
Kalenderblatt vom 21. Juni
„Fluss in der Höhlenstruktur am Dienstag“
„River in the cave structur on tuesday“
„Río en la estructura cueva del martes“
Acryl, Acrylpaste auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm
Jeden Dienstag um 17:43 Uhr begann die Höhle zu trinken.
Niemand wusste, wer das zuerst bemerkt hatte. Vielleicht war es ein Fischer, vielleicht eine alte Frau mit zu viel Zeit oder ein Kind, das lieber Wolken beobachtete als Hausaufgaben machte. Tatsache war: Immer dienstags verschwand ein Teil des Flusses.
Nicht viel. Gerade genug, um aufzufallen.
Das Wasser floss nicht schneller. Es verdunstete nicht. Es versickerte nicht. Es wurde einfach weniger, als würde die Höhle selbst daran nippen wie an einer Tasse Tee.
Die Gelehrten kamen mit Messgeräten. Die Wissenschaftler mit Computern. Die Esoteriker mit Kristallen. Die Politiker mit Pressekonferenzen.
Doch der Fluss schwieg.
Eines Tages erschien ein alter Kartenzeichner. Er trug einen abgewetzten Mantel und einen Bleistift hinter dem Ohr. Statt den Fluss zu vermessen, setzte er sich ans Ufer und wartete.
Stundenlang.
Als der Dienstag kam und die Uhr 17:43 zeigte, geschah etwas Merkwürdiges.
Die Höhlenwand begann, Geschichten zu verschlucken.
Zuerst verschwanden Namen. Dann Erinnerungen. Schließlich ganze Erzählungen. Die Wand sog sie auf wie trockene Erde den Regen.
Der Kartenzeichner lächelte.
„Natürlich“, sagte er. „Der Fluss verliert kein Wasser. Die Höhle sammelt Geschichten.“
Da bemerkten die Menschen die feinen Linien und Strukturen im Gestein. Jede Kerbe war ein vergessenes Märchen. Jeder Schatten ein verlorener Traum. Jede helle Spur die Erinnerung eines Menschen, der längst nicht mehr lebte.
Seit Jahrhunderten hatte die Höhle alles bewahrt, was die Welt nicht mehr brauchte und doch nicht verlieren durfte.
Die erste Liebeserklärung eines schüchternen Jungen.
Das Lied einer ausgestorbenen Vogelart.
Den letzten Gedanken eines Seefahrers.
Den Namen einer Stadt, die längst im Meer versunken war.
Alles floss durch den goldenen Strom und lagerte sich in den Wänden ab.
Darum wirkte die Höhle lebendig.
Darum schien sie zuzuhören.
Darum fühlte sich jeder Besucher seltsam beobachtet.
Denn die Höhle kannte mehr Geschichten als jedes Buch.
Mehr Erinnerungen als jedes Archiv.
Mehr Leben als jede Stadt.
Und noch heute sagt man, dass sie jeden Dienstag ein wenig mehr davon sammelt.
Vielleicht deshalb berühren uns manche Orte, ohne dass wir wissen warum. Vielleicht stehen wir manchmal vor einer Wand, einem Bild oder einer Landschaft und haben plötzlich das Gefühl, etwas längst Vertrautes wiederzufinden. Vielleicht sind es die Geschichten, die dort auf uns warten.
Und vielleicht fließt unter jeder Erinnerung ein goldener Fluss, der niemals aufhört, sie weiterzutragen.