Archiv der Kategorie: Remastert

Kalenderblatt
12. Juni

Mach das Fenster zu und komm wieder ins Bett

Kalenderblatt vom 12. Juni
“Mach das Fenster zu und komm wieder ins Bett”
“Close the window and return to bed”
“Cierra la ventana y vuelve a cama”

Gesso, Acryl auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm

In jener Nacht war die Welt in Violett und Blau getaucht. Der Wind strich über die Dächer, und irgendwo in der Ferne schlug eine Turmuhr zwölf Mal. Das alte Haus knarrte leise, als würde es mit dem Sturm sprechen.

Jakob lag wach. Etwas hatte ihn aus dem Schlaf gerissen. Vielleicht war es ein Traum gewesen, vielleicht auch nur eine Erinnerung. Er stand auf, schob die Decke beiseite und trat barfuß zum Fenster. Als er die Hände auf den Rahmen legte und die Scheibe öffnete, strömte die kalte Nachtluft herein.

Draußen lag die Stadt still und geheimnisvoll. Über den Dächern leuchteten zwei goldene Rechtecke aus Licht, als hätten sich irgendwo am Himmel Fenster in eine andere Welt geöffnet. Das matte Blau der Nacht schien sie nicht verschlucken zu können. Im Gegenteil, je länger Jakob hinsah, desto heller wurden sie.

Er spürte, wie etwas in ihm nach draußen gezogen wurde. Eine Sehnsucht, die keinen Namen hatte. Die Sehnsucht nach den unerfüllten Wegen seines Lebens. Nach den Reisen, die er nie gemacht hatte. Nach den Worten, die er nie gesagt hatte. Nach den Träumen, die immer auf morgen verschoben worden waren.

„Komm“, flüsterte die Nacht.

Jakob beugte sich weiter hinaus. Die Dunkelheit schien sich zu öffnen wie ein Tor. Einen Augenblick lang glaubte er, hinter den goldenen Fenstern eine Landschaft aus Licht zu erkennen, einen Ort ohne Angst, ohne Zeit und ohne Abschiede.

Da hörte er hinter sich eine Stimme.

Leise. Warm. Vertraut.

Mach das Fenster zu und komm wieder ins Bett.

Er drehte sich um. Dort lag Anna, halb im Schatten, halb im Licht der kleinen Lampe. Ihr Haar fiel über das Kissen, und in ihren Augen lag jenes stille Leuchten, das ihn seit Jahren begleitete.

„Aber siehst du denn nicht?“, fragte Jakob und zeigte nach draußen. „Dort ist etwas. Irgendetwas ruft mich.“

Anna lächelte.

„Natürlich ruft es dich.“

„Du glaubst mir?“

„Ja.“

„Und du willst nicht wissen, was dort ist?“

Sie schwieg einen Moment.

Dann sagte sie: „Vielleicht ist dort draußen ein Wunder. Vielleicht eine andere Welt. Vielleicht die Antwort auf alle Fragen. Aber weißt du, was ich gelernt habe? Die meisten Menschen suchen ihr Leben lang nach einem goldenen Licht am Horizont und bemerken nicht, dass das größte Wunder längst neben ihnen liegt.“

Der Wind wurde stärker.

Jakob blickte noch einmal hinaus. Die goldenen Fenster schimmerten in der Dunkelheit. Schön. Verlockend. Unerreichbar.

Dann schaute er zurück zu Anna.

Plötzlich verstand er.

Manche Türen öffnen sich nach außen. Andere nach innen.

Langsam schloss er das Fenster. Das Klappern des Rahmens verstummte. Die kalte Luft blieb draußen. Die Nacht verlor nichts von ihrem Geheimnis, doch sie wurde wieder fern.

Jakob legte sich zurück ins Bett. Anna rückte näher an ihn heran. Zwischen ihnen entstand jene stille Wärme, die keine Worte braucht.

Draußen leuchteten die goldenen Fenster noch eine Weile am Himmel.

Drinnen aber war etwas Kostbareres entstanden: die Erkenntnis, dass nicht jede Sehnsucht verfolgt werden muss und dass manche Antworten bereits dort liegen, wo Liebe, Nähe und Geborgenheit wohnen.

