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Kalenderblatt
21. Mai

Das Bild mit dem roten Dreieck

Kalenderblatt vom 21. Mai
„Das Bild mit dem roten Dreieck“
„The picture with the red triangle“
„El cuadro con el triángulo rojo“

Quarzsand, Acryl, Acrylpaste auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm

„Das Bild mit dem roten Dreieck“ wirkt wie eine Botschaft aus einer Zwischenwelt, roh, archaisch und zugleich von einer fast kindlich-unmittelbaren Kraft getragen. Die Komposition entzieht sich bewusst jeder klassischen Ordnung und erschafft stattdessen einen Raum, in dem Symbole, Spuren und energetische Fragmente miteinander zu sprechen beginnen. Das zentrale rote Dreieck steht dabei wie ein pulsierender Fremdkörper im weißen Feld der Möglichkeiten. Es wirkt nicht gemalt, sondern gesetzt, wie ein Zeichen, das schon immer da war und nur sichtbar gemacht werden musste. Rot wird hier zur Farbe der Entscheidung, der Warnung, der Lebenskraft und des inneren Feuers. Das Dreieck erinnert an uralte Zeichen der Alchemie, an Übergänge, an Transformation, an das Element Feuer selbst.

Rings um dieses Zentrum bewegen sich violette, fast geisterhafte Linien durch den Bildraum. Sie wirken wie Energiebahnen, Erinnerungen oder Stimmen, die sich nicht ganz materialisieren wollen. Ihre geschwungene Form besitzt etwas Organisches, beinahe Tänzerisches. Man könnte meinen, sie seien Fragmente eines inneren Alphabets, Zeichen einer Sprache, die nicht mit Worten, sondern mit Empfindungen gelesen wird. Gerade durch den Einsatz von Quarzsand, Acryl und Acrylpaste erhält das Werk eine haptische Präsenz, die weit über reine Malerei hinausgeht. Die Oberfläche wirkt verletzlich und widerständig zugleich, als hätte das Bild seine eigene Geschichte gespeichert.

Die beiden gelben Zentren innerhalb der violetten Formen erinnern an Augen, Sonnen oder Bewusstseinskerne. Sie scheinen den Betrachter anzusehen und gleichzeitig nach innen zu leuchten. Dadurch entsteht ein eigentümlicher Dialog zwischen Beobachter und Werk. Das Bild schaut zurück. Genau darin liegt seine Kraft: Es erklärt sich nicht vollständig. Es fordert keine eindeutige Interpretation, sondern eröffnet einen Resonanzraum für Projektionen, Erinnerungen und innere Bilder.

Der blaue Kreis rechts unten bringt eine weitere Ebene ins Spiel. Während das rote Dreieck nach vorne drängt und Energie bündelt, wirkt der Kreis wie ein Gegengewicht, ruhig, tief und kosmisch. Er erinnert an Wasser, Planetensysteme oder an ein verborgenes Auge im Hintergrund der Wirklichkeit. Zwischen Kreis und Dreieck entsteht ein stiller Spannungsbogen: Feuer und Wasser, Bewegung und Sammlung, Impuls und Tiefe.

Auch der rötlich-braune Rahmen ist mehr als bloße Begrenzung. Er wirkt wie eine schützende Architektur, ein Innenraum oder vielleicht sogar wie eine Schwelle zwischen zwei Zuständen des Bewusstseins. Das Bild erscheint dadurch weniger wie ein Fenster zur Außenwelt als vielmehr wie ein Fundstück aus einem inneren Tempel.

„Das Bild mit dem roten Dreieck“ besitzt gerade durch seine scheinbare Einfachheit eine enorme Intensität. Es verweigert dekorative Harmonie und setzt stattdessen auf emotionale Direktheit und symbolische Verdichtung. Das Werk erinnert daran, dass Kunst nicht immer erklären muss. Manchmal genügt ein einziges Zeichen, ein rotes Dreieck im weißen Raum, um etwas in Bewegung zu setzen, das sich rational nicht mehr kontrollieren lässt.

