Kalenderblatt
11. Juni

Vielleicht ist der Stein der Weisen eine Kugel

Kalenderblatt vom 11. Juni
“Vielleicht ist der Stein der Weisen eine Kugel”
“Perhaps the philospoher’s stone is a ball”
“Quizás la piedra filosofal es una bola”

Tusche und Aquarell auf Bambuspapier ca. 21 x 15 cm

In einer Zeit, als die Alchemisten noch glaubten, dass jedes Metall eine verborgene Seele besitzt und jeder Schatten eine Botschaft aus einer anderen Welt trägt, lebte ein Suchender namens Arion. Jahrzehntelang durchwanderte er Bibliotheken, Klöster, Wüsten und Gebirge auf der Suche nach dem Stein der Weisen. Man sagte, dieser geheimnisvolle Stein könne Blei in Gold verwandeln, Krankheit in Gesundheit und Unwissenheit in Erkenntnis.

Arion besaß unzählige Karten, Manuskripte und Rätsel. Er kannte die alten Symbole der Meister, die geheimen Zeichen der Rosenkreuzer und die verschlüsselten Formeln der Alchemie. Doch je mehr er lernte, desto weiter schien sich sein Ziel zu entfernen. Der Stein der Weisen blieb ein Gerücht, ein Flüstern zwischen den Welten.

Eines Tages gelangte er an den Rand eines seltsamen Landes. Dort erhob sich eine dunkle Struktur aus Bögen, Linien und Schatten. Sie wirkte weder natürlich noch künstlich, sondern wie ein Gedanke, der Form angenommen hatte. Über dieser geheimnisvollen Landschaft schwebte eine leuchtend rote Kugel. Sie war vollkommen rund, still und zugleich voller Bewegung, als würde in ihrem Inneren ein verborgenes Feuer brennen.

Arion setzte sich vor die Kugel und wartete. Einen Tag. Zwei Tage. Sieben Tage. Schließlich bemerkte er etwas Merkwürdiges: Die Kugel veränderte nichts außerhalb von ihm. Kein Stein wurde zu Gold, kein Wunder geschah. Stattdessen begann sich etwas in seinem Inneren zu wandeln. Erinnerungen tauchten auf, Ängste lösten sich, alte Überzeugungen zerfielen wie trockene Blätter im Wind.

Da erkannte er seinen Irrtum. Die Alchemisten hatten niemals von einem gewöhnlichen Stein gesprochen. Sie hatten in Bildern und Gleichnissen gelehrt. Der wahre Stein der Weisen war kein Gegenstand, den man finden konnte. Er war ein Zustand des Bewusstseins. Eine Vollkommenheit, die nicht eckig und begrenzt war wie ein Steinblock, sondern rund, grenzenlos und lebendig wie eine Kugel.

Die rote Sphäre vor ihm war das Symbol jener Vollendung. Sie besaß weder Anfang noch Ende. In ihr gab es keine bevorzugte Seite, keine Hierarchie, keinen Mittelpunkt und doch war jeder Punkt Mittelpunkt zugleich. Sie spiegelte die Ordnung des Kosmos wider und erinnerte an die Sonne, an Planeten, an Samen und an die verborgene Gestalt der Seele selbst.

Als Arion dies verstand, begann die dunkle Landschaft um ihn herum zu leuchten. Die schwarzen Linien verwandelten sich nicht in Gold, sie offenbarten ihre Schönheit genau so, wie sie waren. Die Welt hatte sich nicht verändert. Sein Blick hatte sich verändert.

Er kehrte nie mit einem goldenen Schatz in seine Heimat zurück. Stattdessen brachte er etwas Wertvolleres mit: die Erkenntnis, dass die größte Verwandlung nicht im Labor geschieht, sondern im Menschen selbst. Wenn das Innere klar wird, beginnt selbst das Gewöhnliche zu strahlen.

Und so erzählt man sich bis heute die Geschichte von Arion, der den Stein der Weisen fand und entdeckte, dass er vielleicht gar kein Stein war. Vielleicht war er eine Kugel. Eine rote, leuchtende Kugel am Horizont des Bewusstseins, die darauf wartet, von jedem Suchenden neu entdeckt zu werden.

