dass in jedem Sturm ein verborgenes Leuchten wartet.

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28. Mai

Einatmen - Ausatmen - Annähern - Entfernen

Kalenderblatt zum 28. Mai  rot
“Einatmen – Ausatmen – Annähern – Entfernen”
“Inhale – exhale – approximate – depart”
“Inspirar – espirar – aproximarse – alejarse”

Aquarell und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

„Einatmen – Ausatmen – Annähern – Entfernen“  wirkt wie ein stiller innerer Rhythmus, ein sichtbarer Atem zwischen Nähe und Distanz, zwischen Wärme und Rückzug, zwischen dem Wunsch, sich der Welt hinzugeben, und der Notwendigkeit, sich wieder in sich selbst zurückzunehmen. Die horizontale Linie, die Wasser und Himmel voneinander trennt und zugleich verbindet, wird zu einer feinen Grenze zwischen dem Sichtbaren und dem Empfundenen. Sie steht für jenen schmalen Übergang, an dem Begegnung geschieht: dort, wo sich Innenwelt und Außenwelt berühren.

Die glühenden Orange-, Rot- und Goldtöne im oberen Bildraum tragen eine fast organische Lebendigkeit in sich. Sie erinnern an einen Sonnenaufgang, an Feuer, an Bewegung, aber zugleich auch an den ersten tiefen Atemzug eines neuen Bewusstseins. Hier scheint das Bild zu atmen. Das Einatmen wird spürbar als Annäherung: ein Öffnen, ein Zulassen, ein mutiges Sich-Hinwenden zum Leben. Die Farben dehnen sich aus, fließen ineinander, verlieren ihre starre Form und zeigen, dass alles Lebendige im Wandel geschieht.

Dem gegenüber steht die weiche, ruhige Spiegelung im Wasser. Sie bringt das Ausatmen ins Werk, das Loslassen, das Zurückgleiten, das Entfernen. Doch dieses Entfernen ist kein Verlust. Es ist ein notwendiger Raum, in dem Erkenntnis wachsen darf. Distanz wird hier nicht als Trennung verstanden, sondern als Form von Klarheit. Was sich im Wasser spiegelt, erscheint sanfter, stiller, beinahe entrückt, als würde das Bild sagen: Erst wenn wir einen Schritt zurückgehen, erkennen wir die Tiefe dessen, was uns berührt.

Besonders kraftvoll ist die fast weiße, freie Form im Zentrum des Himmels. Sie wirkt wie ein offener Atemraum, ein Zwischenmoment, eine Unterbrechung im Fluss der Farben. Vielleicht ein Lichtkörper, vielleicht ein Schweigen, vielleicht ein Symbol für den unberührbaren Kern des Seins. Dort, wo alles fließt, bleibt etwas still. Diese helle Leerstelle wird zum Zentrum der inneren Balance, ein Ort, an dem Annäherung und Entfernung sich nicht widersprechen, sondern ergänzen.

Die reduzierte Weite des Horizonts verleiht dem Werk eine fast meditative Dimension. Es schreit nicht, es erklärt nicht, es lädt ein. Zum Hinschauen. Zum Spüren. Zum Atmen. Das Bild entfaltet eine feine Philosophie des Daseins: Wer wirklich leben will, muss lernen, sich zu nähern  und sich wieder zu entfernen. Einatmen. Ausatmen. Halten. Loslassen.

So wird „Einatmen – Ausatmen – Annähern – Entfernen“ zu einer poetischen Reflexion über Beziehung, Bewegung und innere Balance. Ein Werk, das nicht nur eine Stimmung zeigt, sondern einen universellen Lebensrhythmus sichtbar macht zwischen Feuer und Stille, zwischen Spiegelung und Wirklichkeit, zwischen Sehnsucht und Frieden. Es erinnert daran, dass wahre Harmonie nicht im Festhalten liegt, sondern im fließenden Wechsel von Nähe und Weite.

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