Kalenderblatt
25. September

Das ist alles, was man wissen muss

Kalenderblatt vom 25. September
„Das ist alles, was man wissen muss“
„That’s all what you need to know“
„Esto es todo que necesita saber“

Tusche, Acrylpaste auf Aquarellpapier ca. 15 x 21 cm

Ein Kreis. Ein Quadrat. Ein Dreieck. Zwei bewegte Linien. Eine goldene Spur.

Fast nichts.

Und vielleicht gerade deshalb: alles.

Das Bild wirkt wie eine Erinnerung an eine Sprache, die wir kannten, bevor wir gelernt haben, die Welt mit Worten zu erklären. Seine wenigen Formen stehen frei im weißen Raum. Sie erzählen keine Geschichte und bilden nichts ab. Sie sind einfach da, elementar und unmittelbar.

Der Kreis kann für Einheit stehen, für das Ganze, für etwas, das weder Anfang noch Ende kennt. Das Quadrat bringt Begrenzung und Ordnung ins Spiel, die Welt des Festen und Gewordenen. Das Dreieck weist über die Fläche hinaus. Seine Linien streben auf einen Punkt zu, als suche die Form nach einer höheren Ordnung.

Doch zwischen diesen geometrischen Zeichen erscheinen zwei unruhige, beinahe schwingende Linien. Etwas ist in Bewegung geraten. Die vollkommene Form trifft auf das Lebendige, das sich nicht vollkommen ordnen lässt.

Und dann durchzieht eine goldene Spur das Bild.

Sie gehört weder zum Kreis noch zum Quadrat oder Dreieck. Sie verbindet die Formen nicht einmal sichtbar miteinander. Vielmehr scheint sie durch den weißen Raum zu ziehen wie eine Energie, die für einen Augenblick sichtbar geworden ist. Wie eine Spur des Lichts zwischen den Dingen.

Vielleicht liegt gerade hier das Zentrum des Bildes.

Denn „Das ist alles, was man wissen muss“ klingt zunächst wie eine endgültige Behauptung. Doch je länger man das Bild betrachtet, desto weniger endgültig wird sie. Was ist dieses „Alles“?

Vielleicht erzählt das Werk von einer sehr alten Vorstellung: dass hinter der unüberschaubaren Vielfalt der Erscheinungen wenige grundlegende Prinzipien liegen. Einheit und Vielheit. Form und Bewegung. Materie und Geist. Begrenzung und Überschreitung.

Der Mensch versucht seit Jahrtausenden, diese Ordnung zu erkennen. Er entwickelt Systeme, Begriffe und Erklärungen, schreibt Bibliotheken voll und häuft Wissen auf, bis selbst das Wissen wieder unübersichtlich wird. Das Bild macht das Gegenteil.

Es reduziert.

Bis nur noch Zeichen bleiben.

Und der leere Raum zwischen ihnen.

Vielleicht besteht Erkenntnis deshalb nicht darin, immer mehr zu wissen. Vielleicht geschieht sie in jenem Augenblick, in dem etwas plötzlich einfach und unmittelbar erkannt wird.

Das Werk verrät nicht, was dieses Eine ist. Es lässt die Antwort bewusst offen.

Vielleicht muss das Wesentliche nicht erklärt werden.
Vielleicht muss es erkannt werden.

Und möglicherweise wissen wir es längst.

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