Kalenderblatt
20. August

Monochromes Märchen

Kalenderblatt vom 20. August
„Monochromes Märchen“
„Monochrome fairy tale“
„Monocromo cuento de hadas“

Gesso, Acryl auf Bambuspapier ca. 21 x 15 cm

Auf den ersten Blick scheint dieses Bild fast alles zurückzunehmen, was ein Märchen gewöhnlich ausmacht: keine leuchtenden Farben, keine erkennbare Handlung, keine eindeutig benennbaren Figuren. Stattdessen öffnet sich eine vielschichtige Welt aus Blau, Grau, Weiß und tiefen Schatten.

Doch je länger der Blick auf der Oberfläche verweilt, desto weniger bleibt sie abstrakt.

Aus den Strukturen beginnen Formen hervorzutreten. Vielleicht ist es eine Landschaft. Vielleicht eine Felswand, ein nächtlicher Wald, eine Ruine oder eine Gestalt, die sich für einen Augenblick aus der Dunkelheit löst. Kaum scheint etwas erkannt, entzieht es sich wieder und wird zu Farbe, Spur und Material.

Das Bild bewegt sich auf der Grenze zwischen Erscheinung und Auflösung.

Die Schichten aus Gesso und Acryl verleihen der Oberfläche etwas beinahe Archäologisches. Linien, Kratzer, Verdichtungen und helle Brüche wirken wie Spuren einer Wirklichkeit, die unter der sichtbaren Oberfläche verborgen liegt. Es entsteht der Eindruck, als sei diese Welt nicht gemalt, sondern freigelegt worden.

Gerade die nahezu monochrome Farbigkeit verstärkt diese Wirkung. Das Blau beschreibt keinen konkreten Himmel und kein bestimmtes Wasser. Es wird vielmehr zu einem Raum, in dem sich Tiefe überhaupt erst entwickeln kann. Weil die Farbe sich zurücknimmt, treten Struktur, Licht und Materialität umso stärker hervor.

Und vielleicht beginnt genau hier das Märchen.

Nicht als Geschichte, die das Bild erzählt, sondern als Geschichte, die im Betrachter entsteht. Das Auge sucht nach Bekanntem, findet Fragmente, verliert sie wieder und setzt aus ihnen neue Zusammenhänge zusammen. Jeder Blick kann etwas anderes hervorbringen.

„Monochromes Märchen“ gibt sein Geheimnis nicht preis.

Es zeigt gerade genug, um unsere Vorstellungskraft in Bewegung zu setzen, und verbirgt genug, damit keine endgültige Deutung möglich wird. Zwischen den dunklen und hellen Schichten bleibt etwas Unausgesprochenes bestehen.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Poesie dieses Werkes:

Das Märchen befindet sich nicht auf dem Papier.
Es entsteht in dem Augenblick, in dem wir beginnen, darin etwas zu sehen.

 

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