Kalenderblatt 18. Juni

Kalenderblatt 18. Juni

Das Kalenderblatt zum 18. Juni
„Durch die Haut der Welt“
„Through the Skin of the World“
„A través de la piel del mundo“

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

Es gibt Bilder, die zeigen eine Landschaft. Und es gibt Bilder, die wirken wie eine Landschaft, die sich noch daran erinnert, dass sie einst Licht war. In den Schichten von Gold, Ocker, Rosa, Grün und Weiß öffnet sich ein Raum, der weder außen noch innen liegt. Es ist, als würde man nicht auf die Welt blicken, sondern durch ihre Haut hindurchsehen, dorthin, wo Formen noch nicht entschieden haben, was sie werden wollen.

Ein Wanderer, dessen Namen niemand kennt, soll einst an einen Ort gekommen sein, an dem die Grenzen der Dinge verschwanden. Die Berge waren nicht mehr nur Berge, die Wolken nicht mehr nur Wolken, und selbst die Erde unter seinen Füßen schien aus Erinnerungen gewebt zu sein. Als er die Hand ausstreckte, spürte er, dass jede Oberfläche nur eine dünne Membran war, eine Haut zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem.

Neugierig legte er sein Ohr an diese geheimnisvolle Schicht. Und da hörte er etwas Unerwartetes: Das Flüstern aller Geschichten, die jemals gelebt worden waren. Die Freude eines Kindes, das erste Mal das Meer zu sehen. Die Sehnsucht eines Reisenden nach seiner Heimat. Das Lachen zweier Liebender unter einem Sommerhimmel. Aber auch die stillen Tränen derer, die ihren Weg verloren hatten. Alles war darin enthalten, verwoben wie farbige Fäden in einem gewaltigen Gewebe.

Je länger er lauschte, desto mehr lösten sich die festen Konturen seiner eigenen Gedanken auf. Er erkannte, dass die Welt nicht aus getrennten Dingen bestand, sondern aus Beziehungen, Übergängen und Berührungen. Jeder Mensch war eine Farbe im großen Bild. Jede Begegnung ein Pinselstrich. Jeder Augenblick eine neue Schicht auf der Haut der Welt.

Als die Sonne hinter dem Horizont versank, geschah etwas Merkwürdiges. Die Haut der Welt wurde durchscheinend. Für einen einzigen Herzschlag konnte der Wanderer sehen, was dahinter lag: ein grenzenloses Meer aus Licht, aus dem alles hervorging und in das alles wieder zurückkehrte. Kein Anfang. Kein Ende. Nur Bewegung, Wandlung und Leben.

Als der Blick wieder gewöhnlich wurde, war die Landschaft dieselbe wie zuvor. Und doch hatte sich alles verändert. Denn nun wusste er, dass hinter jeder sichtbaren Form ein tieferes Geheimnis verborgen liegt. Seit jenem Tag geht er durch die Welt mit offenen Augen und offenem Herzen. Nicht, um Antworten zu finden, sondern um die feinen Risse und Übergänge zu entdecken, durch die das Unsichtbare hindurchschimmert.

„Durch die Haut der Welt“ erzählt von diesem Augenblick des Erkennens, von der Ahnung, dass Wirklichkeit mehr ist als das, was wir sehen. Dass unter jeder Oberfläche eine Geschichte wartet. Und dass wir manchmal nur still genug werden müssen, um sie zu hören.

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Kalenderblatt 18. Juni

Hier wohne ich

Kalenderblatt vom 18. Juni
„Hier wohne ich“
„Here I live“
„Yo resido aquí

Acryl, Quarzsand, Acrylpaste auf Aquarellbütten ca. 15 x 21 cm

Zwischen zwei hellen Flächen erhebt sich ein breiter roter Streifen wie eine Wand, die seit langer Zeit dort steht. In ihrer Mitte befindet sich ein dunkles Quadrat, eingerahmt von einer silbrig schimmernden Umrandung. Es wirkt wie ein Fenster, und doch gibt es keinen Blick nach draußen. Es wirkt wie eine Tür, und doch scheint sie verschlossen. Genau dort beginnt die Geschichte.

Ein Wanderer war viele Jahre unterwegs. Er zog durch Städte und Wüsten, über Berge und durch Täler. Er sammelte Erfahrungen, Erinnerungen, Erfolge und Niederlagen. Überall suchte er nach einem Ort, den er sein Zuhause nennen konnte. Doch jedes Haus, das er betrat, war nur eine vorübergehende Station. Jeder Ort schien ihm irgendwann zu eng oder zu fremd.

Eines Tages gelangte er zu einer roten Mauer. Sie war schlicht, fast unscheinbar, und doch strahlte sie eine seltsame Kraft aus. In ihrer Mitte befand sich ein dunkles Quadrat. Kein Schild erklärte seine Bedeutung. Keine Stimme gab Auskunft. Nur drei Worte standen dort geschrieben:

„Hier wohne ich.“

Der Wanderer lachte zuerst. Wer sollte denn in diesem kleinen schwarzen Feld wohnen? Es gab weder Fenster noch Türen, keine Möbel, keine Zeichen von Leben. Doch je länger er davorstand, desto stiller wurde er. Das schwarze Quadrat begann, ihn anzuziehen wie ein tiefer Brunnen, in dem sich nicht Wasser, sondern Geheimnisse verbargen.

Er setzte sich davor und wartete.

Stunden wurden zu Tagen. Tage wurden zu einer Zeit, die nicht mehr gemessen werden konnte. Und langsam begriff er, dass das Quadrat kein Ort war, den man von außen betreten konnte. Es war ein Spiegel ohne Spiegelbild. Es zeigte nichts, außer dem, was man mitgebracht hatte.

Der Wanderer sah seine Ängste, seine Hoffnungen, seine Sehnsüchte. Er sah all die Rollen, die er gespielt hatte, und all die Geschichten, die er über sich selbst erzählt hatte. Schicht um Schicht löste sich etwas von ihm ab.

Da erkannte er plötzlich, dass die Worte nicht von einem anderen stammten.

„Hier wohne ich.“

Nicht im Haus. Nicht in der Stadt. Nicht in einem Land.

Hier – im Zentrum des eigenen Seins.

Das rote Feld wurde für ihn zum Symbol des Lebens, voller Leidenschaft, Erfahrungen und Begegnungen. Die hellen Flächen links und rechts wurden zu Vergangenheit und Zukunft. Doch das dunkle Quadrat in der Mitte war die Gegenwart, der stille Kern, der unveränderliche Ort hinter allen Veränderungen.

Als der Wanderer schließlich aufstand, war die Mauer noch dieselbe. Das Quadrat war noch immer dunkel. Nichts hatte sich verändert und doch war alles anders.

Denn er hatte aufgehört, nach einem Zuhause in der Welt zu suchen.

Er hatte entdeckt, dass das Zuhause immer dort war, wo er sich selbst begegnete.

Und seit jenem Tag, wenn ihn jemand fragte, wo er wohne, lächelte er nur und antwortete:

„Dort, wo die Stille in mir beginnt.“

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