Kalenderblatt
31. August

Kalenderblatt 31. August

Das Kalenderblatt zum 31. August
„Wenn die Sonne das Schweigen bricht“
„When the Sun Breaks the Silence“
„Cuando el Sol Rompe el Silencio“

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

Das Licht ist bereits da.

Es tritt nicht als klar umrissene Sonne in Erscheinung. Kein Kreis, kein Horizont, keine Landschaft erklärt seinen Ursprung. Stattdessen breitet sich ein intensives Gelb über nahezu die gesamte Bildfläche aus.

Die Sonne ist hier weniger Gegenstand als Ereignis.

Sie scheint die Oberfläche erfasst zu haben und bringt etwas zum Vorschein, das darunter verborgen gewesen sein könnte.

Im unteren Bereich verdichtet sich das Bild. Schwarze, blaue und rötliche Spuren durchziehen die gelbe Fläche. Linien kreuzen sich, Formen brechen ab, einzelne Zeichen scheinen aufzutauchen und verschwinden wieder.

Sie erinnern an Fragmente einer unbekannten Schrift, an Ritzungen oder die Überreste einer alten Wandmalerei.

Doch nichts davon lässt sich wirklich lesen.

Das Bild weckt damit die Vorstellung einer archäologischen Entdeckung, ohne tatsächlich etwas Archäologisches darzustellen. Es ist, als wäre eine Oberfläche freigelegt worden, auf der sich Spuren erhalten haben, deren Bedeutung verloren gegangen ist.

Etwas ist sichtbar geworden.
Aber es ist nicht verständlich geworden.

Gerade darin liegt die Spannung von „Wenn die Sonne das Schweigen bricht“.

Denn was bedeutet es, Schweigen zu brechen?

Gewöhnlich erwarten wir danach eine Stimme, ein Wort, vielleicht sogar eine Antwort. Doch dieses Bild verweigert eine solche Auflösung. Das Licht beleuchtet die Spuren, aber es übersetzt sie nicht.

Die Acrylpaste verstärkt diesen Eindruck. Sie macht die Oberfläche körperlich. Erhebungen, Verdichtungen und Unebenheiten lassen die Malerei wie etwas erscheinen, das eine eigene Vergangenheit besitzt.

Die Bildfläche wird zum Träger von Zeit.

Manches liegt offen vor uns. Anderes scheint unter den Farbschichten weiterzubestehen. Und manches lässt sich nur noch erahnen.

Das Gelb steht dazu in einem eigentümlichen Gegensatz. Es besitzt eine beinahe überwältigende Helligkeit und könnte Klarheit versprechen. Doch je länger man in diese Helligkeit blickt, desto deutlicher wird:

Sichtbarkeit ist noch keine Erkenntnis.

Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis dieses Bildes.

Wir verbinden Licht mit Offenbarung. Wir erwarten, dass das Helle erklärt, was im Dunkeln verborgen war. Doch manchmal zeigt uns das Licht lediglich, dass etwas vorhanden ist, dessen Bedeutung wir nicht kennen.

Die dunklen Zeichen beginnen dadurch nicht zu sprechen.

Sie bleiben fremd.

Sie bleiben Fragment.

Sie bleiben Spur.

Und vielleicht bricht die Sonne das Schweigen deshalb nicht, indem sie ihm eine Stimme gibt.

Vielleicht macht sie nur sichtbar,
was die ganze Zeit geschwiegen hat.

Teile diesen Beitrag

Kalenderblatt
31. August

Party der Waldgeister

Das Kalenderblatt zum 31. August
“Party der Waldgeister”
“Party of the Forest Spirits”
“La fiesta de los espíritus del bosque”

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm
       

Der Titel gibt dem Blick eine Richtung.

„Party der Waldgeister“ lässt uns nach Wesen suchen, noch bevor wir wissen, ob überhaupt welche vorhanden sind.

Die Bildfläche ist dicht und beinahe vollständig von Farbe und Bewegung erfüllt. Grün und Gelb bestimmen weite Bereiche, dazwischen brechen intensive rote Zonen hervor. Dunkle Partien verdichten den Raum, während weiße Linien über und durch die Farbschichten ziehen.

Nichts steht still.

Die weißen Spuren schlängeln sich durch das Bild, kreuzen einander, verschwinden unter Farbfeldern und tauchen an anderer Stelle wieder auf. Manchmal scheinen sie für einen Augenblick Gestalt anzunehmen.

Ein Körper vielleicht.

Ein Arm.

Ein Kopf.

Eine Figur in Bewegung.

Doch kaum glaubt man, etwas erkannt zu haben, löst es sich wieder auf.

Die Waldgeister entstehen im Sehen.

Der Titel macht aus Linien mögliche Wesen und aus Farbverdichtungen mögliche Körper. Das Auge beginnt, Verbindungen herzustellen und Figuren dort zu entdecken, wo zunächst nur Farbe, Material und Bewegung vorhanden waren.

Gerade dieses Wechselspiel zwischen Erkennen und Verlieren bestimmt das Bild.

Die Acrylpaste verstärkt die körperliche Präsenz der Oberfläche. Manche Bereiche treten hervor, andere scheinen darunter zu verschwinden. Dadurch entsteht kein einheitlicher Bildraum, sondern ein Geflecht verschiedener Ebenen.

Etwas liegt vorne.

Etwas scheint dahinter zu geschehen.

Anderes bleibt verborgen.

Auch die Farben folgen keiner ruhigen Ordnung. Das Grün könnte an Vegetation erinnern, doch es beschreibt keinen Wald. Rot könnte Feuer, Blüten oder Körperlichkeit suggerieren, ohne eines davon tatsächlich darzustellen. Gelb bringt Licht in die Komposition, während dunklere Stellen den Blick immer wieder zurückhalten.

Der Wald wird nicht abgebildet. Er entsteht als Vorstellung.

Und ebenso verhält es sich mit seiner geheimnisvollen Gesellschaft.

Vielleicht feiern hier tatsächlich Waldgeister.

Vielleicht tanzen sie.

Vielleicht drängen sie durcheinander, verschwinden hinter Bäumen und tauchen im nächsten Augenblick wieder auf.

Doch all das geschieht erst, nachdem der Titel unsere Fantasie in Bewegung gesetzt hat.

Ohne ihn könnte das Bild eine abstrakte Komposition aus Farbe, Linie und Material sein. Mit ihm verwandelt sich dieselbe Fläche in einen möglichen Schauplatz.

Darin liegt der besondere Reiz von „Party der Waldgeister“:

Das Bild erzählt keine Geschichte über eine verborgene Welt. Es zeigt auch keine Geister, deren Existenz wir glauben sollen.

Es bringt uns dazu, selbst nach ihnen zu suchen.

Und plötzlich geschieht etwas Merkwürdiges.

Je länger der Blick durch das Dickicht aus Grün, Rot, Gelb, Dunkel und Weiß wandert, desto mehr scheint sich darin zu bewegen.

Eine Figur erscheint.

Dann eine zweite.

Vielleicht noch eine.

Und schon sind sie wieder verschwunden.

Die Party findet nicht irgendwo hinter dem Bild statt.
Sie beginnt im Augenblick des Betrachtens.

Teile diesen Beitrag