Archiv der Kategorie: Remastert

Kalenderblatt
21. Januar

Kalenderblatt zum 21. Januar

Das Kalenderblatt zum 21. Januar
“Zwischen Mooslicht und rostigem Abendwind reißt der Himmel auf”
“Between Mosslight and Rusty Evening Wind, the Sky Tears Open”
“Entre la luz de musgo y el viento vespertino herrumbroso, el cielo se desgarra”

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

Dieses Bild ist kein Landschaftsgemälde im klassischen Sinn, es ist eine Landschaft, die sich erinnert. Es wirkt, als hätte die Natur selbst gesprochen und nicht nur ihre Oberfläche gezeigt, sondern ihr inneres Protokoll offengelegt: Schicht für Schicht, Spur für Spur, Atemzug für Atemzug. Die Acrylpaste liegt wie geologische Substanz auf dem Büttenpapier, nicht dekorativ, sondern entschieden, als wäre das Material hier nicht Mittel, sondern Botschaft. Man spürt den Widerstand, das Sediment, die Verdichtung. Und genau dadurch entsteht dieser Sog: Das Bild lädt nicht ein, es fordert auf zum Hinsehen, zum Spüren, zum Mitgehen.

In der oberen Zone flackert ein goldenes, fast sonnenverbranntes Leuchten, das mehr ist als Himmel. Es ist eine Atmosphäre, ein Zustand. Es ist der Moment kurz bevor sich etwas verändert, dieser schmale Übergang zwischen „noch warm“ und „gleich kippt es“. Darunter zieht sich ein breiter Strom aus Rot- und Rosttönen durch die Fläche, wie eine glühende Erdschicht, die nicht stillhalten kann. Das Rot wirkt nicht aggressiv,  eher wie ein langsam pulsierendes Inneres, wie Feuer, das gelernt hat, leise zu sein. Es erinnert an oxidiertes Metall, an trockene Erde, an Herbstlaub, an verbrannte Felder, aber nie als Abbild, sondern als emotionale Wahrheit.

Und dann geschieht das Entscheidende: Zwischen all dieser Wärme öffnet sich ein helles Band, eine Zone aus Licht, Weiß, hellem Gelb, gebrochenen Reflexen. Es wirkt wie ein Riss im Kontinuum, wie ein Moment, in dem der Horizont nicht mehr trennt, sondern durchlässig wird. Als würde der Himmel nicht einfach über der Erde liegen, sondern sich plötzlich bewegen, aufspringen, nach innen greifen. Das Bild trägt genau diese Spannung in sich: oben die Verheißung, unten die Wucht, dazwischen ein Leuchten, das nicht erklärt, sondern fragt. Dieses Licht ist keine Harmonie, es ist eine Öffnung, eine Möglichkeit, ein „Trotzdem“.

Die Textur macht alles real. Man sieht nicht nur Farbe, man sieht Ablagerungen, Spuren, Kratzbewegungen, Verdichtungen. Diese Oberfläche erzählt von Zeit. Von Wiederholung. Von Durchhalten. Es ist, als hätte sich das Bild nicht malen lassen, sondern als hätte es sich erarbeiten müssen, wie Erde nach einem Sturm, wie ein Feld nach einem Brand, wie ein Himmel nach zu viel Hitze. Gerade dadurch entsteht Schönheit: nicht als glatte Ästhetik, sondern als wahrhaftige, widerständige Schönheit, die nicht gefallen will, sondern berührt.

Und während man länger schaut, beginnt die Natur im Bild zu kippen, von Außen nach Innen. Was zuerst wie Landschaft erscheint, wird zur inneren Landschaft: zu einem Ort, an dem Erinnerungen lagern, Emotionen glühen, Grenzen sich verschieben. Es ist ein Bild über Übergänge, über den Moment, in dem man spürt: Etwas in mir verändert sich, auch wenn es noch keine Worte gibt. Die Farben sprechen für diesen Zustand. Das Blau in den oberen Partien wirkt wie fernes Kühlen, wie ein Atemzug, der wieder möglich wird. Die dunkleren Tiefen im unteren Bereich geben dem Ganzen Gewicht, Erdung, Schwerkraft. Und das Rostrot dazwischen ist der Beweis, dass Transformation nicht sauber verläuft, sondern über Reibung, über Hitze, über echte Bewegung.

