
Das Kalenderblatt zum 29. Juli
„Die Wurzeln des Himmels“
„The Roots of the Sky“
„Las raíces del cielo“
Aquarell und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm
Es gibt Bilder, die erzählen, und es gibt Bilder, die wachsen. Dieses gehört zu den wachsenden Bildern. Es beginnt nicht auf dem Papier, sondern an einem Ort, an dem Linien noch Pflanzen und Gedanken zugleich sind. Die schwarzen Verästelungen streben weder nach oben noch nach unten. Sie suchen ihre eigene Richtung, als hätten sie vergessen, dass die Schwerkraft eine Regel sein soll. Das ist gut so. Regeln sind höfliche Vorschläge der Vernunft, doch die Kunst kennt freundlichere Gesetze.
Die drei schwebenden Kreise sind keine Himmelskörper im astronomischen Sinn. Sie sind Farben, die beschlossen haben, eine eigene Persönlichkeit anzunehmen. Das Gold erinnert sich an den Anfang, das Orange trägt die Wärme einer werdenden Welt in sich, und das violette Licht bewahrt das Geheimnis dessen, was sich nicht erklären lassen möchte. Zwischen ihnen entsteht kein Abstand, sondern ein stilles Gespräch.
Der helle Grund schweigt. Er ist kein leerer Raum, sondern ein atmender Raum. Gerade dort, wo scheinbar nichts geschieht, beginnt das Unsichtbare seine Arbeit. Linien lauschen den Farben, Farben antworten den Linien, und beide vergessen, wer zuerst da war.
Vielleicht wachsen hier tatsächlich die Wurzeln des Himmels. Nicht hinab in die Erde, sondern hinein in das Unsichtbare. Denn jeder Baum, der nur nach oben strebt, verliert irgendwann den Boden. Und jeder Himmel, der keine Wurzeln besitzt, bleibt bloß eine ferne Fläche aus Blau.
Ein Bild ist nicht dazu da, etwas abzubilden. Es möchte sichtbar machen, was bereits leise in uns wächst. Dieses Blatt erinnert daran, dass das Universum manchmal die Gestalt eines Astes annimmt und dass selbst ein Kreis träumen kann. Wer lange genug hinsieht, entdeckt vielleicht, dass die Verzweigungen nicht durch das Papier laufen, sondern durch die eigene Vorstellungskraft. Dort beginnt jede wirkliche Reise der Kunst.
