
Das Kalenderblatt zum 19. April
“Schleier des Saturn”
“Veil of Saturn”
“Velo del Saturno”
Aquarell, Pastellkreide und Acrylpaste
auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm
Es heißt, dass es einen Ort jenseits der sichtbaren Himmel gibt, an dem Zeit nicht vergeht, sondern atmet. Dort, wo die Ringe des Saturn nicht aus Staub bestehen, sondern aus Erinnerungen, aus unausgesprochenen Gedanken und aus all dem, was Menschen nie gewagt haben zu leben.
Ein Wanderer, niemand wusste, woher er kam, fand eines Tages den Zugang zu diesem Reich. Er war nicht aus Fleisch und Blut wie du und ich, sondern aus Fragen. Sein ganzes Wesen war durchzogen von einer einzigen Sehnsucht: Was liegt hinter dem Schleier?
Vor ihm spannte sich ein gewaltiger Bogen aus Farben, tiefes Blau, glühendes Rot, vibrierendes Gelb, wie ein kosmischer Atemzug, eingefroren im Moment seiner größten Intensität. Es war der Schleier des Saturn, von dem die Alten flüsterten. Sie sagten, er trenne nicht Welten, sondern Bewusstseinszustände.
Der Wanderer trat näher. Je näher er kam, desto mehr begann der Schleier zu flimmern, als würde er ihn erkennen. „Bist du bereit?“, fragte eine Stimme, die nicht von außen kam, sondern aus seinem Innersten.
Er zögerte.
Denn er spürte plötzlich, was dieser Schleier wirklich war: nicht eine Grenze im Raum, sondern eine Grenze in ihm selbst. Alles, was er verdrängt hatte, alles, was er gefürchtet hatte, begann in den Farben zu leben. Das Rot pulsierte wie unterdrückte Leidenschaft, das Gelb flackerte wie ungelebte Möglichkeiten, und das Blau zog ihn hinein wie die Tiefe seines eigenen Unbewussten.
Der Schleier prüfte nicht seine Stärke, sondern seine Ehrlichkeit.
Mit einem Atemzug, der sich wie ein ganzes Leben anfühlte, legte er seine Angst ab. Nicht, weil sie verschwand, sondern weil er sie annahm. Und in diesem Moment geschah etwas Unerwartetes: Der Schleier öffnete sich nicht, er löste sich auf.
Denn es gab nichts zu durchschreiten.
Er erkannte, dass der Schleier nie außerhalb von ihm existiert hatte. Er war aus all den Schichten gewoben, die er selbst um seine Wahrheit gelegt hatte. Und als er diese losließ, wurde er nicht hindurchgeführt, er wurde eins mit dem, was dahinter lag.
Die Farben verschmolzen, die Grenze verschwand, und der Wanderer wurde still.
Seitdem erzählen die Hüter der alten Geschichten: Wer den Schleier des Saturn sieht, steht nicht vor einem Geheimnis des Universums, sondern vor dem letzten Geheimnis seines eigenen Wesens.
Und nur wer den Mut hat, sich selbst vollständig zu begegnen, wird erkennen:
Es gibt keinen Schleier.
Es gab ihn nie.