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Kalenderblatt
30. März

Die Geister, die ich rief ...

Kalenderblatt vom 30. März
“Die Geister,  die ich rief …”
“The ghosts, which I called …”
“Los espectrales, que he llamado …”

Acryl, Acrylpaste, Quarzsand auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm

In einer Nacht, in der der Himmel keine Sterne mehr tragen wollte, saß ein alter Maler in seinem Atelier und blickte auf eine leere Fläche Papier. Doch es war keine gewöhnliche Leere, es war ein Schweigen, das zu laut geworden war, ein Raum, der nach Stimmen verlangte, die niemand hören wollte.

Er tauchte seine Hände in Farbe, nicht mit Bedacht, sondern mit einer Art verzweifelter Sehnsucht, und begann zu arbeiten. Schwarz, grau, schwer wie Erinnerung. Die Fläche begann zu atmen. Aus den Strukturen erhoben sich Schatten, zuerst zaghaft, dann unübersehbar lebendig. Linien wurden zu Gesichtern, Flecken zu Blicken, die ihn ansahen, nicht fragend, sondern wissend.

„Ich rufe euch nicht“, flüsterte er. Doch seine Hände hörten nicht auf.

Und dann geschah es.

Ein erster Riss im Bild, ein Aufglühen von Gelb, wie ein Funke Hoffnung oder ein letzter Schrei nach Licht. Es flackerte wie eine Seele, die sich gegen das Vergessen stemmt. Doch aus der Dunkelheit daneben wuchs etwas anderes. Etwas Unruhiges. Eine Präsenz, die nicht eingeladen war und doch längst da gewesen sein musste.

„Die Geister, die ich rief…“, murmelte er, und in diesem Moment verstand er, dass er sie nicht gerufen hatte, sie hatten nur darauf gewartet, gesehen zu werden.

Die Schatten verdichteten sich zu einer Gestalt, unfertig und doch mächtig. Ein Wesen aus Erinnerungen, verdrängten Gedanken und unausgesprochenen Wahrheiten. Es hatte kein Gesicht und doch trug es tausend Gesichter zugleich. Eines davon blickte ihn an.

Und dieses eine war sein eigenes.

Das kleine rote Aufleuchten im oberen Raum des Bildes begann zu pulsieren, wie ein Auge, das sich öffnet. Wachsam. Urteilend. Oder vielleicht einfach nur bewusst.

Der Maler wich zurück. Sein Atem ging schwer. „Ich wollte nur… erschaffen“, sagte er leise.

Doch eine Stimme, tief und kaum hörbar, antwortete aus der Fläche:
„Du hast nicht erschaffen. Du hast enthüllt.“

Und da begriff er.

Jeder Strich, jede Schicht, jede Spur hatte etwas freigelegt, das längst in ihm lebte. Die Dunkelheit war nicht von außen gekommen. Sie war Material seiner eigenen Tiefe gewesen. Und das Licht – dieses fragile Gelb – war kein Gegenpol, sondern der einzige Weg hindurch.

Er trat näher. Zögernd. Fast ehrfürchtig.

Langsam legte er seine Hand auf die Oberfläche des Bildes.

Die Geister verstummten.

Nicht, weil sie verschwunden waren, sondern weil sie erkannt hatten, dass sie nun gesehen wurden.

Und in diesem Moment wurde aus dem Chaos etwas anderes:
keine Bedrohung mehr, sondern ein Spiegel. Kein Fluch, sondern ein Ruf.

Der Maler lächelte schwach.

Denn er wusste jetzt:
Die Geister, die er gerufen hatte, waren nie seine Feinde gewesen, sondern die Hüter eines verborgenen Raumes, den er endlich betreten durfte.

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Kalenderblatt
30. März

Mond trifft Sonne

Das Kalenderblatt zum 30. März
“Mond trifft Sonne”
“Moon meets Sun”
“La luna encuentra al sol”

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

In einer Zeit, in der die Welt noch zwischen Tag und Nacht zögerte, lebten die Sonne und der Mond getrennt voneinander, jeder gefangen in seinem eigenen Reich. Die Sonne herrschte über das Leuchten, über das Gold der Felder und das Feuer der Herzen, während der Mond die Stille bewachte, das Geheimnisvolle und die Träume der Menschen. Sie kannten einander nur aus Erzählungen, aus flüchtigen Spiegelungen in Wasser und Glas  und doch spürten sie eine tiefe, unerklärliche Sehnsucht nacheinander.

Eines Tages, als die Welt in einem flammenden Rot vibrierte und die Grenzen zwischen den Dingen zu verschwimmen begannen, wagte der Mond das Unmögliche. Er verließ seine Bahn, getragen von einer leisen, silbernen Hoffnung, und näherte sich dem Reich der Sonne. Die Sonne, die gerade dabei war, den Himmel in Gold und Glut zu tauchen, hielt inne. Zum ersten Mal begegneten sich ihre Blicke, warm und kühl, hell und sanft, Gegensätze und doch zutiefst verbunden.

Doch ihre Begegnung war nicht ohne Risiko. Als Sonne und Mond sich berührten, begann die Welt zu erzittern. Farben flossen ineinander, Formen lösten sich auf, und ein roter Bogen spannte sich wie ein Tor zwischen den Welten. Die Menschen blickten auf und fürchteten sich, denn sie glaubten, dass dies das Ende aller Ordnung sei.

Doch was sie nicht sahen: In diesem Augenblick entstand etwas Neues. Aus der Berührung von Licht und Stille wurde ein drittes Leuchten geboren, ein Raum, in dem Gegensätze sich nicht bekämpften, sondern einander vollendeten. Der Mond lernte, Wärme zu tragen, und die Sonne entdeckte die Schönheit der Ruhe.

Seit jenem Tag treffen sich Sonne und Mond nur selten, verborgen für die meisten Augen. Doch wenn sie es tun, öffnet sich für einen kurzen Moment das Tor zwischen den Welten und wer genau hinsieht, erkennt: In jeder Begegnung von Gegensätzen liegt die Möglichkeit von etwas Größerem, etwas Wahrhaftigem. Und so erzählt man sich bis heute, dass irgendwo zwischen Gold und Blau, zwischen Feuer und Traum, die Liebe von Sonne und Mond weiterleuchtet, still, kraftvoll und ewig.

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