Kalenderblatt
21. Juli

Ein kleiner Impuls startet den alchimischen Prozess

Kalenderblatt vom 21. Juli
„Ein kleiner Impuls startet den alchimischen Prozess“
„A little impulse starts the alchimical  process“
„Un impulso pequeño arranca el proceso alquimíco“

Acryl, Acrylpaste, Gesso, Glitter, Quarzsand auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm

Der Titel dieses Bildes weist bereits auf eine Wahrheit hin, die der Alchemie seit Jahrhunderten bekannt ist: Jede tiefgreifende Verwandlung beginnt nicht mit einem gewaltigen Ereignis, sondern mit einem kaum wahrnehmbaren Impuls. Der Mensch glaubt häufig, er müsse sein Leben mit großer Kraft verändern. Doch das Unbewusste arbeitet anders. Es genügt ein Traum, eine Begegnung, ein Satz oder ein flüchtiger Gedanke, um einen Prozess einzuleiten, dessen Ende niemand vorhersehen kann.

Das kräftige Gelb erscheint hier wie ein Pfeil des Bewusstseins. Es dringt aus einer hellen, noch unbestimmten Zone in eine Landschaft aus Rot, Schwarz und Blau ein. Diese Farben sind keine bloßen Pigmente. Sie verkörpern seelische Zustände. Das Rot spricht von der Lebenskraft, von Leidenschaft, Schmerz und Opfer. Das Schwarz ist die Materia Prima der Alchemisten, jene dunkle Ausgangssubstanz, in der das Alte zerfällt. Das Blau bildet die Brücke zwischen beiden Welten. Es ist der geistige Strom, der Gegensätze miteinander verbindet und den Wandlungsprozess trägt.

Der gelbe Impuls scheint klein. Gerade darin liegt seine eigentliche Macht. Das Bewusstsein überschätzt gewöhnlich seine Größe und unterschätzt seine Wirkung. Ein einziger wahrhaftiger Gedanke besitzt die Fähigkeit, das gesamte innere Gefüge eines Menschen neu zu ordnen. Die Psyche gleicht einem lebendigen Organismus. Berührt man den entscheidenden Punkt, beginnt sich das Ganze zu bewegen.

Die reliefartige Oberfläche aus Acrylpaste, Gesso und Quarzsand verleiht dem Werk eine körperliche Schwere. Dadurch erinnert das Bild daran, dass seelische Entwicklung niemals nur im Denken stattfindet. Sie greift in den Körper ein, in Erinnerungen, Gewohnheiten und in die tiefen Schichten der Persönlichkeit. Jeder Widerstand, jede Erhebung und jede Vertiefung erzählt von den Sedimenten gelebten Lebens. Transformation ist niemals glatt. Sie hinterlässt Spuren.

Die dunklen und roten Massen wirken zunächst chaotisch. Doch das Chaos ist in Wahrheit kein Feind der Entwicklung, sondern ihre notwendige Voraussetzung. Die Alchemisten nannten diesen Zustand Nigredo, die Schwärzung. Erst wenn das Alte seine Form verliert, kann etwas Neues entstehen. Viele Menschen erschrecken vor dieser Phase und halten sie für Scheitern. Tatsächlich betreten sie gerade den Beginn ihrer eigentlichen Wandlung.

Das Bild zeigt deshalb keinen abgeschlossenen Prozess, sondern einen Augenblick höchster Spannung. Der Impuls ist gesetzt. Niemand weiß, welche Gestalt daraus hervorgehen wird. Genau darin liegt das Geheimnis jeder Individuation. Das Selbst folgt keinem Plan des Ichs. Es entfaltet sich nach einer tieferen Ordnung, die erst im Rückblick sichtbar wird.

Dieses Werk erinnert uns daran, dass der Stein der Weisen niemals außerhalb des Menschen gefunden wird. Er entsteht dort, wo der Mut wächst, den kleinsten inneren Impuls ernst zu nehmen. Wer ihm folgt, betritt den alchemischen Weg der Seele. Nicht, um jemand anderes zu werden, sondern um endlich der Mensch zu sein, der im Verborgenen immer schon auf seine Geburt gewartet hat.

Teile diesen Beitrag

Kalenderblatt
21. Juli

Kalenderblatt 21. Juli

Das Kalenderblatt zum 21. Juli
„Als der Himmel eine Wurzel schlug“
„When the Sky Took Root“
„Cuando el cielo echó raíces“

Aquarell und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

Als ich dieses Bild zum ersten Mal betrachtete, hatte ich nicht den Eindruck, vor einer Landschaft oder einer abstrakten Komposition zu stehen. Ich hatte das Gefühl, einen Augenblick zu sehen, in dem zwei Welten einander berühren. Nicht laut, nicht dramatisch. Fast unbemerkt. Gerade deshalb ist dieser Moment so kostbar.

Links erhebt sich eine hohe blaue Form, ruhig und in sich geschlossen. Sie erinnert an ein Gefäß, einen Turm oder einen schützenden Kokon. Ihr Inneres wirkt durchsichtig und zugleich unergründlich. Sie ist kein Objekt, sondern ein Zustand. Sie bewahrt etwas, das noch nicht ausgesprochen werden kann. Sie wartet, ohne ungeduldig zu sein. In einer Zeit, in der alles sofort sichtbar, erklärbar und verwertbar sein soll, besitzt diese stille Präsenz eine beinahe revolutionäre Kraft.

Aus dem oberen Bildrand wächst eine violett-goldene Spur herab. Ist sie ein Blitz? Eine Wurzel? Ein Strom lebendiger Energie? Vielleicht von allem etwas. Sie scheint nicht zu fallen, sondern sich tastend ihren Weg zu suchen. Der Himmel schlägt Wurzeln. Das Unsichtbare beginnt, sich mit der sichtbaren Welt zu verbinden. Violett trägt die Farbe der Verwandlung in sich, Gold die Erinnerung an das Unvergängliche. Wo beide zusammentreffen, entsteht keine Explosion, sondern eine stille Einweihung.

Die rechte Bildhälfte erzählt eine andere Geschichte. Rechtecke, Linien und Farbfelder wirken wie Fragmente einer Architektur. Es ist die Welt der Ordnung, der Formen und der vom Menschen errichteten Wirklichkeit. Doch diese Ordnung bleibt offen. Fenster erscheinen, ohne Ausblick zu gewähren. Räume entstehen, ohne sich vollständig zu schließen. Nichts ist endgültig. Alles wartet auf den einen Funken, der Leben hineinträgt.

Gerade zwischen diesen beiden Polen entfaltet das Bild seine eigentliche Kraft. Links das bewahrende Innere, rechts die gebaute Außenwelt, dazwischen der unsichtbare Strom, der beide miteinander verbindet. Diese Verbindung lässt sich weder messen noch beweisen. Sie kann nur erfahren werden. Vielleicht geschieht sie jedes Mal, wenn ein Mensch innehält und für einen kurzen Augenblick bereit ist, mehr zu sehen als bloße Formen.

„Als der Himmel eine Wurzel schlug“ erzählt deshalb nicht von einem Ort, sondern von einem Geschehen. Es erinnert daran, dass das Wesentliche nicht von unten nach oben wächst, sondern manchmal den umgekehrten Weg nimmt. Nicht der Mensch erreicht den Himmel. Der Himmel findet den Mut, sich in der menschlichen Welt zu verwurzeln. Und genau dort, wo diese unscheinbare Berührung geschieht, beginnt Transformation. Nicht mit Lärm, sondern mit einem leisen Wachsen, das irgendwann das ganze Leben verändert. (Avala)

Teile diesen Beitrag