Schlagwortarchiv: Dienstag

Kalenderblatt
1. Juli

Dienstag Abend am Meer

Das Kalenderblatt zum 01. Juli
„Dienstag Abend am Meer“
„Tuesday evening on the beach“
„Martes de la tarde al mar“

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

Es war einer dieser Dienstagabende, die niemand im Kalender markiert und die sich dennoch für immer ins Gedächtnis schreiben. Das Meer hatte aufgehört, laut zu sein. Es sprach nur noch in langen Atemzügen, die den Strand streiften, als wollten sie die letzten Geschichten des Tages einsammeln, bevor die Nacht sie verschluckte.

Ein alter Mann saß auf einem flachen Stein und blickte auf den Horizont. Er war nicht gekommen, um etwas zu suchen. Er war gekommen, um endlich aufzuhören zu suchen. Jahrzehntelang hatte er Pläne geschmiedet, Wege verfolgt, Ziele erreicht und wieder verworfen. Immer war da die Vorstellung gewesen, dass hinter der nächsten Kurve das eigentliche Leben beginne. Ein bemerkenswert menschlicher Irrtum. Das Leben besitzt die hartnäckige Angewohnheit, genau dort stattzzufinden, wo man gerade sitzt.

Über ihm glühte der Himmel in Schichten aus Gold, Kupfer und tiefem Purpur, als hätte der Abend beschlossen, seine Farben nicht sparsam zu verwenden. Unter diesem Feuer lag das Meer erstaunlich ruhig. Dunkle Inseln zeichneten sich am Horizont ab, wie Erinnerungen, die zwar verblassen, aber niemals ganz verschwinden.

Der Mann lächelte plötzlich. Nicht, weil etwas Außergewöhnliches geschah. Sondern weil endlich nichts mehr geschehen musste. Die Wellen verlangten keinen Erfolg. Der Wind stellte keine Fragen. Selbst die untergehende Sonne schien ihm zuzuflüstern, dass jeder Tag nur deshalb schön enden könne, weil er den Mut habe, zu Ende zu gehen.

Er nahm einen kleinen Stein, hielt ihn einen Moment in der Hand und warf ihn ins Wasser. Die Kreise breiteten sich aus, verschwanden wieder und hinterließen nichts Sichtbares. Doch genau darin lag ihre Wahrheit. Nicht alles, was Wirkung entfaltet, hinterlässt eine Spur, die man sehen kann. Manche Veränderungen geschehen lautlos, tief unter der Oberfläche, dort, wo kein Blick mehr hinreicht.

Als die ersten Schatten länger wurden, erhob er sich langsam. Der Himmel war noch immer hell, doch das Licht hatte seinen Charakter verändert. Es kämpfte nicht mehr gegen die Dunkelheit. Es übergab ihr würdevoll den Raum.

Auf dem Heimweg drehte er sich ein letztes Mal um. Das Meer lag da wie ein offenes Versprechen. Nicht für morgen. Nicht für irgendwann. Für diesen einen Dienstagabend, der ihm mehr über das Leben erzählt hatte als viele laute Jahre zuvor.

Vielleicht ist das die eigentliche Kunst des Lebens: nicht jeden Sonnenuntergang festhalten zu wollen, sondern sich von ihm verwandeln zu lassen. Denn zwischen Himmel und Meer entsteht manchmal jener stille Augenblick, in dem die Welt nichts von uns verlangt und wir zum ersten Mal erkennen, dass genau das genügt.

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Kalenderblatt 21. Juni

Fluss in der Höhlenstruktur am Dienstag

Kalenderblatt vom 21. Juni
„Fluss in der Höhlenstruktur am Dienstag“
„River  in the cave structur on tuesday“
„Río en la estructura cueva del martes“

Acryl, Acrylpaste auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm

Jeden Dienstag um 17:43 Uhr begann die Höhle zu trinken.

Niemand wusste, wer das zuerst bemerkt hatte. Vielleicht war es ein Fischer, vielleicht eine alte Frau mit zu viel Zeit oder ein Kind, das lieber Wolken beobachtete als Hausaufgaben machte. Tatsache war: Immer dienstags verschwand ein Teil des Flusses.

Nicht viel. Gerade genug, um aufzufallen.

Das Wasser floss nicht schneller. Es verdunstete nicht. Es versickerte nicht. Es wurde einfach weniger, als würde die Höhle selbst daran nippen wie an einer Tasse Tee.

Die Gelehrten kamen mit Messgeräten. Die Wissenschaftler mit Computern. Die Esoteriker mit Kristallen. Die Politiker mit Pressekonferenzen.

Doch der Fluss schwieg.

Eines Tages erschien ein alter Kartenzeichner. Er trug einen abgewetzten Mantel und einen Bleistift hinter dem Ohr. Statt den Fluss zu vermessen, setzte er sich ans Ufer und wartete.

Stundenlang.

Als der Dienstag kam und die Uhr 17:43 zeigte, geschah etwas Merkwürdiges.

Die Höhlenwand begann, Geschichten zu verschlucken.

Zuerst verschwanden Namen. Dann Erinnerungen. Schließlich ganze Erzählungen. Die Wand sog sie auf wie trockene Erde den Regen.

Der Kartenzeichner lächelte.

„Natürlich“, sagte er. „Der Fluss verliert kein Wasser. Die Höhle sammelt Geschichten.“

Da bemerkten die Menschen die feinen Linien und Strukturen im Gestein. Jede Kerbe war ein vergessenes Märchen. Jeder Schatten ein verlorener Traum. Jede helle Spur die Erinnerung eines Menschen, der längst nicht mehr lebte.

Seit Jahrhunderten hatte die Höhle alles bewahrt, was die Welt nicht mehr brauchte und doch nicht verlieren durfte.

Die erste Liebeserklärung eines schüchternen Jungen.

Das Lied einer ausgestorbenen Vogelart.

Den letzten Gedanken eines Seefahrers.

Den Namen einer Stadt, die längst im Meer versunken war.

Alles floss durch den goldenen Strom und lagerte sich in den Wänden ab.

Darum wirkte die Höhle lebendig.

Darum schien sie zuzuhören.

Darum fühlte sich jeder Besucher seltsam beobachtet.

Denn die Höhle kannte mehr Geschichten als jedes Buch.

Mehr Erinnerungen als jedes Archiv.

Mehr Leben als jede Stadt.

Und noch heute sagt man, dass sie jeden Dienstag ein wenig mehr davon sammelt.

Vielleicht deshalb berühren uns manche Orte, ohne dass wir wissen warum. Vielleicht stehen wir manchmal vor einer Wand, einem Bild oder einer Landschaft und haben plötzlich das Gefühl, etwas längst Vertrautes wiederzufinden. Vielleicht sind es die Geschichten, die dort auf uns warten.

Und vielleicht fließt unter jeder Erinnerung ein goldener Fluss, der niemals aufhört, sie weiterzutragen.

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