Archiv der Kategorie: Remastert

Kalenderblatt
9. Juni

Der Teufel der Nacht

Das Kalenderblatt zum 9. Juni
“Der Teufel der Nacht”
„El diablo de la noche“
„The Devil of the Night“

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

Es war einmal in einer Zeit, als die Nächte noch Geheimnisse bargen, die kein Mensch zu benennen wagte. Tief hinter den Bergen, dort, wo die letzten Sonnenstrahlen in dunklen Schluchten versanken, lebte ein Wesen, das man nur den Teufel der Nacht nannte.

Niemand wusste genau, wie er aussah. Manche behaupteten, er bestehe aus Feuer und Schatten zugleich. Andere erzählten, sein Leib sei aus den Ängsten der Menschen gewebt. Doch alle Geschichten hatten eines gemeinsam: Wenn die Nacht am dunkelsten war, erschien über den Wäldern ein glühender Bogen aus Gold und Rot, als hätte jemand eine brennende Spur an den Himmel gemalt.

In einem kleinen Dorf am Rand dieser Wälder lebte ein junger Hirte namens Aron. Er hatte keine Angst vor der Dunkelheit, denn er glaubte, dass hinter jeder Furcht eine Wahrheit verborgen lag. Als eines Abends der goldrote Schein erneut über den Himmel zog, beschloss er, dem Geheimnis zu folgen.

Je tiefer Aron in den Wald gelangte, desto stiller wurde die Welt. Die Bäume schienen den Atem anzuhalten. Schließlich erreichte er eine Lichtung, auf der sich die Schatten wie schwarze Wellen bewegten. Dort erhob sich die Gestalt des Teufels der Nacht.

Seine Augen glühten wie geschmolzenes Kupfer, und um ihn herum wirbelten rote Funken wie aufgescheuchte Vögel. Über seinem Haupt spannte sich ein gewaltiger Bogen aus goldenem Licht, der zugleich wie eine Krone und wie eine drohende Klaue wirkte.

„Warum verfolgst du mich?“, fragte das Wesen mit einer Stimme, die wie fernes Donnern klang.

„Weil ich wissen möchte, wer du wirklich bist“, antwortete Aron.

Da lachte der Teufel der Nacht. „Seit Jahrhunderten fürchten mich die Menschen. Sie geben mir Namen, malen mich als Monster und erzählen Geschichten über mein Verderben. Doch niemand fragt, warum ich existiere.“

Mit einer Bewegung seiner Hand öffnete sich die Dunkelheit wie ein Vorhang. Aron sah darin die Sorgen der Menschen, ihre verdrängten Träume, ihre ungeweinten Tränen und ihre unausgesprochenen Wahrheiten.

„Ich bin nicht der Herr der Nacht“, sagte das Wesen leise. „Ich bin ihr Spiegel. Alles, was die Menschen nicht ansehen wollen, wächst in meinem Reich.“

Da verstand Aron. Der Teufel war nicht gekommen, um die Welt zu zerstören. Er war entstanden aus allem, was die Menschen vor sich selbst verborgen hatten.

Mutig trat Aron näher. Statt davonzulaufen, blickte er in die flammenden Augen des Wesens. In diesem Augenblick begann das rote Feuer zu verblassen. Die scharfen Konturen lösten sich auf, und aus dem bedrohlichen Schatten wurde eine Gestalt aus warmem Licht.

Denn jede Angst, die erkannt wird, verliert ihre Macht.

Als die ersten Strahlen des Morgens den Horizont berührten, war der Teufel der Nacht verschwunden. Zurück blieb nur ein goldener Schimmer am Himmel, wie die Erinnerung an einen Traum.

Aron kehrte ins Dorf zurück und erzählte den Menschen, was er gesehen hatte. Viele glaubten ihm nicht. Doch einige begannen, ihren eigenen Schatten ins Gesicht zu sehen, statt vor ihm davonzulaufen.

