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Kalenderblatt
30. Juni

Kalenderblatt 30. Juni

Das Kalenderblatt zum 30. Juni
„Der Tag, an dem die Blumen beschlossen, keine Blumen mehr zu sein“
„The Day the Flowers Chose to Be Something Else“
„El día en que las flores decidieron dejar de ser flores“

Aquarell und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm

Es geschah an einem Morgen, der sich weigerte, gewöhnlich zu sein. Die Sonne war pünktlich aufgegangen, das Licht lag warm auf den Beeten, und der Wind hatte seine tägliche Runde begonnen. Alles schien seinen vertrauten Lauf zu nehmen. Nur die Blumen schwiegen. Kein leises Nicken, kein spielerisches Wiegen ihrer Blütenblätter. Sie standen da, als würden sie auf ein geheimes Zeichen warten.

Dann geschah etwas, das niemand für möglich gehalten hätte.

Die Blumen beschlossen, keine Blumen mehr zu sein.

Sie hatten genug davon, ständig schön sein zu müssen. Genug davon, nach Farben beurteilt, nach Duft verglichen und für ein paar flüchtige Augenblicke bewundert zu werden. Niemand fragte sie jemals, wovon sie träumten. Niemand interessierte sich für ihre Sehnsucht, einmal etwas anderes zu sein als ein dekorativer Rand der Welt.

Also legten sie ihre perfekte Ordnung ab.

Die Blüten lösten sich aus ihren vertrauten Formen. Stängel wurden zu schwarzen Linien, die sich widersetzten, Blätter verwandelten sich in Zeichen einer unbekannten Sprache, und aus den leuchtenden Farben entstanden neue Wesen, die weder Pflanze noch Gedanke waren. Es war keine Verwandlung der Gestalt, sondern eine Befreiung der Identität.

Die Gärtner liefen ratlos durch ihre Beete. Botaniker blätterten hektisch in ihren Bestimmungsbüchern. Künstler lächelten still. Sie erkannten sofort, dass hier nichts kaputtgegangen war. Etwas hatte aufgehört, Erwartungen zu erfüllen.

Die Sonne betrachtete das Schauspiel mit stiller Gelassenheit. Sie wusste längst, was Menschen so oft vergessen: Alles Lebendige wächst irgendwann über die Form hinaus, die ihm gegeben wurde.

Seit jenem Tag findet man diese ehemaligen Blumen nur noch selten. Manche begegnen ihnen in einem Traum. Andere entdecken sie in einem Bild, das sich jeder eindeutigen Erklärung entzieht. Wieder andere spüren sie in jenem kostbaren Moment, in dem sie aufhören, nur das sein zu wollen, was andere in ihnen sehen.

Vielleicht erzählen diese seltsamen Formen deshalb keine Geschichte über Blumen. Vielleicht erzählen sie die Geschichte jedes Menschen, der eines Tages den Mut findet zu sagen: Ich muss nicht länger das bleiben, wofür man mich hält.

Und während die Welt noch darüber diskutiert, ob das überhaupt noch Blumen seien, lächeln sie leise in sich hinein. Denn sie haben etwas erreicht, wovon viele Menschen nur heimlich träumen: Sie sind endlich sich selbst geworden.

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Kalenderblatt
29. Juni

Kalenderblatt 29. Juni

Das Kalenderblatt zum 29. Juni
„Porträt einer roten Sehnsucht vor der Auflösung der Wirklichkeit“
„Portrait of a Crimson Longing Before Reality Dissolves“
„Retrato de una nostalgia roja antes de que la realidad se disuelva“

Aquarell, Tonpapier und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm

Niemand wusste, wann das rote Rechteck zum ersten Mal am Strand erschien. Es war einfach da. Nicht wie ein Gegenstand, der irgendwoher gebracht worden war, sondern eher wie ein Gedanke, der beschlossen hatte, sichtbar zu werden.

Hinter ihm lag das Meer. Darüber der Himmel. Dazwischen eine ferne Insel, die aussah, als würde sie sich bereits langsam aus der Welt verabschieden. Die Konturen wurden weicher, die Farben verloren ihre Gewissheit. Alles schien sich aufzulösen, als hätte die Wirklichkeit beschlossen, ihren festen Zustand aufzugeben und wieder Traum zu werden.

Nur das Rot blieb.

Es stand aufrecht im Sand wie eine Behauptung. Wie ein Herzschlag. Wie eine Erinnerung an etwas, das noch nicht geschehen war.

Die Menschen, die vorbeikamen, versuchten ihm einen Namen zu geben. Einige hielten es für eine Tür. Andere für ein Warnzeichen. Wieder andere für einen Fehler im Gewebe der Welt. Denn Menschen benennen gern Dinge, die sie nicht verstehen. Es beruhigt sie. Für ungefähr sieben Minuten.

Doch das rote Rechteck schwieg.

Jeden Abend, wenn das Licht flacher wurde und Meer und Himmel miteinander verschmolzen, begann es leise zu leuchten. Nicht nach außen, sondern nach innen. Als würde in seinem Zentrum eine Sehnsucht wohnen, die älter war als jede Erinnerung.

Es sehnte sich nicht nach einem Ort.

Es sehnte sich nach Ganzheit.

Nach jener verlorenen Einheit, die irgendwo hinter den Formen verborgen liegt. Hinter den Namen. Hinter den Geschichten, die Menschen über sich selbst erzählen.

Und je mehr die Landschaft verblasste, je unschärfer die Insel wurde und je durchlässiger Himmel und Wasser ineinanderflossen, desto deutlicher trat dieses Rot hervor.

Denn Sehnsucht braucht keine feste Welt.

Sie braucht nur einen offenen Horizont.

So blieb das rote Rechteck stehen, während die Wirklichkeit um es herum langsam transparent wurde. Nicht als Fremdkörper, sondern als letzter Zeuge einer Wahrheit, die sich nicht auflösen ließ:

Dass im Menschen etwas lebt, das größer ist als alle Tatsachen. Etwas, das selbst dann noch nach dem Unendlichen ruft, wenn die Welt längst begonnen hat zu verschwinden.

Und vielleicht ist genau das sein Porträt.

Nicht die Form.

Nicht die Farbe.

Sondern die stille, unermüdliche Sehnsucht nach dem, was jenseits aller Wirklichkeiten auf uns wartet.

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