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Kalenderblatt
1. Oktober

Kalenderblatt 1. Oktober

Das Kalenderblatt zum 1. Oktober
„Die Legende der zweiten Sonne“

„The Legend of the Second Sun“
„La Leyenda del Segundo Sol“

Acryl, Goldkarton und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

Über einer zerklüfteten, glühenden Landschaft erscheint eine goldene Scheibe. Sie steht nicht am Horizont. Sie geht weder auf noch unter. Sie scheint keinem bekannten Himmel anzugehören.

Das Bild lebt aus einem starken Gegensatz. Im unteren Bereich drängen Rot, Rosa, Schwarz und Weiß gegeneinander. Die Farbe wirkt aufgewühlt, körperlich, beinahe eruptiv. Darüber öffnet sich ein tiefes Blau, doch auch dieser Raum ist nicht still. Helle Spuren, Kratzer und Überlagerungen durchziehen ihn wie Zeichen eines Geschehens, dessen Ursache verborgen bleibt.

Und mitten darin: Gold.

Die kreisrunde Form besitzt eine eigentümliche Geschlossenheit. Ihre regelmäßige, wellenartige Struktur unterscheidet sie radikal von der gestischen Unruhe ihrer Umgebung. Sie könnte Sonne sein, Siegel, Auge, kosmisches Zeichen oder etwas, für das unsere Sprache noch keinen Namen besitzt.

Der Titel „Die Legende der zweiten Sonne“ verstärkt dieses Geheimnis. Denn eine zweite Sonne setzt eine erste voraus. Doch von ihr ist nichts zu sehen.

Ist sie erloschen?
Ist sie untergegangen?
Oder war die Sonne, die wir bisher kannten, niemals die einzige?

Vielleicht erzählt das Bild deshalb weniger von einem fernen Kosmos als von einem inneren Vorgang. Manchmal muss eine vertraute Ordnung zerbrechen, bevor ein anderes Licht überhaupt wahrgenommen werden kann. Das Gold wäre dann nicht das Ziel einer Reise, sondern das erste Zeichen dafür, dass Wirklichkeit größer sein könnte als das, was wir bisher für wirklich gehalten haben.

Dabei verspricht die zweite Sonne nichts. Sie erklärt nichts. Sie rettet niemanden. Sie erscheint.

Gerade darin liegt ihre Kraft.

Unter ihr bleibt die Welt widersprüchlich, verwundet und voller Bewegung. Das Leuchten hebt diese Gegensätze nicht auf. Es existiert mitten unter ihnen. Vielleicht liegt darin auch eine spirituelle Dimension des Werkes: Licht entsteht nicht erst dort, wo Dunkelheit überwunden wurde. Es kann bereits gegenwärtig sein, während unter ihm noch alles im Werden ist.

So bleibt am Ende keine eindeutige Botschaft, sondern eine Ahnung:

Vielleicht gibt es eine zweite Sonne.
Nicht irgendwo hinter den Sternen,
sondern hinter der Wirklichkeit,
die wir für die einzige halten.

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1. Oktober

Die Kälte der nebeligen Stadt am Morgen

Kalenderblatt zum 1. Oktober
„Die Kälte der nebeligen Stadt am Morgen“

„The coldness of the foggy city in the morning“
„La frialdad de la ciudad nebulosa de la mañana“

Acryl, Acrylpaste auf Aquarellbütten ca. 15 x 21 cm

Die Stadt ist noch nicht erwacht. Sie liegt in einem Zustand zwischen Nacht und Morgen, zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden. Blau, Grau und gebrochenes Weiß schieben sich übereinander wie feuchte Schleier, durch die sich Mauern, Fenster, Straßen oder entfernte Fassaden nur erahnen lassen.

Nichts ist eindeutig. Und gerade daraus entsteht die eigentümliche Atmosphäre des Bildes.

Die Farbe scheint nicht nur auf der Oberfläche zu liegen. Durch die Acrylpaste, die Überlagerungen, Kratzspuren und Verwischungen bekommt sie etwas Körperliches. Das Blau wird beinahe zu einer spürbaren Kälte. Man meint den feuchten Stein zu kennen, die beschlagenen Scheiben, den Nebel zwischen den Häusern und jene Stille eines frühen Morgens, in der eine Stadt zwar schon vorhanden, aber noch nicht ganz bei sich ist.

Doch von rechts dringt Gelb in diese kühle Welt.

Es ist kein sanftes Morgenlicht. Das Gelb behauptet sich. Es breitet sich aus, stößt gegen das Blau, verschwindet stellenweise unter dunkleren Schichten und taucht an anderer Stelle umso heftiger wieder auf. Fast scheint es, als würde das Licht nicht über der Stadt aufgehen, sondern sich durch ihre Materie hindurcharbeiten.

Damit verändert sich das Bild.

Aus einer nebeligen Stadtansicht wird eine Darstellung des Übergangs. Kälte und Wärme, Erstarrung und Bewegung, Dunkelheit und Licht stehen sich gegenüber, ohne dass eine Seite die andere vollständig verdrängt. Der Morgen ist bereits angebrochen, aber noch nicht entschieden.

Vielleicht liegt darin auch die innere Dimension des Bildes. Es gibt Zeiten, in denen wir selbst nicht klar sehen. Gewohntes verliert seine Konturen, während das Kommende noch keine erkennbare Gestalt besitzt. Wir befinden uns in einem Zwischenraum.

Und dennoch kann gerade dort etwas beginnen.

Das Gelb wird so nicht einfach zum Symbol einer optimistischen Hoffnung. Es ist vielmehr eine erste Gegenwart des Lichts innerhalb der Ungewissheit. Es verspricht nicht, dass der Nebel sofort verschwinden wird. Es zeigt lediglich: Die Dunkelheit ist nicht mehr allein.

Vielleicht beginnt Veränderung genau so:
nicht mit vollkommener Klarheit,
sondern mit einem ersten Leuchten im Nebel.


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