Und während die Nacht über das Haus zog, schliefen sie ein, behütet zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Fernweh und Ankommen, zwischen den goldenen Fenstern der Welt und dem kleinen, warmen Universum eines gemeinsamen Bettes.

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Kalenderblatt
11. Juni

Vielleicht ist der Stein der Weisen eine Kugel

Kalenderblatt vom 11. Juni
“Vielleicht ist der Stein der Weisen eine Kugel”
“Perhaps the philospoher’s stone is a ball”
“Quizás la piedra filosofal es una bola”

Tusche und Aquarell auf Bambuspapier ca. 21 x 15 cm

In einer Zeit, als die Alchemisten noch glaubten, dass jedes Metall eine verborgene Seele besitzt und jeder Schatten eine Botschaft aus einer anderen Welt trägt, lebte ein Suchender namens Arion. Jahrzehntelang durchwanderte er Bibliotheken, Klöster, Wüsten und Gebirge auf der Suche nach dem Stein der Weisen. Man sagte, dieser geheimnisvolle Stein könne Blei in Gold verwandeln, Krankheit in Gesundheit und Unwissenheit in Erkenntnis.

Arion besaß unzählige Karten, Manuskripte und Rätsel. Er kannte die alten Symbole der Meister, die geheimen Zeichen der Rosenkreuzer und die verschlüsselten Formeln der Alchemie. Doch je mehr er lernte, desto weiter schien sich sein Ziel zu entfernen. Der Stein der Weisen blieb ein Gerücht, ein Flüstern zwischen den Welten.

Eines Tages gelangte er an den Rand eines seltsamen Landes. Dort erhob sich eine dunkle Struktur aus Bögen, Linien und Schatten. Sie wirkte weder natürlich noch künstlich, sondern wie ein Gedanke, der Form angenommen hatte. Über dieser geheimnisvollen Landschaft schwebte eine leuchtend rote Kugel. Sie war vollkommen rund, still und zugleich voller Bewegung, als würde in ihrem Inneren ein verborgenes Feuer brennen.

Arion setzte sich vor die Kugel und wartete. Einen Tag. Zwei Tage. Sieben Tage. Schließlich bemerkte er etwas Merkwürdiges: Die Kugel veränderte nichts außerhalb von ihm. Kein Stein wurde zu Gold, kein Wunder geschah. Stattdessen begann sich etwas in seinem Inneren zu wandeln. Erinnerungen tauchten auf, Ängste lösten sich, alte Überzeugungen zerfielen wie trockene Blätter im Wind.

Da erkannte er seinen Irrtum. Die Alchemisten hatten niemals von einem gewöhnlichen Stein gesprochen. Sie hatten in Bildern und Gleichnissen gelehrt. Der wahre Stein der Weisen war kein Gegenstand, den man finden konnte. Er war ein Zustand des Bewusstseins. Eine Vollkommenheit, die nicht eckig und begrenzt war wie ein Steinblock, sondern rund, grenzenlos und lebendig wie eine Kugel.

Die rote Sphäre vor ihm war das Symbol jener Vollendung. Sie besaß weder Anfang noch Ende. In ihr gab es keine bevorzugte Seite, keine Hierarchie, keinen Mittelpunkt und doch war jeder Punkt Mittelpunkt zugleich. Sie spiegelte die Ordnung des Kosmos wider und erinnerte an die Sonne, an Planeten, an Samen und an die verborgene Gestalt der Seele selbst.

Als Arion dies verstand, begann die dunkle Landschaft um ihn herum zu leuchten. Die schwarzen Linien verwandelten sich nicht in Gold, sie offenbarten ihre Schönheit genau so, wie sie waren. Die Welt hatte sich nicht verändert. Sein Blick hatte sich verändert.

Er kehrte nie mit einem goldenen Schatz in seine Heimat zurück. Stattdessen brachte er etwas Wertvolleres mit: die Erkenntnis, dass die größte Verwandlung nicht im Labor geschieht, sondern im Menschen selbst. Wenn das Innere klar wird, beginnt selbst das Gewöhnliche zu strahlen.

Und so erzählt man sich bis heute die Geschichte von Arion, der den Stein der Weisen fand und entdeckte, dass er vielleicht gar kein Stein war. Vielleicht war er eine Kugel. Eine rote, leuchtende Kugel am Horizont des Bewusstseins, die darauf wartet, von jedem Suchenden neu entdeckt zu werden.

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