Schlagwortarchiv: Ufer

Kalenderblatt 20. Juni

Serenade am Ufer des Traumsees

Kalenderblatt vom 20. Juni
„Serenade am Ufer des Traumsees“
„Serenade on the shore of the dream lake“
„Serenata en la orilla del lago de los sueños“

Acryl, Acrylpaste auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm

Die Serenade begann lange bevor jemand sie hörte.

Am Ufer des Traumsees, dort, wo sich Himmel und Wasser jeden Abend neu erfinden, lebte ein alter Musiker. Niemand wusste, woher er kam. Manche sagten, er sei einst ein Reisender gewesen, andere behaupteten, er sei aus einem Traum gefallen, den die Welt vergessen hatte.

Jeden Abend setzte er sich an denselben Ort. Vor ihm glühte der Horizont in Gold, Orange und tiefem Karminrot, als würde die Sonne ihre letzten Geheimnisse über den See verstreuen. Das Wasser antwortete mit schimmernden Spiegelungen, die wie flüssige Erinnerungen über die Oberfläche glitten.

Der Musiker spielte keine gewöhnlichen Melodien. Seine Serenaden bestanden aus Sehnsucht, Hoffnung und den unausgesprochenen Geschichten der Menschen. Jeder Ton wanderte über das Wasser, berührte die Ufer und kehrte verwandelt zurück. Manchmal klang die Musik wie das Lachen eines Kindes, manchmal wie der Abschied zweier Liebender, manchmal wie das leise Flüstern einer Seele auf der Suche nach ihrem Ursprung.

Während die Nacht langsam herabsank, begann der Traumsee zu leuchten. Aus den tiefblauen Schatten des Wassers stiegen Farben auf, die es in keiner Palette gab. Gold wurde zu Licht, Rot wurde zu Erinnerung und Blau wurde zu Stille. Der See verwandelte sich in einen Spiegel der inneren Welt, in dem jeder Betrachter etwas anderes erkannte.

Eines Abends fragte ein junger Wanderer den alten Musiker: „Für wen spielst du eigentlich diese Serenade?“

Der Alte lächelte und blickte über die glühende Wasserfläche.

„Für die Menschen, die vergessen haben zu träumen.“

Der Wanderer lauschte lange. Je länger er zuhörte, desto mehr verschwanden seine Sorgen. Die Last seiner Gedanken löste sich auf wie Nebel im Morgenlicht. Er spürte, dass die Melodie nicht von außen kam. Sie war schon immer in ihm gewesen.

Als die letzten Töne verklangen, war der Musiker verschwunden. Nur das Licht des Himmels lag noch auf dem Wasser wie ein goldener Schleier.

Seit jener Nacht erzählt man sich, dass der Traumsee jeden Menschen empfängt, der bereit ist, still zu werden. Und manchmal, wenn die Abendsonne den Himmel in flammendes Gold und leuchtendes Rot taucht, kann man noch eine ferne Melodie hören.

Dann spielt irgendwo am Ufer des Traumsees die Serenade des inneren Herzens, jene uralte Musik, die uns daran erinnert, wer wir wirklich sind.

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Kalenderblatt
29. April

Die Stadt am anderen Ufer

Das Kalenderblatt zum 29. April
“Die Stadt am anderen Ufer”
„The City on the Other Shore“
„La ciudad en la otra orilla“

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

„Die Stadt am anderen Ufer“ ist kein geographischer Ort. Sie ist eine Verheißung, eine Ahnung, ein fernes Gegenüber des eigenen Daseins. Dieses Bild zeigt nicht einfach Architektur oder Landschaft,  es zeigt den inneren Moment, in dem der Mensch spürt, dass jenseits seines gegenwärtigen Ufers noch etwas anderes existiert: eine unbekannte Ordnung, ein noch nicht betretenes Land, eine Wirklichkeit hinter der sichtbaren Wirklichkeit.

Schon die fließenden, glühenden Farbströme aus Ocker, Gelb, Rot und blassem Rosa erzeugen eine Atmosphäre von Hitze, Übergang und seelischer Spannung. Nichts in diesem Werk ruht. Alles scheint im Zustand des Werdens, des Verfließens, des Hinüberdrängens. Die markanten dunklen Bögen im linken Bildraum wirken wie Reste einer Brücke, Fragmente eines Hafens oder die gebogenen Arme einer unsichtbaren Einladung. Sie sind kein abgeschlossenes Bauwerk, vielmehr sind sie Zeichen eines Aufbruchs, Hinweise darauf, dass zwischen Hier und Dort eine Verbindung möglich ist, auch wenn sie noch unvollständig erscheint.

Im Zentrum verschwimmen Formen zu einer kaum fassbaren Silhouette. Dort beginnt jene geheimnisvolle Stadt, die dem Bild seinen Titel gibt: nicht scharf umrissen, nicht rational erfassbar, sondern wie aus Licht, Erinnerung und Sehnsucht gebaut. Gerade diese Unschärfe ist entscheidend. Denn die bedeutendsten Ziele des Menschen sind nie in klaren Linien vor uns ausgebreitet. Sie erscheinen zuerst als Ahnung. Als undeutlicher Ruf. Als inneres Wissen, dass auf der anderen Seite des Gewohnten ein neuer Bewusstseinsraum wartet.

Die pastosen Spuren der Acrylpaste geben dem Werk dabei eine körperliche Widerständigkeit. Man spürt förmlich, dass der Weg zu dieser „Stadt“ nicht glatt, nicht bequem, nicht selbstverständlich ist. Jeder Übergang verlangt Reibung. Jede Verwandlung verlangt das Durchqueren von Unsicherheit. Das Bild erzählt somit von jener existenziellen Situation, in der der Mensch am Ufer seines bisherigen Lebens steht und hinübersieht auf etwas, das ihn magnetisch anzieht, obwohl er es noch nicht benennen kann.

Besonders faszinierend ist die Farbdramaturgie: Das warme, fast brennende Licht dominiert die Szene, während rechts kühle Blauanteile wie Wasser, Tiefe oder Distanz aufscheinen. Dadurch entsteht ein spannungsreicher Dialog zwischen Nähe und Ferne, Feuer und Strom, Sehnsucht und Trennung. Die Stadt am anderen Ufer ist sichtbar und doch nicht erreichbar, solange man nur betrachtet. Das Werk stellt damit die stille Frage: Wann wird aus dem Sehen ein Gehen? Wann wird aus der Sehnsucht der erste Schritt?

So wird dieses kleine Format zu einem großen Sinnbild menschlicher Entwicklung. Jeder trägt eine Stadt am anderen Ufer in sich: einen Ort des noch nicht Gelebten, des noch nicht Erkannten, des noch nicht Gewagten. Ich mache diesen inneren Horizont sichtbar. Ich male die Schwelle zwischen Bekanntem und Kommendem, zwischen dem sicheren Ufer und dem verheißungsvollen Jenseits. Und genau darin liegt die Kraft dieses Werkes: Es erinnert uns daran, dass das Wesentliche unseres Lebens fast immer dort liegt, wo wir noch nicht angekommen sind.

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