Kalenderblatt
9. April

Lieber eine Lampe vor dem Fuss, als ein Hahn auf dem Kopf

Kalenderblatt vom 9. April
“Lieber eine Lampe vor dem Fuß, als ein Hahn auf dem Kopf”
“Preferably a lamp in front of the foot than a cock upon the head”
“Mejor una lámpara antes del pie que uno gallo encima la cabeza”

Acryl, Acrylpaste,Quarzsand auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm

Zwischen den graublauen Schleiern einer Welt, die weder ganz Nacht noch schon Morgen war, lebte einst ein Wanderer, der nie wusste, wohin sein nächster Schritt ihn führen würde. Die Erde unter seinen Füßen war rau wie aufgewühlter Sand, und der Himmel über ihm schwieg in schweren, dunklen Farben. Und doch trug er auf seiner Stirn etwas, das ihn von allen anderen unterschied: einen leuchtend roten Hahn, der stolz und unübersehbar auf seinem Kopf thronte.

Dieser Hahn krähte nicht zur Morgendämmerung. Nein, er krähte dann, wenn es dem Wanderer am wenigsten half. Mitten in der Nacht, in der tiefsten Unsicherheit, riss sein Ruf die Stille auf wie ein greller Blitz, und der Wanderer erschrak jedes Mal aufs Neue. Die Menschen, denen er begegnete, lachten über ihn oder fürchteten ihn. „Was nützt dir ein Hahn auf dem Kopf“, sagten sie, „wenn du doch nicht siehst, wohin du gehst?“

Doch der Wanderer wusste es nicht besser. Er glaubte lange Zeit, dass Sichtbarkeit wichtiger sei als Klarheit, dass Auffallen wichtiger sei als Verstehen. Und so trug er den Hahn weiter, Schritt für Schritt, durch das diffuse Grau seiner Welt.

Eines Tages jedoch, als die Dunkelheit besonders dicht war und der Boden unter ihm zu zerbrechen schien, stolperte er. Der Hahn krähte laut, schrill und sinnlos, doch diesmal half es ihm nicht. Er fiel. Und während er fiel, geschah etwas Merkwürdiges: Der Hahn verlor seinen Halt, flatterte auf und verschwand in den Schatten.

Zum ersten Mal war es still.

Der Wanderer lag am Boden, erschöpft, verloren und plötzlich bemerkte er etwas, das er all die Zeit übersehen hatte. Direkt vor seinem Fuß, kaum sichtbar im Staub, lag eine kleine Lampe. Unscheinbar, fast vergessen. Er hob sie auf, zögernd, als hätte er Angst, dass auch sie ihn enttäuschen könnte.

Doch als er sie entzündete, geschah etwas Wunderbares.

Kein grelles Licht, kein aufdringlicher Schein, sondern ein sanftes, warmes Leuchten, das genau den nächsten Schritt sichtbar machte. Nicht mehr. Nicht weniger. Und plötzlich verstand der Wanderer etwas, das ihm all die Jahre verborgen geblieben war: Er musste nicht den ganzen Weg sehen. Es genügte, den nächsten Schritt zu erkennen.

Langsam stand er auf. Die Welt um ihn blieb rau, blieb ungewiss, blieb grau und tief. Doch mit jedem Schritt, den er ging, begleitete ihn das Licht der kleinen Lampe. Und mit jedem Schritt wurde sein Herz ruhiger.

Die Menschen, denen er nun begegnete, sahen keinen Hahn mehr. Sie sahen auch keinen großen Glanz. Aber sie spürten etwas anderes, eine stille Sicherheit, eine leise Gewissheit, die nicht laut sein musste, um wahr zu sein.

Und so erzählte man sich später von ihm nicht als dem Mann mit dem Hahn auf dem Kopf, sondern als dem, der gelernt hatte, dass ein kleines Licht vor den Füßen mehr wert ist als jeder laute Ruf über den Köpfen.

Denn wer den nächsten Schritt sieht, findet den Weg.
Und wer den Weg findet, braucht keinen Hahn mehr, um gehört zu werden.

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9. April

Morgen am Meer

Das Kalenderblatt zum 9. April
“Morgen am Meer”
“Morning by the sea”
“Mañana junto al mar”

Acryl, Sand und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

„Morgen am Meer“  ist ein Zustand. Dieses Werk entfaltet sich wie ein inneres Erwachen, das nicht laut beginnt, sondern sich Schicht für Schicht durch die Tiefe des Seins schiebt. Die kraftvollen Strukturen aus Sand und Acrylpaste erzeugen eine Oberfläche, die nicht nur sichtbar, sondern beinahe fühlbar ist, als würde die Zeit selbst hier sedimentiert vor uns liegen.

Im oberen Bereich bricht ein glühendes, fast eruptives Licht durch die Horizontlinie. Es ist kein sanfter Sonnenaufgang, es ist ein Durchbruch, ein Moment der Entscheidung. Die dunklere Linie darunter wirkt wie eine Schwelle zwischen zwei Welten: dem Noch-Nicht und dem Bereits-Gewordenen. Hier geschieht Transformation.

Darunter öffnet sich ein vibrierendes Feld aus Farben und Bewegungen,  ein Meer, das nicht stillsteht, sondern lebt, pulsiert, erinnert. Die warmen Gold- und Orangetöne vermischen sich mit kühleren Nuancen und schaffen ein Spannungsfeld, das gleichzeitig Geborgenheit und Aufbruch signalisiert. Es ist, als würde das Meer selbst die ersten Gedanken des Tages tragen, ungeordnet, roh, ehrlich.

Der untere Bildbereich bringt Ruhe, jedoch keine Leere. Vielmehr entsteht hier ein Raum der Reflexion, ein stiller Resonanzkörper, in dem sich das zuvor Erlebte sammelt. Die weicheren Übergänge und die fast nebelhafte Textur laden dazu ein, innezuhalten und zu spüren, was sich im eigenen Inneren bewegt.

Dieses Bild spricht nicht über einen Morgen, es IST der Moment, in dem etwas Neues beginnt. Es erinnert daran, dass jeder Tag ein Übergang ist, eine Einladung, Altes loszulassen und sich dem Unbekannten zu öffnen.

„Morgen am Meer“ ist damit mehr als eine Landschaft, es ist ein Spiegel für den Betrachter. Wer sich darauf einlässt, erkennt: Der Horizont liegt nicht draußen, er liegt in uns.

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