Archiv der Kategorie: Remastert

Kalenderblatt
22. Juni

Ins Meer springen und die Nacht abwaschen

Kalenderblatt vom 22. Juni
„Ins Meer springen und die Nacht abwaschen“
„Jump into sea and erase the night“
„Saltar en el mar y eliminar la noche“

Tusche, Aquarell auf Bambuspapier ca. 21 x 15 cm

Die Nacht hatte Spuren hinterlassen. Nicht auf den Straßen, nicht an den Häusern und nicht in den Gesichtern der Menschen. Ihre Spuren lagen tiefer. Sie klebten an Gedanken, an Erinnerungen, an all den ungelebten Worten, die sich im Laufe der Stunden angesammelt hatten wie Staub auf einem alten Fenster.

Als der Morgen kam, stand einer am Rand des Meeres und betrachtete die große gelbe Scheibe der Sonne, die wie ein Tor über dem Wasser hing. Das Meer war noch kühl, der Himmel fast leer, und die Welt schien für einen Augenblick den Atem anzuhalten.

Da fasste er einen Entschluss.

Er wollte die Nacht abwaschen.

Nicht mit Seife. Nicht mit Vernunft. Nicht mit den Erklärungen des Verstandes. Sondern mit einem Sprung.

Er lief los, ließ alle Vorsicht hinter sich und warf sich mit ausgebreiteten Armen in die blaue Weite. Das Wasser spritzte auf, Kreise entstanden, Linien lösten sich auf, und für einen Augenblick wusste niemand mehr, wo der Mensch endete und wo das Meer begann.

Unter der Oberfläche begegnete er all den Schatten, die ihn begleitet hatten: den kleinen Sorgen, den alten Enttäuschungen, den unerfüllten Erwartungen. Doch das Meer stellte keine Fragen. Es urteilte nicht. Es nahm alles entgegen und verwandelte es in Bewegung.

Jede Welle trug etwas fort. Jede Strömung löste einen Knoten. Jede Berührung des Wassers machte ihn leichter.

Als er wieder auftauchte, war die Sonne höher gestiegen. Das Licht lag auf den Wellen wie flüssiges Gold. Die Nacht war nicht verschwunden. Sie war Teil des Meeres geworden, Teil der großen Bewegung des Lebens, die alles aufnimmt und alles verwandelt.

Er schwamm noch eine Weile und spürte, wie die Last von seinen Schultern glitt. Nicht weil seine Probleme verschwunden waren. Sondern weil sie ihren Anspruch verloren hatten, sein ganzes Wesen zu bestimmen.

Am Ufer angekommen, blickte er zurück auf das Wasser. Dort draußen tanzten noch die Kreise seines Sprungs. Sie wurden größer, weiter und verloren sich schließlich im Horizont.

Und da verstand er: Jeder neue Tag beginnt mit der Entscheidung, sich nicht länger an die Dunkelheit zu klammern.

Manchmal genügt ein Sprung ins Ungewisse, um sich daran zu erinnern, dass das Leben immer wieder die Kraft besitzt, uns zu erneuern.

Ins Meer springen und die Nacht abwaschen, vielleicht ist das nichts anderes als die Kunst, dem Licht zu erlauben, wieder durch uns hindurch zu scheinen.

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Kalenderblatt
22. Juni

Die Abendsonne spiegelt sich nicht im Meer

Das Kalenderblatt zum 22. Juni
“Die Abendsonne spiegelt sich nicht im Meer”
„The evening sun is not reflected in the sea“
„El sol de la tarde no se refleja en el mar“

Aquarell, Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

Etwas stimmt nicht in dieser Landschaft. Die Sonne steht tief über dem Horizont, glühend rot und schwer wie eine uralte Erinnerung. Das Meer liegt ruhig darunter, weit und offen. Und doch fehlt etwas. Dort, wo man das goldene Band des Lichts erwarten würde, bleibt die Wasserfläche still. Keine Reflexion. Kein Funkeln. Kein Weg aus Licht.

Ein alter Seefahrer hätte darin ein Zeichen gesehen. Nicht für einen Sturm, sondern für einen jener seltenen Augenblicke, in denen die Welt beschließt, ihr Geheimnis nicht preiszugeben. Denn die Sonne strahlt nicht weniger als sonst. Das Meer ist nicht dunkler als an anderen Tagen. Und dennoch begegnen sie einander nicht.

Vielleicht erzählt dieses Bild von den Zeiten im Leben, in denen alles vorhanden ist und doch nichts ankommt. Liebe wird ausgesprochen, aber nicht gehört. Schönheit zeigt sich, aber niemand schaut hin. Weisheit wird geteilt, aber niemand nimmt sie auf. Die Sonne sendet ihr Licht aus, doch das Meer antwortet nicht.

Zwischen beiden liegt ein schmaler Schleier aus Wolken, ein horizontales Band aus Rot, Grau und Weiß. Fast unscheinbar. Fast zufällig. Doch gerade dieser Streifen trennt Himmel und Wasser, Lichtquelle und Spiegelbild. So wie oft nicht die großen Hindernisse zwischen uns und dem Leben stehen, sondern die kleinen Schleier aus Gewohnheit, Angst, Vorurteil oder Erinnerung.

Und während die Sonne langsam sinkt, geschieht etwas Unerwartetes. Sie kämpft nicht gegen den Schleier. Sie versucht nicht, sich im Meer zu erkennen. Sie leuchtet einfach weiter. Unbeirrt. Groß. Warm. Gegenwärtig.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Botschaft dieses Bildes: Dein Wert hängt nicht davon ab, ob die Welt dich widerspiegelt. Nicht jede Gabe wird erkannt. Nicht jedes Licht findet sofort seinen Resonanzraum. Nicht jede Wahrheit wird bestätigt.

Die Sonne bleibt Sonne, auch dann, wenn das Meer ihr Bild nicht zurückgibt.

Und vielleicht beginnt genau dort jene Freiheit, nach der wir uns sehnen: zu leuchten, ohne Bestätigung zu brauchen. Zu geben, ohne Gegenleistung zu erwarten. Zu sein, ohne sich ständig im Spiegel der anderen suchen zu müssen.

Denn manchmal ist die größte Schönheit nicht das Licht auf dem Wasser, sondern die stille Gewissheit, dass es trotzdem da ist.

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