Schlagwortarchiv: Elba

Kalenderblatt
2. September

Ferragosto Elba

Das Kalenderblatt zum 2. September

“Ferragosto Elba”

Graphit auf Zeichenpapier ca 15 x 21 cm
          

Es ist Ferragosto auf Elba.

Ein Tag, der eigentlich nach Hitze, Stimmen, Strandbetrieb und sommerlicher Geschäftigkeit klingt. Doch davon ist in dieser Zeichnung kaum etwas zu sehen.

Der Blick geht von La Conca bei Sant’Andrea hinaus über das Meer. Kleine Boote liegen auf dem Wasser. Einige erscheinen nur als wenige Striche: ein Rumpf, ein Mast, eine Andeutung von Segel oder Takelage. Menschen sind nicht zu erkennen.

Das Meer gehört für einen Augenblick niemandem.

Die Zeichnung lebt von ihren horizontalen Bewegungen. Mit weichen Graphitspuren legt sich eine Schicht über die andere. Wasserflächen entstehen, lösen sich wieder auf und gehen ineinander über. Das Meer wird nicht exakt beschrieben. Es bleibt beweglich, beinahe flüchtig.

Dagegen setzen die Boote kleine vertikale Zeichen.

Ihre Masten unterbrechen die weite Horizontalität und geben dem Auge einzelne Haltepunkte. Keines der Boote beherrscht die Szene. Sie sind verteilt, voneinander getrennt und doch durch dieselbe Wasserfläche miteinander verbunden.

Am Horizont verändert sich die Zeichnung.

Dort verdichten sich die Graphitspuren zu großen, körperhaften Wolkenformationen. Sie liegen ungewöhnlich tief über dem Meer und bilden eine fast geschlossene Folge dunkler Volumen.

Das Leichte des Wassers trifft auf die Schwere des Himmels.

Dabei bleibt unklar, was diese Wolken ankündigen.

Ein Wetterwechsel?

Ein Gewitter über dem Meer?

Oder nur jene mächtigen sommerlichen Wolken, die entstehen, sich verwandeln und irgendwann wieder verschwinden?

Gerade diese Unsicherheit verhindert, dass die Zeichnung zu einer bloßen Urlaubserinnerung wird.

Denn „Ferragosto Elba“ erzählt erstaunlich wenig.

Kein Mensch steht im Vordergrund. Kein Segelboot fährt dramatisch hinaus. Keine Welle bricht. Nichts Spektakuläres geschieht.

Und vielleicht liegt genau darin ihre Stärke.

Der Titel bringt nämlich etwas in das Bild, das die Zeichnung selbst beinahe vollständig verschweigt: den Hochsommer.

Ferragosto, der 15. August, gehört in Italien zu den Höhepunkten des Sommers. Ferien, Ausflüge und volle Küstenorte prägen diese Zeit. Ausgerechnet dazu zeigt die Zeichnung einen beinahe menschenleeren Ausschnitt der Insel.

So entsteht ein leiser Widerspruch:

Der Sommer ist auf seinem Höhepunkt, aber das Bild wird still.

Vielleicht ist es jener kurze Moment, in dem man sich aus dem Geschehen herausnimmt und nur schaut.

Auf das Wasser.

Auf die Boote.

Auf die Wolken am Horizont.

Graphit eignet sich dafür besonders gut. Ohne die Verführung durch das intensive Blau des Mittelmeers, ohne das Grün der Vegetation und ohne das grelle Licht eines Augusttages bleibt nur eine Skala zwischen Weiß und Grau.

Elba wird nicht durch seine Farben erzählt, sondern durch Licht, Bewegung und Entfernung.

Und plötzlich bekommen die wenigen Boote eine merkwürdige Präsenz.

Man könnte anfangen, ihnen Geschichten zuzuschreiben. Man könnte sie zu Symbolen für Freiheit, Aufbruch oder Lebenswege erklären.

Aber vielleicht muss man das gar nicht.

Vielleicht sind es einfach Boote, die an einem Augusttag vor Elba auf dem Meer liegen.

Und vielleicht genügt das.

Denn manche Augenblicke gewinnen ihre Bedeutung nicht dadurch, dass etwas Außergewöhnliches geschieht.

Sie werden bedeutsam, weil wir lange genug hinschauen.

