
Kalenderblatt vom 18. Juni
„Hier wohne ich“
„Here I live“
„Yo resido aquí„
Acryl, Quarzsand, Acrylpaste auf Aquarellbütten ca. 15 x 21 cm
Zwischen zwei hellen Flächen erhebt sich ein breiter roter Streifen wie eine Wand, die seit langer Zeit dort steht. In ihrer Mitte befindet sich ein dunkles Quadrat, eingerahmt von einer silbrig schimmernden Umrandung. Es wirkt wie ein Fenster, und doch gibt es keinen Blick nach draußen. Es wirkt wie eine Tür, und doch scheint sie verschlossen. Genau dort beginnt die Geschichte.
Ein Wanderer war viele Jahre unterwegs. Er zog durch Städte und Wüsten, über Berge und durch Täler. Er sammelte Erfahrungen, Erinnerungen, Erfolge und Niederlagen. Überall suchte er nach einem Ort, den er sein Zuhause nennen konnte. Doch jedes Haus, das er betrat, war nur eine vorübergehende Station. Jeder Ort schien ihm irgendwann zu eng oder zu fremd.
Eines Tages gelangte er zu einer roten Mauer. Sie war schlicht, fast unscheinbar, und doch strahlte sie eine seltsame Kraft aus. In ihrer Mitte befand sich ein dunkles Quadrat. Kein Schild erklärte seine Bedeutung. Keine Stimme gab Auskunft. Nur drei Worte standen dort geschrieben:
„Hier wohne ich.“
Der Wanderer lachte zuerst. Wer sollte denn in diesem kleinen schwarzen Feld wohnen? Es gab weder Fenster noch Türen, keine Möbel, keine Zeichen von Leben. Doch je länger er davorstand, desto stiller wurde er. Das schwarze Quadrat begann, ihn anzuziehen wie ein tiefer Brunnen, in dem sich nicht Wasser, sondern Geheimnisse verbargen.
Er setzte sich davor und wartete.
Stunden wurden zu Tagen. Tage wurden zu einer Zeit, die nicht mehr gemessen werden konnte. Und langsam begriff er, dass das Quadrat kein Ort war, den man von außen betreten konnte. Es war ein Spiegel ohne Spiegelbild. Es zeigte nichts, außer dem, was man mitgebracht hatte.
Der Wanderer sah seine Ängste, seine Hoffnungen, seine Sehnsüchte. Er sah all die Rollen, die er gespielt hatte, und all die Geschichten, die er über sich selbst erzählt hatte. Schicht um Schicht löste sich etwas von ihm ab.
Da erkannte er plötzlich, dass die Worte nicht von einem anderen stammten.
„Hier wohne ich.“
Nicht im Haus. Nicht in der Stadt. Nicht in einem Land.
Hier – im Zentrum des eigenen Seins.
Das rote Feld wurde für ihn zum Symbol des Lebens, voller Leidenschaft, Erfahrungen und Begegnungen. Die hellen Flächen links und rechts wurden zu Vergangenheit und Zukunft. Doch das dunkle Quadrat in der Mitte war die Gegenwart, der stille Kern, der unveränderliche Ort hinter allen Veränderungen.
Als der Wanderer schließlich aufstand, war die Mauer noch dieselbe. Das Quadrat war noch immer dunkel. Nichts hatte sich verändert und doch war alles anders.
Denn er hatte aufgehört, nach einem Zuhause in der Welt zu suchen.
Er hatte entdeckt, dass das Zuhause immer dort war, wo er sich selbst begegnete.
Und seit jenem Tag, wenn ihn jemand fragte, wo er wohne, lächelte er nur und antwortete:
„Dort, wo die Stille in mir beginnt.“