Kategoriearchiv: Remastert

Kalenderblatt
23. September

Kalenderblatt 23. September

Das Kalenderblatt zum 23. September

„Spalt im Zeitenstrom – Durchbruch ins Unsichtbare“
“The Time-Split – Journey into the Invisible”
“Fisura en el Fluir del Tiempo – Puerta a lo Invisible”

Aquarell auf Aquarellpapier ca 21 x 15 cm

Das Bild beginnt mit einer Bewegung. Blaugraue, schwarze und gebrochen weiße Farbräume ziehen wie Strömungen durch die Fläche. Sie erinnern an Wasser, Nebel, Gesteinsschichten oder an Ablagerungen einer Zeit, die sich nicht in Vergangenheit und Gegenwart aufteilen lässt.

In diese kühle, beinahe schweigende Welt tritt unvermittelt das Rot.

Es ist kein dekorativer Akzent. Es wirkt wie eine freigelegte Schicht, wie Glut unter einer erkalteten Oberfläche. Das Rot unterbricht den Fluss und verändert den gesamten Bildraum. Etwas Verborgenes scheint für einen Augenblick sichtbar zu werden.

Zwischen den dunkleren Farbzonen öffnet sich ein heller, beinahe weißer Bereich. Er trennt und verbindet zugleich. Grenze und Passage fallen hier zusammen. Gerade diese schmale Öffnung lässt den Titel „Spalt im Zeitenstrom“ körperlich erfahrbar werden: als würde sich innerhalb einer scheinbar geschlossenen Wirklichkeit plötzlich ein Durchgang auftun.

Dabei erzählt das Bild keine Geschichte im herkömmlichen Sinn. Es zeigt weder, was hinter diesem Spalt liegt, noch wohin er führt. Das Unsichtbare erhält keine Gestalt. Es bleibt Ahnung.

Auch das Aquarell selbst trägt zu dieser Erfahrung bei. Wasser hat Pigmente verschoben, Ränder entstehen lassen, Flächen geöffnet und wieder verdichtet. Manche Spuren wirken entschieden, andere beinahe zufällig. Das Material bewahrt den Vorgang seiner eigenen Entstehung. So wird Zeit nicht nur zum Thema des Bildes, sondern schreibt sich unmittelbar in seine Oberfläche ein.

Vielleicht liegt darin auch die tiefere Dimension des Werkes: Transformation beginnt nicht zwangsläufig mit einem großen Ereignis. Manchmal genügt ein Riss in einer vertrauten Ordnung. Eine Verschiebung. Ein kurzer Moment, in dem etwas aufscheint, das vorher nicht wahrgenommen werden konnte.

Der Durchbruch geschieht nicht dort, wo bereits alles im Licht liegt. Er beginnt dort, wo die geschlossene Oberfläche einen Spalt bekommt.

So bewegt sich das Werk zwischen Sichtbarem und Verborgenem, Begrenzung und Öffnung, Erinnerung und Möglichkeit. Es fordert keine bestimmte Deutung und verspricht keine einfachen Antworten.

Es lässt vielmehr eine Frage zurück:

Was geschieht, wenn wir den Spalt nicht wieder schließen, sondern hindurchsehen?

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Kalenderblatt
22. September

Lebenszeichen

Kalenderblatt zum 22. September
„Lebenszeichen“

„Signs of life“
„Señales de vida“

Acryl, Acrylpaste auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm

Das Bild wirkt wie ein verdichteter Speicher von Zeit. Seine Oberfläche lässt sich nicht auf einen einzigen Zustand festlegen. Braun, Ocker, Gold, Schwarz und Blau liegen übereinander, brechen hervor, verschwinden wieder und bilden eine Struktur, die an verwitterte Mauern, kartografische Fragmente oder die Sedimente einer langen Geschichte erinnert. Die Malerei bewahrt Spuren, ohne deren Herkunft eindeutig preiszugeben.

In diese dichte, beinahe archäologische Oberfläche greifen klare Linien ein. Weiß, Rot und Gelb durchschneiden das malerische Geflecht. Sie gehören einer anderen Bildsprache an: Während die Farbflächen von Ablagerung, Veränderung und Erinnerung erzählen, erscheinen die Linien als Setzungen in der Gegenwart. Sie markieren Richtungen, kreuzen sich, laufen auseinander und setzen der Unübersichtlichkeit eine vorläufige Ordnung entgegen.

Gerade darin lässt sich eine gedankliche Nähe zur zeitgenössischen Malerei von Julie Mehretu erkennen. Auch dort können Linien, Schichtungen und räumliche Spuren als Ausdruck einer Wirklichkeit verstanden werden, die nicht statisch ist, sondern aus Bewegung, Geschichte und fortwährender Veränderung entsteht. Das Bild wird nicht zum Fenster auf einen bestimmten Ort, sondern zu einem Raum, in dem unterschiedliche Zeiten gleichzeitig gegenwärtig sind.

Der Titel „Lebenszeichen“ verschiebt diese formale Spannung ins Existenzielle. Ein Lebenszeichen ist etwas Kleines, manchmal kaum Wahrnehmbares, das dennoch sagt: Hier ist noch etwas. Hier geschieht etwas. Hier geht etwas weiter.

So können die Linien als Lebensbahnen gelesen werden. Sie verlaufen nicht harmonisch durch einen geordneten Raum, sondern müssen sich innerhalb einer bereits beschriebenen, verletzten und vielfach überlagerten Welt behaupten. Besonders die rote Vertikale besitzt dabei eine bemerkenswerte Präsenz: Sie zieht sich fast durch die gesamte Bildhöhe und bleibt trotz der mächtigen Materialität ihrer Umgebung eindeutig sichtbar.

„Lebenszeichen“ erzählt damit weniger vom Leben als Zustand als vom Leben als Spur. Vergangenheit wird nicht ausgelöscht, Brüche werden nicht geglättet. Neues entsteht mitten im Vorhandenen. Und vielleicht liegt genau darin die stärkste Aussage des Bildes: Leben bedeutet nicht, ohne Spuren zu bleiben. Leben bedeutet, immer wieder eine neue Spur zu setzen.

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