Kalenderblatt
14. Juni

Schwanger

Das Kalenderblatt zum 14. Juni
“Schwanger”
“Embarazada”
“Pregnant”

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm

In diesem Bild verdichtet sich eines der ältesten Geheimnisse des Lebens zu einer kraftvollen, archaischen Symbolik. Die zentrale Form erinnert unmissverständlich an einen schwangeren Leib, nicht als anatomische Darstellung, sondern als Urbild des Werdens, des Tragens und der stillen Verwandlung. Wie aus den Tiefen der Erde emporgewachsen, steht diese Gestalt zwischen den feurigen Farbräumen des Hintergrundes und bewahrt in ihrem Inneren das, was noch nicht sichtbar geworden ist.

Das leuchtende Orange und Rot ringsum wirkt wie ein Feld schöpferischer Energie. Es erinnert an Hitze, an Bewegung, an den unaufhaltsamen Strom des Lebens. Dagegen erscheint die zentrale Form ruhiger, gesammelt und in sich gekehrt. Hier geschieht keine Aktion, hier geschieht Entstehung. Alles Wesentliche vollzieht sich verborgen, jenseits des äußeren Blicks.

Besonders die helle, ovale Zone im unteren Bereich zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Sie wirkt wie ein geschützter Raum, ein inneres Universum, in dem sich Möglichkeiten sammeln und Gestalt annehmen. Die rötlichen Spuren darin können als erste Zeichen eines neuen Lebens gelesen werden, als Hinweise auf etwas, das bereits vorhanden ist, aber noch nicht vollständig in die Welt getreten ist. Jede Geburt beginnt lange vor dem ersten Atemzug.

Die groben Strukturen aus Acrylpaste verleihen dem Werk eine fast geologische Qualität. Als würde die Schwangerschaft nicht nur einen Menschen betreffen, sondern die gesamte Schöpfung. Berge, Kontinente, Sternennebel und Körper folgen demselben Gesetz: Etwas wächst im Verborgenen, bevor es sichtbar wird. Alles Neue braucht einen geschützten Raum, Dunkelheit, Geduld und Zeit.

So erzählt dieses Bild nicht nur von körperlicher Schwangerschaft. Es spricht von Ideen, Visionen, Entscheidungen und inneren Wandlungsprozessen. Von all dem, was bereits in uns lebt, obwohl es noch keinen Namen trägt. „Schwanger“ wird hier zu einer Metapher für das Leben selbst, für jene geheimnisvolle Phase zwischen dem ersten Impuls und seiner Verwirklichung.

Das Werk erinnert daran, dass nicht jede Entwicklung beschleunigt werden kann. Manche Dinge verlangen Vertrauen. Sie verlangen Hingabe an einen Prozess, dessen Ergebnis noch unbekannt ist. Wer dieses Bild betrachtet, begegnet dem stillen Wunder des Werdens – jener unsichtbaren Kraft, aus der alles Neue hervorgeht.

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Kalenderblatt
13. Juni

Kalenderblatt 13. Juni

Das Kalenderblatt zum 13. Juni
“Zwischen Aufbruch und Unendlichkeit”
“Between Departure and Infinity”
“Entre la partida y el infinito”

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

Der alte Seefahrer Elian hatte sein ganzes Leben damit verbracht, Küsten zu vermessen, Inseln zu kartieren und den sicheren Verlauf der bekannten Strömungen zu studieren. Jede Bucht hatte einen Namen, jeder Hafen einen Eintrag in seinen vergilbten Logbüchern. Doch je älter er wurde, desto stärker spürte er eine Sehnsucht, die sich nicht in Karten einzeichnen ließ.

Eines Morgens stand er am Rand einer Welt aus Wasser und Licht. Über ihm spannte sich ein tiefes Blau, so weit und klar, dass es schien, als hätte der Himmel selbst seine Grenzen vergessen. Vor ihm lag das Meer, in Schichten aus Weiß, Türkis und Silber. Es war kein gewöhnliches Meer. Es war ein Raum zwischen den Welten.

Die Fischer des Dorfes nannten diesen Ort den Saum der Unendlichkeit. Sie erzählten, dass dort, wo Himmel und Wasser ineinanderflossen, die Träume der Menschen weiterlebten, lange nachdem ihre Besitzer sie aufgegeben hatten.

Elian blickte hinaus und erkannte etwas Merkwürdiges. In den schimmernden Flächen des Wassers tauchten Bilder auf: ein Haus, das er nie gebaut hatte, eine Reise, die er nie angetreten hatte, Worte, die er nie ausgesprochen hatte. Es waren die Möglichkeiten seines Lebens, nicht als Vorwurf, sondern als Einladung.

Lange stand er schweigend da.

Dann begriff er, dass der größte Irrtum seines Lebens gewesen war zu glauben, Aufbruch bedeute immer, einen neuen Ort zu erreichen. Manchmal bedeutete Aufbruch lediglich, die vertraute Küste hinter sich zu lassen, auch wenn man nicht wusste, wohin die Reise führen würde.

Er löste das Tau seines kleinen Bootes. Der Wind war sanft. Die Wellen bewegten sich kaum. Es war, als halte die Welt für einen Augenblick den Atem an.

Als das Boot langsam hinausglitt, verschwand das Dorf hinter einem Schleier aus Licht. Vor ihm öffnete sich eine Weite, die keinen Horizont mehr kannte. Himmel wurde Wasser, Wasser wurde Himmel. Oben und unten verloren ihre Bedeutung.

Mit jedem Ruderschlag fühlte Elian sich leichter. Erinnerungen, Sorgen und alte Gewissheiten fielen von ihm ab wie Steine, die man viel zu lange getragen hatte.

Schließlich erreichte er einen Ort, an dem alles still wurde.

Dort hörte er keine Stimme und sah keine Gestalt. Doch tief in seinem Inneren entstand ein Satz, klar und leuchtend wie eine aufgehende Sonne:

„Die Unendlichkeit beginnt nicht am Ende der Welt. Sie beginnt dort, wo du aufhörst, dich selbst festzuhalten.“

Elian lächelte.

Zum ersten Mal suchte er keine Küste mehr. Zum ersten Mal wollte er nichts erreichen.

Er ließ die Ruder sinken und trieb in das grenzenlose Blau hinaus, zwischen Erinnerung und Möglichkeit, zwischen Werden und Sein, zwischen Aufbruch und Unendlichkeit.

Und das Meer trug ihn weiter, dorthin, wo jeder Horizont nur der Anfang eines neuen Himmels ist.

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