Zwischen Mooslicht und rostigem Abendwind reißt der Himmel auf“ ist deshalb nicht nur ein poetischer Titel, sondern eine präzise Übersetzung dessen, was dieses Werk ausstrahlt. Mooslicht,  das ist zartes, grünes, lebendiges Licht, das aus dem Boden kommt, nicht aus dem Himmel. Rostiger Abendwind, das ist Zeit, Alterung, das Unaufhaltsame. Und das Aufreißen des Himmels ist der Moment, in dem die Welt nicht mehr abgeschlossen ist, sondern durchlässig wird für Neues. Dieses Bild ist genau so ein Moment: eine Öffnung im Gewohnten. Ein Riss in der Oberfläche. Eine Einladung, nicht in der Sicherheit zu bleiben, sondern in die Wahrheit zu gehen.

Am Ende bleibt ein Eindruck, der länger wirkt als die Farben: das Gefühl, dass hier etwas aufgedeckt wurde, das man nicht sofort „versteht“, aber sofort erkennt. Ein Werk wie eine innere Wetterlage. Eine Landschaft wie ein Geheimnis. Und ein Leuchten, das sagt: Auch unter der Kruste ist Leben und es arbeitet bereits an deinem nächsten Horizont.

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Kalenderblatt
20. Januar

Nächte in Sapporo

Kalenderblatt vom 20. Januar
“Nächte in Sapporo”
“Nights in Sapporo”
“Noches en Sapporo”

Acryl, Acrylpaste auf Acrylpapier ca. 21 x 15 cm

Es gibt Nächte, die nicht dunkel sind, sondern klar. Nächte, in denen Gedanken langsamer werden und Wahrnehmung schärfer. „Nächte in Sapporo“ setzt genau dort an, nicht als Abbild einer Stadt, sondern als Verdichtung eines inneren Zustands. Dieses Bild behauptet nichts, es öffnet. Und was sich öffnet, ist ein Raum aus Stille, Kälte, Konzentration und unerwarteter Wärme.

Die silbrig-graue Bildfläche breitet sich aus wie nächtlicher Schnee, vom Wind bewegt, verdichtet und wieder aufgelöst. Sie wirkt roh und zugleich kontrolliert, körperlich und doch entrückt. Hier liegt keine Leere, sondern eine gespannte Ruhe, eine Atmosphäre, in der jedes kleinste Zeichen Bedeutung bekommt. Die Struktur der Acrylpaste verstärkt diesen Eindruck: Das Bild ist nicht glatt, es trägt Spuren, wie eine Landschaft nach einer langen Nacht.

Im Zentrum schwebt die gelbe Kreisform, ein Lichtkörper ohne Pathos. Kein greller Akzent, sondern eine innere Wärme, zurückhaltend, souverän, unaufdringlich. Dieses Gelb ist kein Trostpflaster, sondern ein stilles Gegenüber zur Kühle des Umfelds. Es erinnert daran, dass selbst in der klarsten Kälte etwas Lebendiges pulsiert. Der Blick kehrt immer wieder zu diesem Punkt zurück, als suche er dort Orientierung.

Links verankert der vertikale blaue Balken das Bild. Er steht aufrecht, ruhig, fast unbeweglich. Ein Zeichen von Struktur, vielleicht von Urbanität, vielleicht von innerer Haltung. Dieses Blau schafft Halt, ohne Dominanz. Es ist die Achse, an der sich das freie, gestische Geschehen ausrichten kann, ein stiller Dialog zwischen Ordnung und Auflösung.

Im unteren Bildbereich treten schwarze, skizzenhafte Linien auf, fragmentiert und offen. Sie wirken wie Notationen, wie Gedankenreste, wie Spuren von Wegen, die gegangen wurden oder noch offenstehen. Hier entsteht Zeit im Bild, Bewegung, Erinnerung, ein leises Echo menschlicher Präsenz. Nichts ist abgeschlossen, alles bleibt im Übergang.

„Nächte in Sapporo“ lebt von der präzisen Balance zwischen Kontrolle und Intuition, zwischen archaischer Fläche und klar gesetztem Zeichen. Es ist ein Bild, das nicht erzählt, sondern erfahrbar macht. Einsamkeit ohne Schwere. Fremde ohne Bedrohung. Nacht nicht als Ende, sondern als Möglichkeitsraum.

Was bleibt, ist kein Motiv, sondern ein Nachklang: das Gefühl wacher Stille, wenn die Welt zurücktritt und etwas Eigenes sichtbar wird.

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