
Das Kalenderblatt zum 29. April
“Die Stadt am anderen Ufer”
“The City on the Other Shore”
“La ciudad en la otra orilla”
Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm
„Die Stadt am anderen Ufer“ ist kein geographischer Ort. Sie ist eine Verheißung, eine Ahnung, ein fernes Gegenüber des eigenen Daseins. Dieses Bild zeigt nicht einfach Architektur oder Landschaft, es zeigt den inneren Moment, in dem der Mensch spürt, dass jenseits seines gegenwärtigen Ufers noch etwas anderes existiert: eine unbekannte Ordnung, ein noch nicht betretenes Land, eine Wirklichkeit hinter der sichtbaren Wirklichkeit.
Schon die fließenden, glühenden Farbströme aus Ocker, Gelb, Rot und blassem Rosa erzeugen eine Atmosphäre von Hitze, Übergang und seelischer Spannung. Nichts in diesem Werk ruht. Alles scheint im Zustand des Werdens, des Verfließens, des Hinüberdrängens. Die markanten dunklen Bögen im linken Bildraum wirken wie Reste einer Brücke, Fragmente eines Hafens oder die gebogenen Arme einer unsichtbaren Einladung. Sie sind kein abgeschlossenes Bauwerk, vielmehr sind sie Zeichen eines Aufbruchs, Hinweise darauf, dass zwischen Hier und Dort eine Verbindung möglich ist, auch wenn sie noch unvollständig erscheint.
Im Zentrum verschwimmen Formen zu einer kaum fassbaren Silhouette. Dort beginnt jene geheimnisvolle Stadt, die dem Bild seinen Titel gibt: nicht scharf umrissen, nicht rational erfassbar, sondern wie aus Licht, Erinnerung und Sehnsucht gebaut. Gerade diese Unschärfe ist entscheidend. Denn die bedeutendsten Ziele des Menschen sind nie in klaren Linien vor uns ausgebreitet. Sie erscheinen zuerst als Ahnung. Als undeutlicher Ruf. Als inneres Wissen, dass auf der anderen Seite des Gewohnten ein neuer Bewusstseinsraum wartet.
Die pastosen Spuren der Acrylpaste geben dem Werk dabei eine körperliche Widerständigkeit. Man spürt förmlich, dass der Weg zu dieser „Stadt“ nicht glatt, nicht bequem, nicht selbstverständlich ist. Jeder Übergang verlangt Reibung. Jede Verwandlung verlangt das Durchqueren von Unsicherheit. Das Bild erzählt somit von jener existenziellen Situation, in der der Mensch am Ufer seines bisherigen Lebens steht und hinübersieht auf etwas, das ihn magnetisch anzieht, obwohl er es noch nicht benennen kann.
Besonders faszinierend ist die Farbdramaturgie: Das warme, fast brennende Licht dominiert die Szene, während rechts kühle Blauanteile wie Wasser, Tiefe oder Distanz aufscheinen. Dadurch entsteht ein spannungsreicher Dialog zwischen Nähe und Ferne, Feuer und Strom, Sehnsucht und Trennung. Die Stadt am anderen Ufer ist sichtbar und doch nicht erreichbar, solange man nur betrachtet. Das Werk stellt damit die stille Frage: Wann wird aus dem Sehen ein Gehen? Wann wird aus der Sehnsucht der erste Schritt?
So wird dieses kleine Format zu einem großen Sinnbild menschlicher Entwicklung. Jeder trägt eine Stadt am anderen Ufer in sich: einen Ort des noch nicht Gelebten, des noch nicht Erkannten, des noch nicht Gewagten. Ich mache diesen inneren Horizont sichtbar. Ich male die Schwelle zwischen Bekanntem und Kommendem, zwischen dem sicheren Ufer und dem verheißungsvollen Jenseits. Und genau darin liegt die Kraft dieses Werkes: Es erinnert uns daran, dass das Wesentliche unseres Lebens fast immer dort liegt, wo wir noch nicht angekommen sind.
