
Kalenderblatt vom 1. Mai
“Lichter der Ewigkeit”
“Lights of eternity”
“Luces de eternidad”
Tusche auf Bambuspapier ca. 15 x 21 cm
„Lichter der Ewigkeit“ ist kein Bild, das sich dem schnellen Blick erschließt, es ist vielmehr ein stilles Feld von Erscheinungen, ein zarter Kosmos, in dem sich Existenz nicht als Materie, sondern als Leuchten offenbart. Auf dem fast unberührten, lichtdurchlässigen Grund des Bambuspapiers schweben Formen, die zugleich fern und nah wirken: wie Sterneninseln, wie aufglimmende Seelenpunkte, wie Erinnerungen an etwas, das älter ist als jede Sprache. Die Tusche verläuft nicht kontrolliert und hart, sondern sie franst aus, atmet, löst ihre Ränder auf und genau darin entsteht der Eindruck, dass hier nicht Objekte gemalt wurden, sondern energetische Präsenz sichtbar geworden ist.
Besonders faszinierend ist das Zusammenspiel der Farben. Das warme Rot, das sonnige Gelb und die tiefen schwarzen Zentren erzeugen eine Spannung zwischen Geburt, Licht und Geheimnis. Die gelben Kreise wirken wie innere Sonnen, wie Bewusstseinsfunken, die aus einem unsichtbaren Ursprung hervortreten. Die schwarzen Verdichtungen hingegen tragen nichts Bedrohliches in sich; sie erscheinen vielmehr als mystische Tore, als dunkle Kerne des Ungesagten, aus denen das Leuchten erst seine Bedeutung erhält. Denn Ewigkeit ist nicht nur Helligkeit sie ist immer auch das unfassbare Dunkel, aus dem jedes Licht geboren wird. Gerade diese Polarität verleiht dem Werk seine spirituelle Tiefe.
Die Komposition besitzt dabei etwas Schwereloses, beinahe Lautloses. Nichts ist hier festgefügt, nichts architektonisch begrenzt. Alles scheint im Zustand des Schwebens, des Entstehens, des Vergehens zugleich. Man könnte meinen, man blicke auf einen mikroskopischen Ausschnitt des Universums oder auf die unsichtbaren Signaturen von Erinnerungen, die im Raum geblieben sind. Diese Lichter sind keine Lampen, keine Sterne, keine Flammen, es sind Chiffren des Fortbestehens. Sie erzählen davon, dass nichts wirklich erlischt, sondern dass jede Erfahrung, jede Seele, jeder Gedanke Spuren im großen Gewebe des Seins hinterlässt.
Gerade durch seine Reduktion entwickelt das Bild eine ungewöhnliche Sogkraft. Es schreit nicht, es erklärt nicht, es illustriert nichts Gegenständliches und deshalb öffnet es einen inneren Resonanzraum. Der Betrachter wird nicht informiert, sondern eingeladen, sich erinnernd hineinzufühlen. „Lichter der Ewigkeit“ wird so zu einer Meditation über das Unsichtbare, über jene stillen Funken, die jenseits von Zeit und Vergänglichkeit weiterglimmen. Es ist ein Werk über Hoffnung ohne Pathos, über Transzendenz ohne religiöse Enge und über die tröstliche Ahnung, dass im scheinbar leeren Raum mehr Leben wohnt, als das Auge zunächst erkennt.
Am Ende bleibt das Gefühl, als habe man für einen kurzen Moment in einen Bereich geschaut, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Unendlichkeit zu einem einzigen leisen Puls verschmelzen. Genau darin liegt die poetische Kraft dieses Bildes: Es macht nicht die Ewigkeit erklärbar, es lässt sie aufscheinen.