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Kalenderblatt
26. August

Erinnerungen an Elba

Das Kalenderblatt zum 26. August
“Erinnerungen an Elba”
“Memories of Elba”
“Recuerdos de la isla de Elba”

Aquarell, Glitter und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm
         

Was bleibt von einem Ort, wenn wir ihn längst verlassen haben?

„Erinnerungen an Elba“ zeigt die Insel nicht als Landschaft und versucht auch nicht, einen bestimmten Augenblick festzuhalten. Das Bild folgt vielmehr jener eigentümlichen Ordnung, nach der Erinnerung funktioniert: Einzelne Formen bleiben deutlich, andere lösen sich auf, Farben werden intensiver, Eindrücke verschieben sich und scheinbar Unverbundenes tritt plötzlich nebeneinander.

So entsteht keine Ansicht von Elba, sondern eine innere Topografie des Erinnerten.

Links oben breiten sich orange-rote, sonnenartige Formen über das Bild aus. Ihre geschwungenen Ausläufer erinnern an Strahlen, Pflanzen, Tentakel oder flirrende Hitze. In ihrem Inneren liegen kleine goldene Verdichtungen. Daneben erscheint ein dunkles Quadrat mit grünlich-goldenem Zentrum. Schon hier treffen zwei unterschiedliche Welten aufeinander: das Organische und das Geometrische, Bewegung und Begrenzung.

Eine kräftige rote Diagonale steigt aus dem unteren Bildbereich empor. Sie teilt die Fläche, führt den Blick und erzeugt zugleich eine Grenze, deren Bedeutung offenbleibt. Küstenlinie, Weg, Horizont oder lediglich eine Spur? Das Bild gibt keine eindeutige Antwort.

Im Zentrum erhebt sich die rätselhafteste Form der Komposition. Rot und Orange leuchten aus dunklen, beinahe schwarzen Partien hervor. Sie könnte eine Flamme, eine Blüte, ein Blatt, eine Frucht oder ein Boot sein. Doch kaum scheint sie erkannt, entzieht sie sich wieder.

Gerade darin liegt ihre Kraft.

Sie ist weniger Gegenstand als verdichtete Erinnerung. Vielleicht sind in ihr verschiedene Eindrücke ineinandergeraten: Hitze und Vegetation, Meer und Feuer, Bewegung und Ruhe. Was ursprünglich voneinander getrennt war, hat sich im Erinnern zu einer neuen Form verbunden.

Am rechten Bildrand erscheint dagegen eine fast strenge Folge farbiger Quadrate. Blau, Rot und dunkles Violett werden übereinandergesetzt und tragen in ihrer Mitte wiederum kleine goldene Zeichen. Sie wirken wie Fenster, Häuser, Türen oder einzelne gespeicherte Bilder, ohne sich endgültig auf eine Bedeutung festlegen zu lassen.

Auch im unteren Bildbereich kehren diese kleinen goldenen Einschlüsse wieder. In Gruppen liegen sie auf blau umrandeten Formen, fast wie Fundstücke, Inseln oder verstreute Erinnerungspunkte.

Der Glitter erhält dadurch eine besondere Funktion. Er ist nicht bloß dekorativer Glanz. Je nachdem, wie das Licht auf die Oberfläche fällt, treten einzelne Stellen hervor und verschwinden wieder.

So verhält sich auch Erinnerung.

Nicht alles Vergangene ist jederzeit gleich gegenwärtig. Ein Geruch, eine Farbe, ein Lichtreflex oder eine zufällige Form genügt, und plötzlich leuchtet etwas auf, das lange verborgen war.

Aquarell, Acrylpaste und Glitter unterstützen dieses Wechselspiel. Während das Aquarell fließt und Übergänge entstehen lässt, gibt die Acrylpaste einzelnen Formen Körper und Widerstand. Das Flüchtige trifft auf das Materielle, das Vergangene bekommt für einen Augenblick wieder eine Oberfläche.

„Erinnerungen an Elba“ erzählt deshalb weniger davon, wie Elba aussieht, als davon, was von Elba geblieben ist.

Sonne, Wasser, Pflanzen, Häuser, Wege und Farben haben ihre ursprüngliche Ordnung verloren. Sie sind zu Fragmenten geworden, die sich im Bild zu einer neuen Wirklichkeit zusammensetzen.

Denn vielleicht bewahren wir einen Ort niemals so, wie er tatsächlich gewesen ist.

Wir tragen ihn so in uns weiter, wie die Erinnerung ihn neu erschaffen hat.

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