Und seit jener Zeit erscheint der goldrote Bogen nur noch selten am Himmel. Doch wenn er auftaucht, erinnern sich die Alten an die Legende und sagen:

„Fürchte nicht den Teufel der Nacht. Fürchte nur die Dunkelheit, die du nicht bereit bist anzuschauen. Denn hinter ihr wartet bereits das Licht.“

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Kalenderblatt
9. Juni

Kalenderblatt 9. Juni

Das Kalenderblatt zum 09. Juni
„Im Strom der werdenden Horizonte“
„In the Current of Emerging Horizons“
„En la corriente de los horizontes nacientes“

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm

Es heißt, dass es zwischen den Welten einen Ort gibt, den kein Mensch auf einer Landkarte finden kann. Die Alten nannten ihn den Strom der werdenden Horizonte. Dort endet nichts und beginnt nichts wirklich, alles befindet sich im Zustand des Werdens. Farben fließen ineinander, Zeiten vermischen sich, und jeder Gedanke kann zu einer Landschaft werden.

Eines Tages erreichte der Wanderer Lumaro diesen geheimnisvollen Ort. Er war viele Jahre unterwegs gewesen, auf der Suche nach dem Horizont, hinter dem sich die Antworten auf seine Fragen verbergen sollten. Doch je weiter er reiste, desto mehr Horizonte erschienen vor ihm. Als er glaubte, sich verlaufen zu haben, öffnete sich vor seinen Augen ein leuchtender Strom aus Gold, Blau und glühendem Orange.

Über ihm schwebte eine dunkle Wolkeninsel, die aussah wie ein vergessenes Fragment der Nacht. Unter ihm bewegten sich die Wasser des Stromes langsam und lautlos. Sie bestanden nicht aus Wasser, sondern aus ungelebten Möglichkeiten, ungeborenen Träumen und noch nicht getroffenen Entscheidungen.

Lumaro trat an das Ufer und blickte hinein. Sofort sah er Bilder seines Lebens. Er sah Wege, die er nie gegangen war, Worte, die er nie ausgesprochen hatte, und Türen, die er einst aus Angst verschlossen hatte. Doch statt Bedauern zu empfinden, bemerkte er etwas anderes: Jede dieser Möglichkeiten war noch immer lebendig. Nichts war verloren. Alles wartete.

Da erschien aus dem goldenen Licht eine Gestalt. Sie hatte kein Gesicht und keine feste Form. Mal schien sie aus Wolken zu bestehen, dann wieder aus flüssigem Feuer. Ihre Stimme klang wie Wind über einer weiten Ebene.

„Warum suchst du den letzten Horizont?“

Lumaro antwortete: „Weil ich endlich ankommen möchte.“

Die Gestalt lächelte. „Wer ankommen will, hat vergessen, dass das Leben selbst eine Reise des Werdens ist. Horizonte sind keine Grenzen. Sie sind Einladungen.“

Mit diesen Worten berührte sie die Oberfläche des Stromes. Sofort begannen die Farben zu tanzen. Das tiefe Blau verwandelte sich in Ozeane neuer Erfahrungen. Das Gold wurde zu Wegen voller Erkenntnis. Das Orange entfachte den Mut, den nächsten Schritt zu wagen.

Lumaro erkannte plötzlich, dass jeder Horizont, den er erreicht hatte, nicht das Ende eines Weges gewesen war, sondern die Geburt eines neuen. Die Zukunft war kein fernes Ziel. Sie entstand genau in diesem Augenblick, aus seinen Entscheidungen, seinen Träumen und seinem Vertrauen.

Als die Sonne des Zwischenreichs langsam hinter einem neuen Horizont versank, trat Lumaro in den leuchtenden Strom. Das Wasser der Möglichkeiten umspülte ihn, und er spürte, wie sich alte Ängste auflösten. Dort, mitten zwischen Vergangenheit und Zukunft, verstand er das Geheimnis des Lebens:

Nicht die erreichten Horizonte formen den Menschen, sondern die Bereitschaft, immer wieder neue entstehen zu lassen.

Und so wanderte Lumaro weiter. Nicht mehr auf der Suche nach dem Ende seiner Reise, sondern voller Freude darüber, dass vor ihm immer neue Horizonte geboren wurden, leuchtend, geheimnisvoll und voller Möglichkeiten. Seitdem erzählt der Strom jedem, der bereit ist zuzuhören, dieselbe Botschaft:

Das Leben ist kein Weg zu einem Horizont. Es ist der Strom, aus dem die Horizonte entstehen.

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