Archiv der Kategorie: Remastert

Kalenderblatt 8. Mai

Zirkulation der Kräfte

Das Kalenderblatt zum 8. Mai
“Zirkulation der Kräfte”
“Circulation of the forces”
“Circulación de las fuercas”

Aquarell, Pastellkreide und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm

„Zirkulation der Kräfte“ wirkt wie der Blick in einen unsichtbaren Organismus des Lebens selbst. Dieses Bild zeigt keine statische Szene, es zeigt einen Vorgang, eine innere Bewegung, ein pulsierendes Geschehen zwischen Himmel, Körper, Energie und Bewusstsein. Die geschwungenen roten Bahnen erinnern an Blutadern, Wurzeln, kosmische Antennen oder feurige Leitungen einer geheimen Intelligenz, die alles miteinander verbindet. Nichts in diesem Werk steht still. Alles scheint zu fließen, sich auszudehnen, sich gegenseitig zu nähren. Genau darin liegt seine hypnotische Kraft.

Im Zentrum lodert eine leuchtende Form aus Orange, Gold und Rot, wie ein inneres Sonnenfeuer, ein spiritueller Reaktor oder das glühende Herz einer Schöpfung, die sich ständig erneuert. Die violetten Formen daneben wirken wie Schutzräume, Resonanzfelder oder energetische Flügel, die dieses Feuer umgeben und zugleich verstärken. Dadurch entsteht eine Spannung zwischen Kraft und Geborgenheit, zwischen Explosion und Sammlung, zwischen Instinkt und Bewusstsein.

Die dunkle, fast erdige Struktur im unteren Bereich erinnert an vulkanisches Gestein, verbrannte Erde oder an die Schichten alter Erfahrungen. Aus dieser Tiefe steigt das Licht empor. Genau dadurch erzählt das Bild von Transformation: Energie entsteht nicht trotz der Dunkelheit, sondern durch sie hindurch. Die schwarze Struktur wirkt wie verdichtete Erinnerung, wie gelebtes Leben, wie Materie selbst, aus der sich neue Bewegung erhebt.

Besonders faszinierend ist die Wirkung der roten Linien. Sie verbinden die obere und untere Ebene wie Kreisläufe eines unsichtbaren Systems. Man könnte darin Nervenbahnen sehen, Energieleitungen, Pflanzenadern oder sogar kosmische Strömungen zwischen Mensch und Universum. Das Werk öffnet damit einen Raum für eine uralte Erkenntnis: Alles ist verbunden. Alles antwortet aufeinander. Jede Bewegung erzeugt Gegenbewegung. Jede Emotion sendet Schwingung aus.

Die Kombination aus Aquarell, Pastellkreide und Acrylpaste verstärkt diesen Eindruck enorm. Das weiche Fließen des Aquarells trifft auf die körperhafte Präsenz der Paste und auf die vibrierende Direktheit der Kreide. Dadurch entsteht eine Oberfläche, die nicht nur betrachtet, sondern beinahe körperlich gespürt werden kann. Das Bild wirkt wie ein energetisches Relief, zart und eruptiv zugleich.

„Zirkulation der Kräfte“ ist deshalb weit mehr als eine abstrakte Komposition. Es ist eine poetische Vision über den Kreislauf von Energie, Bewusstsein und Leben. Ein Bild über das, was ständig durch uns hindurchströmt: Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Hoffnung, Schmerz, Liebe, Licht. Und vielleicht erinnert uns dieses Werk daran, dass wir selbst Teil eines viel größeren Kreislaufs sind, eines unsichtbaren Stromes, der alles Lebendige miteinander verbindet.

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Kalenderblatt
8. Mai

Geht's hier raus?

Das Kalenderblatt zum 8. Mai
“Geht’s hier raus?”
“Is this the way out?”
“¿Se sale por aquí?”

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm

Die Wände waren gelb. Nicht einfach nur gelb, sie leuchteten in einem fast unerträglichen Ton zwischen Sonnenaufgang und Warnsignal. Als hätte jemand versucht, Licht einzusperren. Seit Tagen wanderte der kleine Mann durch diesen Raum ohne Türen, ohne Fenster, ohne Erinnerung daran, wie er überhaupt hier hineingeraten war. Der Boden unter seinen Füßen schimmerte rostrot wie verbrannte Erde, und die Luft roch nach Staub, Farbe und einer Vergangenheit, die zu lange geschwiegen hatte.

Mitten in dieser flirrenden Enge hing plötzlich etwas an der Wand. Ein schmaler, türkisgrüner Ausschnitt. Wie ein Riss in der Wirklichkeit. Dahinter lag ein Wald. Tief, geheimnisvoll und kühl. Dort bewegten sich Schatten zwischen Bäumen, und irgendwo schien Wasser zu fließen. Der kleine Mann trat näher. Er war sich sicher, dass er eben noch nicht dort gewesen war.

Er hob vorsichtig die Hand und berührte den Rand des Bildes. Rau. Echt. Zwei schmale goldene Balken hielten diesen Ausschnitt fest, als wollte jemand verhindern, dass das Dahinter in die Welt davor ausläuft. Oder umgekehrt.

Im Wald stand eine Gestalt. Kaum sichtbar. Vielleicht ein Kind. Vielleicht ein alter Mann. Vielleicht nur eine Erinnerung. Sie sagte nichts. Aber der kleine Mann hörte dennoch eine Stimme in sich: „Du fragst immer nach dem Ausgang, aber nie, ob du bereit bist hindurchzugehen.“

Er wich zurück.

Die gelben Wände begannen zu pulsieren wie ein lebendiger Organismus. Plötzlich begriff er, dass dieser Raum nicht gebaut worden war. Er war entstanden. Aus Angst. Aus Gewohnheit. Aus all den Tagen, an denen er lieber funktionierte, statt zu fühlen. Jeder Pinselstrich war eine Entscheidung gewesen, sich einzuschließen. Jede Schicht Acrylpaste eine neue Rechtfertigung, warum Veränderung gefährlich sei.

Und doch war da dieser schmale Durchgang.

Nicht größer als ein Traum.

Nicht breiter als Hoffnung.

Der kleine Mann setzte sich vor den grünen Spalt und wartete. Vielleicht auf Mut. Vielleicht auf ein Zeichen. Stunden vergingen. Oder Jahre. Im Wald wurde es dunkler, dann wieder heller. Ein Vogel flog vorbei. Irgendwo knackte ein Ast.

Dann geschah etwas Seltsames.

Nicht der Wald kam näher.

Der Raum hinter ihm begann zu verschwinden.

Ganz langsam lösten sich die gelben Mauern auf wie alte Gedanken. Der rostrote Boden zerfiel zu Staub. Die Enge verlor ihre Macht. Und plötzlich verstand er: Der Ausgang war niemals irgendwo dort draußen gewesen. Der Ausgang begann in dem Moment, in dem er aufhörte, seine eigene Gefangenschaft zu verteidigen.

Er stand auf.

Noch einmal blickte er zurück. Nichts war mehr da.

Nur Licht.

Und dieser schmale, grüne Weg ins Unbekannte.

Leise lächelte er und fragte zum allerletzten Mal:

„Geht’s hier raus?“

Diesmal antwortete der Wald.

Mit Wind.

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