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Kalenderblatt
21. Mai

Bewölkt

Das Kalenderblatt zum 21. Mai
“Bewölkt”
„Cloudy“
„Nublado“

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

„Bewölkt“ war der Name, den der alte Kartograf dem Bild gab, obwohl jeder im Dorf wusste, dass es in Wahrheit keine Landschaft zeigte, sondern einen Zustand der Welt. Seit Jahren hing das kleine Werk in einer schmalen Holzhütte am Rand eines großen, stillen Wassers. Niemand wusste genau, wer es gemalt hatte. Manche behaupteten, es sei in einer Nacht entstanden, in der der Himmel über der Küste gleichzeitig blau, golden und blutrot gewesen sei. Andere sagten, das Bild hätte sich selbst erschaffen, aus den Resten eines Gewitters, aus Staub, Licht und Erinnerungen.

Eines Morgens machte sich ein junger Wanderer auf den Weg zu jener Hütte. Er hatte von einem Ort gehört, an dem Menschen Antworten fanden, ohne Fragen stellen zu müssen. Als er eintrat, roch der Raum nach feuchtem Holz, nach Farbe und nach etwas Uraltem, das sich nicht benennen ließ. Das Bild hing allein an der Wand. Eine wilde Fläche aus Blau und Gold, durchzogen von Spuren, Kratzern und Linien, als hätte der Himmel selbst versucht, seine Gedanken aufzuschreiben. Darüber schwebte dieser große rote Kreis, schwer, glühend, beinahe bedrohlich. Und darunter lag ein schmaler grüner Horizont, wie die letzte Erinnerung an eine Welt, die einmal geordnet gewesen war.

Der Wanderer trat näher heran. Je länger er blickte, desto mehr begann sich das Bild zu verändern. Die blauen Flächen wurden zu ziehenden Wolkenmassen. Das Gold begann zu leuchten wie verborgenes Sonnenlicht hinter einem Sturm. Der rote Kreis pulsierte wie ein ferner Planet oder wie ein Herz, das zu lange geschwiegen hatte. Und plötzlich hörte er etwas. Kein Geräusch im eigentlichen Sinn, eher ein inneres Echo. Das Bild sprach nicht mit Worten. Es sprach mit Atmosphäre.

Er sah eine Landschaft vor sich, über der tagelang dunkle Wolken gehangen hatten. Die Menschen dort hatten vergessen, wie Licht aussah. Sie liefen mit gesenktem Blick durch ihre Tage, als würden sie sich vor dem Himmel entschuldigen. Doch eines Abends erschien am Horizont dieser rote Körper, nicht Sonne, nicht Mond, sondern etwas dazwischen. Die Alten nannten ihn den „Zeugen“. Denn immer dann, wenn die Welt zu schwer wurde, erschien er über den Wolken, um die Menschen daran zu erinnern, dass selbst Dunkelheit Farbe in sich trägt.

Der Wanderer verstand langsam: „Bewölkt“ bedeutete nicht Hoffnungslosigkeit. Es bedeutete Übergang. Die Wolken in diesem Bild waren keine Mauern. Sie waren Bewegung. Das Blau war nicht kalt, sondern tief. Das Gold war kein Schmuck, sondern verborgenes Leben. Und der rote Kreis war kein Untergang, sondern Erinnerung  an Mut, an Glut, an das Feuer im Inneren des Menschen.

Als der Wanderer die Hütte wieder verließ, hatte sich draußen nichts verändert. Der Himmel war grau geblieben. Der Wind war kühl. Doch in ihm selbst war etwas anders geworden. Zum ersten Mal seit langer Zeit blickte er nach oben. Nicht, um besseres Wetter zu suchen, sondern weil er begriffen hatte, dass selbst ein bewölkter Himmel voller Zeichen sein kann.

Und manchmal, so erzählte man später im Dorf, konnte man in den Wolken einen roten Kreis erkennen, der über den Dächern schwebte, still, wachend und voller unausgesprochener Geschichten.

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