
Kalenderblatt zum 25. September
„Was ist da vorne los?“
„What’s up ahead?“
„Qué pasa adelante?“
Bleistift, Tusche auf Zeichenpapier ca. 21 x 15 cm
Etwas geschieht am Horizont.
Mehr wissen wir zunächst nicht. Ein gelber Schein durchbricht die beinahe vollständig graue Welt. Ist es Feuer? Licht? Eine Warnung? Oder kündigt sich dort etwas an, das noch keinen Namen hat?
Die Linien des Vordergrundes ziehen den Blick unaufhaltsam in die Ferne. Sie erinnern an Furchen eines Feldes, an Wege oder Spuren, die sich einem einzigen Punkt entgegenbewegen. Man kann dem Geschehen nicht ausweichen. Das Bild zwingt den Blick nach vorne.
Doch je länger man schaut, desto rätselhafter wird das, was dort geschieht. Über der Landschaft verdichten sich dunkle, schwebende Formen. Aus dem Grau tauchen Fragmente auf: Körper, Hände, vielleicht Gestalten. Für einen Augenblick scheinen sie erkennbar zu werden, dann lösen sie sich wieder auf.
Nichts ist eindeutig. Alles befindet sich zwischen Erscheinen und Verschwinden.
Und mitten in dieser Welt aus Bleistift, Tusche und Grau steht dieses kleine, beinahe unwirkliche Gelb.
Es ist die einzige Farbe des Bildes. Gerade deshalb erhält sie eine enorme Präsenz. Wie ein Riss in der grauen Ordnung markiert sie den Horizont. Dort geschieht etwas. Doch das Bild verweigert uns die beruhigende Gewissheit, was es ist.
Vielleicht liegt genau darin seine Spannung.
Denn „Was ist da vorne los?“ fragt nicht nur nach einem Ereignis irgendwo in der Ferne. Die Frage richtet sich zunehmend an uns selbst.
Was geschieht, wenn etwas Bekanntes ins Wanken gerät?
Wie reagieren wir auf das, was wir noch nicht verstehen?
Bleiben wir stehen? Gehen wir weiter?
Und woran erkennen wir, ob das Leuchten vor uns Gefahr bedeutet oder einen neuen Anfang?
Der Horizont wird so zu einer Grenze zwischen Wissen und Ahnung, Gegenwart und Zukunft, Sichtbarem und Unsichtbarem.
Vielleicht zeigt das Bild deshalb weniger ein bestimmtes Ereignis als einen menschlichen Grundzustand: Wir bewegen uns durch unser Leben auf etwas zu, dessen Bedeutung wir noch nicht kennen. Erst aus der Nähe wird sich zeigen, was uns dort erwartet.
Das kleine gelbe Leuchten gibt darauf keine Antwort.
Es hält die Möglichkeit offen.
Und vielleicht ist genau das Entscheidende nicht, ob dort vorne Dunkelheit oder Licht auf uns wartet.
Sondern dass wir bereits unterwegs sind.
„Was ist da vorne los?“
Wir wissen es noch nicht.
Aber unser Blick ist längst darauf gerichtet.