Schlagwortarchiv: Höhlenstruktur

Kalenderblatt
25. Juni

Höhlenstruktur vom Samstag

Kalenderblatt vom 25. Juni
„Höhlenstruktur vom Samstag“
“Saturday’s cave structur”

“Estructura cueva del sábado”

Gesso, Acryl auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm

Es gibt Orte, die niemand auf einer Landkarte findet. Sie liegen nicht hinter Bergen, nicht am Ende einer Straße und nicht auf einer Insel im Meer. Sie liegen unter den Schichten dessen, was wir über uns selbst zu wissen glauben.

Eines Tages beschloss ein Mann, eine Höhle zu betreten, von der die Alten nur flüsternd gesprochen hatten. Sie nannten sie die Höhle der vergessenen Spuren. Niemand wusste genau, wo ihr Eingang lag. Manche behaupteten, er erscheine nur jenen, die lange genug aufgehört hätten zu suchen.

Als der Mann schließlich vor der dunklen Wand stand, sah er zunächst nichts Besonderes. Nur rauen Stein, Risse, Schatten und ein tiefes Blau, das fast schwarz wirkte. Doch je länger er hinsah, desto mehr begann die Oberfläche zu leben. Linien zeichneten Wege nach, die nirgendwohin führten und doch miteinander verbunden waren. Helle Schleier schimmerten wie Erinnerungen, die aus einer anderen Zeit herüberwehten.

Die Höhle war kein Ort. Sie war ein Gedächtnis.

Mit jedem Schritt nach innen löste sich etwas von ihm. Erst die Eile. Dann die Sorgen. Schließlich sogar die Geschichten, die er seit Jahren über sich selbst erzählte. Die Wände schienen diese Lasten aufzunehmen, als hätten sie genau darauf gewartet.

Im tiefsten Raum der Höhle fand er keine Schätze, keine geheimen Schriften und keine Antworten. Stattdessen begegnete er einer großen Stille. Einer Stille, die so dicht war, dass sie beinahe eine Gestalt hatte.

Dort verstand er etwas Merkwürdiges: Nicht alles im Leben muss erklärt werden. Manche Wahrheiten zeigen sich erst, wenn das Denken müde wird und das Schweigen zu sprechen beginnt.

Als er die Höhle wieder verließ, hatte sich äußerlich nichts verändert. Die Welt war dieselbe geblieben. Die Bäume standen noch dort, der Wind strich über die Felder, und die Menschen eilten ihren Geschäften nach.

Doch in seinem Inneren war etwas anders geworden.

Er trug nun einen kleinen Teil dieser blauen Tiefe in sich. Jenen Raum, in dem nichts bewiesen werden muss. Jenen Ort, an dem die Seele ihre alten Häute abstreift und sich daran erinnert, dass sie größer ist als jede Rolle, jeder Erfolg und jede Niederlage.

Die Höhlenstruktur vom Samstag erzählt von diesem verborgenen Innenraum. Von den Schichten des Erlebens, die sich übereinandergelegt haben. Von den feinen Rissen, durch die Licht in die Dunkelheit fällt. Und von der stillen Einladung, tiefer zu gehen, als man ursprünglich vorhatte.

Denn manchmal liegt das Wertvollste nicht am Ende einer Reise.

Manchmal wartet es bereits in der Tiefe des eigenen Schweigens.

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Kalenderblatt 21. Juni

Fluss in der Höhlenstruktur am Dienstag

Kalenderblatt vom 21. Juni
„Fluss in der Höhlenstruktur am Dienstag“
„River  in the cave structur on tuesday“
„Río en la estructura cueva del martes“

Acryl, Acrylpaste auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm

Jeden Dienstag um 17:43 Uhr begann die Höhle zu trinken.

Niemand wusste, wer das zuerst bemerkt hatte. Vielleicht war es ein Fischer, vielleicht eine alte Frau mit zu viel Zeit oder ein Kind, das lieber Wolken beobachtete als Hausaufgaben machte. Tatsache war: Immer dienstags verschwand ein Teil des Flusses.

Nicht viel. Gerade genug, um aufzufallen.

Das Wasser floss nicht schneller. Es verdunstete nicht. Es versickerte nicht. Es wurde einfach weniger, als würde die Höhle selbst daran nippen wie an einer Tasse Tee.

Die Gelehrten kamen mit Messgeräten. Die Wissenschaftler mit Computern. Die Esoteriker mit Kristallen. Die Politiker mit Pressekonferenzen.

Doch der Fluss schwieg.

Eines Tages erschien ein alter Kartenzeichner. Er trug einen abgewetzten Mantel und einen Bleistift hinter dem Ohr. Statt den Fluss zu vermessen, setzte er sich ans Ufer und wartete.

Stundenlang.

Als der Dienstag kam und die Uhr 17:43 zeigte, geschah etwas Merkwürdiges.

Die Höhlenwand begann, Geschichten zu verschlucken.

Zuerst verschwanden Namen. Dann Erinnerungen. Schließlich ganze Erzählungen. Die Wand sog sie auf wie trockene Erde den Regen.

Der Kartenzeichner lächelte.

„Natürlich“, sagte er. „Der Fluss verliert kein Wasser. Die Höhle sammelt Geschichten.“

Da bemerkten die Menschen die feinen Linien und Strukturen im Gestein. Jede Kerbe war ein vergessenes Märchen. Jeder Schatten ein verlorener Traum. Jede helle Spur die Erinnerung eines Menschen, der längst nicht mehr lebte.

Seit Jahrhunderten hatte die Höhle alles bewahrt, was die Welt nicht mehr brauchte und doch nicht verlieren durfte.

Die erste Liebeserklärung eines schüchternen Jungen.

Das Lied einer ausgestorbenen Vogelart.

Den letzten Gedanken eines Seefahrers.

Den Namen einer Stadt, die längst im Meer versunken war.

Alles floss durch den goldenen Strom und lagerte sich in den Wänden ab.

Darum wirkte die Höhle lebendig.

Darum schien sie zuzuhören.

Darum fühlte sich jeder Besucher seltsam beobachtet.

Denn die Höhle kannte mehr Geschichten als jedes Buch.

Mehr Erinnerungen als jedes Archiv.

Mehr Leben als jede Stadt.

Und noch heute sagt man, dass sie jeden Dienstag ein wenig mehr davon sammelt.

Vielleicht deshalb berühren uns manche Orte, ohne dass wir wissen warum. Vielleicht stehen wir manchmal vor einer Wand, einem Bild oder einer Landschaft und haben plötzlich das Gefühl, etwas längst Vertrautes wiederzufinden. Vielleicht sind es die Geschichten, die dort auf uns warten.

Und vielleicht fließt unter jeder Erinnerung ein goldener Fluss, der niemals aufhört, sie weiterzutragen.

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