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Kalenderblatt
2. Oktober

Kalenderblatt 2. Oktober

Das Kalenderblatt zum 2. Oktober
„Das verborgene Lied der unsichtbaren Vögel“
„The Hidden Melody of the Invisible Birds“
„El canto secreto de los pájaros invisibles“

Aquarell auf Aquarellpapier ca 21 x 15 cm

Etwas bewegt sich durch dieses Bild, ohne sich festhalten zu lassen. Dunkle Pinselzüge steigen auf, kreisen, überschneiden sich und verschwinden wieder. Für Augenblicke scheinen daraus Flügel, Schnäbel oder ganze Vogelgestalten hervorzugehen. Doch sobald das Auge glaubt, eine Form erkannt zu haben, löst sie sich wieder auf.

Die Vögel sind nicht dargestellt. Sie entstehen im Sehen.

Gerade darin liegt die eigentümliche Spannung des Aquarells. Die dunklen Linien durchziehen das helle Papier wie Spuren einer Bewegung, deren Ursprung außerhalb des Sichtbaren zu liegen scheint. Sie wirken spontan und frei, beinahe kalligrafisch. Zwischen ihnen bleibt viel unberührte Fläche.

Doch diese Leere ist nicht leer.

Sie wird zum Resonanzraum des Bildes. Was nicht gemalt wurde, erhält ebenso viel Bedeutung wie das Sichtbare. Die weißen Flächen lassen Luft zwischen den Formen, geben ihnen Bewegung und öffnen einen Raum für das, was lediglich geahnt werden kann.

Inmitten der kühlen Grau- und Blautöne erscheint plötzlich ein kleines Gelb. Kein großes Licht, keine strahlende Sonne. Eher ein kurzes Aufleuchten, als hätte sich für einen Augenblick etwas gezeigt und wäre im nächsten Moment schon wieder verschwunden. Eine Spur von Wärme innerhalb einer Welt aus Bewegung und Schweigen.

Der Titel „Das verborgene Lied der unsichtbaren Vögel“ verändert den Blick auf das Bild. Plötzlich sucht man nicht mehr nach dargestellten Vögeln. Man beginnt vielmehr, ihre Anwesenheit in den Linien, Zwischenräumen und Bewegungen zu vermuten.

Vielleicht liegt darin auch die tiefere Ebene des Werkes.

Nicht alles, was gegenwärtig ist, muss sichtbar sein. Nicht alles, was uns bewegt, lässt sich benennen. Manche Erfahrungen erreichen uns nur als Ahnung, als flüchtiger Gedanke, als Erinnerung oder als kaum wahrnehmbare innere Bewegung.

Das Bild erzählt deshalb weniger eine Geschichte, als dass es einen Zustand öffnet: jenen Zwischenraum, in dem Wahrnehmung und Vorstellung ineinander übergehen.

Wer länger hinsieht, entdeckt immer neue mögliche Gestalten. Und ebenso schnell verschwinden sie wieder. Das Aquarell verweigert die eindeutige Antwort und bewahrt damit sein Geheimnis.

Vielleicht sind die unsichtbaren Vögel deshalb gar nicht irgendwo hinter dem Bild verborgen.

Vielleicht entstehen sie erst in dem Augenblick, in dem wir bereit sind, ihnen zuzuhören.

Die Vögel bleiben unsichtbar.
Doch ihr Lied hat längst begonnen.

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Kalenderblatt
1. Oktober

Herr Surbier konnte an dem Festessen nicht teilnehmen. Er hatte seine Krawatte vergessen

Kalenderblatt vom 01. Oktober
„Herr Surbier konnte an dem Festessen nicht teilnehmen. Er hatte seine Krawatte vergessen“
„Mr. Surbier couldn’t take part at the banquet. He had forgotten his necktie“
„Seño Surbier no pudo participar en el banquete. Había olvidado a sua corbata.“

Aquarell, Goldpaste auf Aquarellpapier ca. 21 x 15 cm

Herr Surbier schaut uns an.

Oder vielleicht schaut er durch uns hindurch. Zwei übergroße Augen schweben in einem hellen, beinahe sonnigen Farbraum. Darunter verdichten sich Grau, Schwarz, Rot und Blau zu einer Gestalt, die irgendwo zwischen Mensch, Maske und Erscheinung angesiedelt ist. Der Mund steht offen, die Zähne blitzen hervor. Ein Gesicht scheint entstehen zu wollen und löst sich im selben Augenblick wieder in Farbe auf.

Und ausgerechnet dieser Herr Surbier soll an einem Festessen teilnehmen.

Er kann aber nicht.

Er hat seine Krawatte vergessen.

Der Titel setzt der wilden Freiheit des Aquarells eine geradezu lächerlich kleine gesellschaftliche Ordnung entgegen. Während die Farbe fließt, spritzt, ausbricht und sich jeder sauberen Begrenzung verweigert, genügt in der Welt außerhalb des Bildes ein fehlendes Stück Stoff, um einen Menschen von einem festlich gedeckten Tisch fernzuhalten.

Darin liegt die Komik des Bildes. Aber auch seine leise Grausamkeit.

Denn hinter der absurden Geschichte verbirgt sich eine sehr vertraute Erfahrung: Man gehört nicht dazu, weil man einer Erwartung nicht entspricht. Nicht das Wesen eines Menschen entscheidet über seine Zugehörigkeit, sondern ein Zeichen, eine Form, eine Konvention.

Herr Surbier wird damit zu einer grotesken Figur des Außenseiters.

Doch das Bild macht ihn keineswegs klein. Im Gegenteil. Seine Erscheinung sprengt geradezu den Rahmen jener Welt, die ihn nicht hineinlassen möchte. Die Augen sind zu groß, die Farben zu ungebändigt, der Mund zu offen, die ganze Gestalt zu lebendig für die gepflegte Ordnung eines Festessens.

Und dann sitzt mitten in einem Auge dieses kleine Stück Gold.

Es ist nur ein winziger Akzent, aber plötzlich bekommt das Bild einen anderen Schwerpunkt. Ausgerechnet derjenige, dem das äußere Zeichen gesellschaftlicher Zugehörigkeit fehlt, trägt etwas Kostbares in sich.

Vielleicht liegt genau dort das Geheimnis von Herrn Surbier.

Er besitzt keine Krawatte.

Aber er besitzt etwas, das sich nicht anziehen, vorzeigen oder durch einen Dresscode bestätigen lässt.

So kippt die Geschichte schließlich um. Nicht mehr Herr Surbier erscheint sonderbar, sondern eine Gesellschaft, die einen Menschen wegen einer vergessenen Krawatte vom Tisch fernhält.

Und vielleicht ist sein erschrockener Gesichtsausdruck deshalb gar keiner.

Vielleicht lacht er.

Vielleicht hat Herr Surbier längst begriffen, dass nicht jeder Tisch, an den man nicht gebeten wird, ein Verlust ist.

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