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Kalenderblatt
29. Juni

Schau aus dem Fenster und du findest den Titel des Bildes

Kalenderblatt vom 29. Juni
„Schau aus dem Fenster und du findest den Titel des Bildes“
„Look out of  the window and you will find the title of the painting“
„Mira por la ventana y descubrirías el título de la pintura“

Tusche, Aquarell auf Bambuspapier ca. 21 x 15 cm

Der Titel stand die ganze Zeit vor dem Fenster. Nicht auf dem Fensterbrett, nicht in den Wolken geschrieben und auch nicht auf einem Straßenschild. Er wartete dort, wo Menschen erstaunlich selten hinschauen: im Augenblick zwischen Sehen und Erkennen.

An einem frühen Morgen saß ein Mann an seinem Küchentisch. Der Kaffee dampfte noch, die Zeitung blieb ungeöffnet. Die Nacht hatte Fragen hinterlassen, auf die der Schlaf keine Antwort gefunden hatte. Also tat er etwas Ungewöhnliches. Er hörte auf zu denken und begann zu schauen.

Vor ihm lag die Welt wie ein unbeschriebenes Blatt. Ein heller Horizont teilte Himmel und Erde. Darüber schwebte eine rote Scheibe, rund und vollkommen, als hätte jemand einen Tropfen glühenden Feuers an den Morgen geheftet. Darunter erschienen zwei schwarze Formen. Sie wirkten wie Augenbrauen einer unbekannten Sprache, wie die Fragmente eines Zeichens, das älter war als jedes Alphabet.

Der Mann betrachtete die Formen lange. Je länger er schaute, desto weniger sah er ein Bild. Stattdessen begann er eine Botschaft zu erkennen.

Die rote Scheibe war die Sonne.

Nicht die Sonne am Himmel, sondern die Sonne im Inneren. Jener stille Kern, der selbst dann weiterleuchtet, wenn Sorgen, Nachrichten und Verpflichtungen versuchen, ihn zu verdunkeln.

Die schwarzen Zeichen waren Fragen.

Fragen ohne Worte. Fragen, die jeder Mensch kennt:

Wer bin ich, wenn niemand etwas von mir erwartet?

Was bleibt übrig, wenn alle Rollen verschwinden?

Worauf warte ich eigentlich?

Die Formen schienen sich um die Sonne zu drehen, als würden sie ihr Geheimnis bewachen. Doch plötzlich verstand der Mann etwas. Die Fragen waren nicht dazu da, beantwortet zu werden. Sie waren dazu da, ihn zum Fenster zu führen.

Nicht zum Fenster aus Glas.

Zum Fenster seiner Wahrnehmung.

Denn draußen geschah etwas Merkwürdiges. Die Sonne stieg höher. Das Blau des Himmels wurde klarer. Die Welt war dieselbe wie gestern, und doch vollkommen anders. Nicht weil sie sich verändert hatte, sondern weil er sie anders betrachtete.

Da fand er den Titel des Bildes.

Nicht in seinem Kopf.

Nicht in einem Kunstkatalog.

Nicht in einer philosophischen Theorie.

Sondern direkt vor seinen Augen.

„Guten Morgen.“

Und plötzlich begriff er, dass dies vielleicht der wichtigste Titel überhaupt war. Denn jeder Morgen ist eine Einladung. Eine neue Seite. Ein unbeschriebenes Blatt unter einem roten Kreis aus Möglichkeiten.

Die Welt ruft nicht nach großen Antworten.

Sie bittet uns nur gelegentlich, aus dem Fenster zu schauen und wieder zu sehen, was längst da ist.

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Kalenderblatt
29. Juni

Sommer in der Stadt

Das Kalenderblatt zum 29. Juni
“Sommer in der Stadt”
„Summer in the City“
„Verano en la Ciudad“

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

Die Stadt hatte den Sommer nicht kommen sehen. Er war nicht angekündigt worden, stand in keinem Kalender und wurde von keiner Wetter-App vorhergesagt. Eines Morgens war er einfach da. Er saß wie eine glühende rote Sonne über den Dächern, schwer und rund, als hätte jemand ein Stück Feuer an den Himmel geheftet.

Die Menschen gingen ihren gewohnten Wegen nach. Sie eilten zur Arbeit, standen an Ampeln, trugen Einkaufstaschen und Gedanken mit sich herum. Doch etwas hatte sich verändert. Das Licht war dichter geworden. Es legte sich auf Fassaden, Plätze und Gesichter wie eine goldene Erinnerung an etwas, das längst vergessen war.

Mitten durch die Stadt verlief eine schmale, dunkle Linie. Niemand wusste genau, was sie bedeutete. Manche hielten sie für eine Grenze, andere für einen Weg. Wieder andere glaubten, sie sei nur ein Riss in der Wirklichkeit. Doch die Alten erzählten sich, dass dort einst ein Fluss geflossen sei. Ein Strom aus Träumen, der die Menschen daran erinnerte, wer sie wirklich waren.

An diesem Sommertag geschah etwas Merkwürdiges. Die rote Sonne begann nicht zu sinken. Sie blieb stehen, als hätte die Zeit beschlossen, eine Pause einzulegen. Die Minuten verloren ihre Eile. Gespräche wurden langsamer. Kinder spielten länger auf den Straßen. Fremde lächelten einander zu. Selbst die Schatten wirkten friedlicher.

Hoch über den Häusern erschien ein goldenes Dreieck. Es schwebte lautlos im Licht und war für die meisten unsichtbar. Nur jene, die noch staunen konnten, bemerkten es. Es war kein Gegenstand, sondern eine Einladung. Eine Erinnerung daran, dass über den Mauern des Alltags immer noch ein Raum existiert, in dem Hoffnung wohnt.

Als der Abend schließlich kam, obwohl niemand sagen konnte, wann genau, lag die Stadt still unter einem Himmel aus Gold. Die rote Sonne berührte den Horizont und spiegelte sich in den Fenstern wie ein letztes Versprechen.

Und wer an diesem Tag aufmerksam gewesen war, nahm etwas mit nach Hause, das sich weder kaufen noch besitzen ließ: die Gewissheit, dass Sommer nicht nur eine Jahreszeit ist. Sommer ist ein Zustand der Seele. Ein Augenblick, in dem das Leben aufhört, sich zu verstecken, und für einen Moment in seinem ganzen goldenen Glanz sichtbar wird.

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