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Kalenderblatt
11. Juni

Friedhelm hat Ausgang

Das Kalenderblatt zum 11. Juni
“Friedhelm hat Ausgang”
“Friedhelm sale”
“Friedhelm goes out”

Acryl, Gitter und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm

Friedhelm war kein gewöhnlicher Mann. Niemand wusste mehr genau, wie alt er war. Manche behaupteten, er sei älter als die Stadt selbst, andere meinten, er sei erst gestern entstanden, aus einem vergessenen Gedanken, der sich geweigert hatte zu verschwinden. Die Wahrheit lag vermutlich irgendwo dazwischen.

Seit vielen Jahren lebte Friedhelm in einem gewaltigen Haus ohne Fenster. Die Mauern bestanden aus Erinnerungen, Gewohnheiten und den vielen kleinen Sätzen, die Menschen sich selbst erzählen: „Dafür bin ich zu alt.“ „Das macht man nicht.“ „Es hat doch keinen Sinn.“ Mit der Zeit waren diese Sätze hart geworden wie Stein und dunkel wie Kohle.

Eines Morgens geschah jedoch etwas Seltsames.

Mitten in der schwarzen Wand seines Zimmers erschien ein schmaler, schimmernder Riss. Zunächst war er kaum größer als ein Haar. Doch je länger Friedhelm hinsah, desto heller begann er zu leuchten. Es war kein gewöhnliches Licht. Es glitzerte in tausend Farben, als hätte jemand einen Regenbogen zermahlen und den Staub in die Dunkelheit gestreut.

Friedhelm trat näher.

„Wer bist du?“, fragte er.

„Ich bin der Ausgang“, antwortete der Riss.

„Der Ausgang wovon?“

„Von allem, was du für unveränderlich hältst.“

Friedhelm kratzte sich am Kopf. Er war kein Freund großer Abenteuer. Abenteuer führten oft zu Blasen an den Füßen, Verwirrung im Herzen und neuen Fragen. Doch das Licht funkelte so verführerisch, dass er schließlich beschloss, hindurchzugehen.

Kaum hatte er den schmalen Spalt berührt, öffnete sich die dunkle Wand wie ein Vorhang.

Dahinter lag eine Landschaft aus lebendigen Schatten. Die Felsen bestanden aus erstarrten Sorgen, die nun langsam zu schmelzen begannen. Zwischen ihnen wuchsen silberne Pflanzen, deren Blätter aus ungelebten Möglichkeiten geformt waren. Überall summten Gedanken, die niemals gedacht worden waren, und Träume schwebten wie bunte Vögel durch die Luft.

Friedhelm wanderte stundenlang durch dieses fremde Land.

Er begegnete einem König ohne Krone, der seine Macht gegen Neugier eingetauscht hatte. Er traf eine alte Frau, die Erinnerungen sammelte und daraus Sterne formte. Und er fand einen Fluss, dessen Wasser aus all den Entscheidungen bestand, die Menschen nie getroffen hatten.

Je weiter Friedhelm ging, desto leichter wurde er.

Die schweren Mäntel aus Zweifel fielen von seinen Schultern. Die rostigen Schlüssel seiner Ängste verschwanden in den Taschen der Vergangenheit. Selbst seine Schritte klangen plötzlich anders, nicht mehr wie das Schleifen alter Gewissheiten, sondern wie die ersten Töne eines unbekannten Liedes.

Als die Sonne dieses seltsamen Landes unterging, setzte sich Friedhelm auf einen schwarzen Hügel und blickte zurück.

Dort, wo einst die dunkle Mauer gestanden hatte, war nun nur noch ein schimmernder Lichtstreifen zu sehen.

Da begriff er etwas.

Der Ausgang war niemals in der Wand gewesen.

Der Ausgang hatte immer in ihm selbst gelegen.

Die Mauer war lediglich die Geschichte gewesen, die er sich über sein Leben erzählt hatte.

Als Friedhelm schließlich zurückkehrte, bemerkten die Menschen sofort, dass etwas anders war. Seine Haare waren dieselben, seine Kleidung ebenfalls. Doch in seinen Augen tanzte nun ein Licht, das vorher nicht dort gewesen war.

„Wo warst du?“, fragten sie.

Friedhelm lächelte.

„Ich hatte Ausgang“, sagte er. „Aus meiner eigenen Gefangenschaft.“

Und wann immer später jemand glaubte, festzustecken, zeigte Friedhelm auf einen unscheinbaren glitzernden Riss im Dunkel und sagte:

„Dort beginnt die Freiheit. Nicht hinter der Mauer. Sondern hinter dem Glauben, dass sie unüberwindbar ist.“

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