
Das Kalenderblatt zum 20. Mai
“Als der schwarze Berg begann im Licht zu zerfallen”
“When the Black Mountain Began to Dissolve into Light”
“Cuando la montaña negra comenzó a disolverse en la luz”
Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm
„Als der schwarze Berg begann im Licht zu zerfallen“ ist eine innere Eruption. Ein Moment der Verwandlung, eingefangen zwischen Materie und Auflösung, zwischen Dunkelheit und einem Licht, das nicht sanft kommt, sondern alles erfasst. Der schwarze Berg wirkt hier wie ein uraltes Symbol, wie eine verhärtete Wirklichkeit, ein Monument aus Erinnerung, Angst, Macht oder Schwere. Doch genau in dem Augenblick, in dem man glaubt, seine massive Form erkennen zu können, beginnt er bereits zu zerfallen. Nicht durch Gewalt. Sondern durch Licht.
Das Gelb des Hintergrundes ist dabei keine bloße Farbe. Es wirkt wie eine alles durchdringende Energie, wie ein kosmischer Morgen, der keine Schatten mehr duldet. Dieses Licht ist nicht dekorativ, es ist radikal. Es legt frei, was zu lange verborgen war. Der schwarze Berg verliert seine klare Kontur, beginnt zu fließen, sich aufzulösen, wird zu Bewegung, zu Fragment, zu Erinnerung. Die dunklen Linien wirken wie tektonische Spuren eines inneren Bebens. Dazwischen brechen rote und orangefarbene Felder hervor, wie glühende Kerne, wie verborgene Hitze unter erkalteter Oberfläche.
Gerade in der Verbindung von Acryl und Acrylpaste entsteht eine faszinierende physische Präsenz. Die Struktur des Bildes erinnert an verwittertes Gestein, an erkaltete Lava oder an Landschaften, die durch Feuer und Zeit geformt wurden. Gleichzeitig besitzt das Werk eine fast kalligrafische Leichtigkeit. Die schwarzen Linien ziehen sich wie Zeichen einer unbekannten Sprache über die Fläche. Es ist, als würde der Berg im Moment seines Zerfalls beginnen zu sprechen.
Der Titel eröffnet dabei eine tiefere philosophische Ebene. Denn Berge gelten traditionell als Sinnbild für Beständigkeit, Ewigkeit und Unerschütterlichkeit. Doch hier geschieht das Gegenteil: Das vermeintlich Feste verliert seine Macht im Kontakt mit Licht. Das Werk stellt damit eine existenzielle Frage: Was bleibt von unseren inneren Bergen, wenn plötzlich Bewusstsein in sie einfällt? Vielleicht erzählt dieses Bild genau davon, vom Ende alter Gewissheiten, vom Schmelzen innerer Härten oder von der Erkenntnis, dass selbst Dunkelheit nur eine vorübergehende Verdichtung ist.
Die kleine Bildgröße verstärkt paradoxerweise die Intensität. Auf nur ca. 15 x 21 cm entsteht ein Raum, der monumental wirkt. Wie ein Fragment eines viel größeren Universums. Der Betrachter steht nicht einfach vor einem Bild, er steht vor einem Prozess. Vor einem Augenblick, in dem etwas Altes vergeht und gleichzeitig etwas Neues geboren wird.
„Als der schwarze Berg begann im Licht zu zerfallen“ ist deshalb weit mehr als abstrakte Malerei. Es ist eine poetische Meditation über Transformation. Über das Ende von Starrheit. Über die stille Macht des Lichtes. Und über die Schönheit eines Zerfalls, der zugleich ein Anfang ist.