Kalenderblatt
12. Juni

Civitella Marittima

Das Kalenderblatt zum 12. Juni
“Civitella Marittima”

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

In einer Nacht, die so dunkel war wie das unbeschriebene Ende einer alten Legende, lag hoch auf einem Hügel ein kleines Dorf aus Licht. Die Menschen nannten es Civitella Marittima, doch die Alten flüsterten einen anderen Namen: Die Stadt, die sich an ihre Träume erinnerte.

Von weitem sah sie aus wie eine schwebende Insel aus Gold und Feuer. Die Häuser drängten sich eng aneinander, als wollten sie sich gegenseitig vor den Geheimnissen der Nacht schützen. Über den Dächern glomm ein warmes Licht, das selbst dann nicht erlosch, wenn kein Mond am Himmel stand.

Eines Abends machte sich ein Wanderer auf den Weg dorthin. Er war viele Jahre durch die Welt gezogen und hatte Städte gesehen, die größer waren, Tempel, die prächtiger waren, und Paläste, die reicher glänzten. Doch nichts hatte sein Herz berührt. Man erzählte ihm, dass es in Civitella Marittima etwas gebe, das man nirgendwo sonst finden könne.

Als er den steilen Pfad hinaufstieg, bemerkte er etwas Seltsames. Mit jedem Schritt wurden die Geräusche der Welt leiser. Das Rauschen des Windes verstummte. Die Stimmen seiner Erinnerungen verloren ihre Macht. Selbst die Sorgen, die er so lange mit sich getragen hatte, fielen von ihm ab wie Staub von einem alten Mantel.

Oben angekommen, erwartete ihn kein Torwächter. Kein Schild. Keine Mauer. Stattdessen saß eine alte Frau auf einer Steinbank und blickte über das dunkle Land.

„Wonach suchst du?“, fragte sie.

Der Wanderer dachte lange nach. Schließlich antwortete er: „Ich suche den Ort, an dem ich endlich ankomme.“

Die Frau lächelte.

„Dann bist du noch nicht weit genug gegangen.“

Verwirrt blickte er sie an.

„Ich bin durch Länder gereist, über Berge und Meere.“

„Ja“, sagte sie. „Aber du bist noch nie den Weg nach innen gegangen.“

Daraufhin führte sie ihn durch die schmalen Gassen des Dorfes. Die Häuser leuchteten in warmen Gold-, Rot- und Bernsteintönen, als würden in ihren Mauern kleine Sonnen schlafen. Aus jedem Fenster schien ein anderes Licht. Manche strahlten Hoffnung aus, andere Erinnerung, wieder andere Mut.

„Jedes Haus“, erklärte die Frau, „gehört einem Traum, den ein Mensch einst aufgegeben hat. Wir bewahren sie hier auf, bis jemand bereit ist, sie wiederzufinden.“

Der Wanderer blieb vor einem kleinen Haus stehen, dessen Fenster heller leuchteten als alle anderen. Als er hineinsah, erkannte er etwas, das er längst verloren geglaubt hatte: den jungen Menschen, der er einst gewesen war. Voller Neugier. Voller Vertrauen. Voller Leben.

Tränen traten ihm in die Augen.

„Kann ich diesen Traum zurückbekommen?“, fragte er leise.

Die alte Frau nickte.

„Träume sterben nicht. Sie warten.“

In diesem Augenblick begann die ganze Stadt zu leuchten. Das goldene Licht floss über die Dächer und hinunter in die Dunkelheit der Welt. Der Wanderer verstand plötzlich, warum Civitella Marittima von weitem wie ein Feuer auf einem Berg aussah.

Es war kein Feuer aus Holz oder Flammen.

Es war das Licht all jener Menschen, die den Mut gefunden hatten, zu sich selbst zurückzukehren.

Und noch heute, wenn die Nacht besonders dunkel ist, erzählen sich die Menschen in den Tälern, dass hoch oben auf dem Hügel eine Stadt aus Licht schwebt. Wer ihren Ruf hört und ihm folgt, findet dort keinen Schatz aus Gold.

Er findet den vergessenen Teil seines eigenen Herzens.

Denn Civitella Marittima ist nicht nur ein Ort auf einer Landkarte. Sie ist die Erinnerung daran, dass in jedem Menschen ein Licht brennt, das selbst die tiefste Dunkelheit nicht auslöschen kann. Ein Licht, das wartet, entdeckt zu werden.

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Kalenderblatt
12. Juni

Abend am Meer

Das Kalenderblatt zum 12. Juni
“Abend am Meer”
“Atardecer junto al mar”
“Evening by the sea”

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm

Dieses Bild zeigt einen Augenblick, in dem sich die Welt zwischen Glut und Tiefe, zwischen Feuer und Wasser, zwischen Tag und Nacht neu ordnet. Die intensive Farbigkeit zieht den Blick unmittelbar in ihren Bann: Das obere Bildfeld leuchtet in kraftvollen Orange-, Rot- und Goldtönen, als würde der Himmel selbst in flüssiges Licht verwandelt. Darunter liegt das Meer, dunkelblau, geheimnisvoll und ruhig, als Gegenpol zur lodernden Energie des Himmels.

Die horizontale Linie in der Bildmitte wirkt wie eine Schwelle zwischen zwei Wirklichkeiten. Oberhalb entfaltet sich ein Reich der Bewegung, der Leidenschaft und der schöpferischen Kraft. Die reliefartigen Strukturen erinnern an aufsteigende Flammen, an Wolkenformationen oder an verborgene Gestalten, die aus dem Licht geboren werden. Unterhalb dieser Grenze öffnet sich ein Raum der Reflexion. Das Meer nimmt die Farben des Himmels auf, verwandelt sie jedoch in etwas Stilleres, Tieferes und Nachdenklicheres.

Gerade in dieser Spannung liegt die besondere Kraft des Werkes. Es erzählt von dem Moment, in dem ein Tag zu Ende geht, ohne wirklich zu verschwinden. Alles, was erlebt, gefühlt und gedacht wurde, sinkt in die Tiefe des Bewusstseins und wird dort zu Erinnerung. Das Meer wird zum Symbol des inneren Raumes, der die Erfahrungen des Lebens aufnimmt und bewahrt.

Die kräftigen Strukturen der Acrylpaste verleihen dem Bild eine fast geologische Dimension. Es wirkt, als hätten sich Zeit, Licht und Bewegung Schicht um Schicht eingeschrieben. Dadurch entsteht nicht nur ein Landschaftsbild, sondern eine Art innere Topografie des Übergangs. Der Betrachter blickt nicht lediglich auf einen Abend am Meer, sondern auf einen Zustand der Seele, in dem sich äußere Natur und inneres Erleben miteinander verbinden.

„Abend am Meer“ erinnert daran, dass jeder Sonnenuntergang zugleich ein Versprechen ist. Das Licht verschwindet nicht, es wandelt lediglich seine Form. Was am Horizont vergeht, lebt in der Tiefe weiter. So wird das Bild zu einer poetischen Meditation über Wandel, Loslassen und Vertrauen. Es lädt dazu ein, für einen Moment innezuhalten und zu spüren, dass selbst im Ende eines Tages bereits der Keim eines neuen Morgens verborgen liegt. Das Meer bewahrt die Erinnerung an das Licht, und das Licht hinterlässt seine Spur im Meer. Genau zwischen diesen beiden Polen entfaltet dieses Werk seine stille, berührende und zeitlose Schönheit.

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