Kalenderblatt
26. August

Kalenderblatt 26. August

Das Kalenderblatt zum 26. August
„Sophias Schleier“
„Sophia’s Veil“
„El velo de Sophia“

Aquarell und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

Drei Formen begegnen sich in einem Raum, der Landschaft sein könnte und sich doch jeder eindeutigen Verortung entzieht.

Links schwebt eine rot-orange Kugel über einem hellen Horizont. Sonne, Gestirn, Ursprung oder Zeichen? Unterhalb erscheint eine zweite Sphäre, grau-blau und beinahe transparent. Sie wirkt schwerer und körperlicher, zugleich aber eigentümlich entrückt.

Zwischen beiden und über ihnen erhebt sich die bestimmende Form des Bildes: eine große, goldene Fläche, perspektivisch gekippt und wie ein Schleier in den Raum gestellt.

Sie verdeckt und lässt zugleich hindurchsehen.

Genau in diesem Widerspruch liegt das Zentrum von „Sophias Schleier“.

Der Titel führt zu Sophia, der Gestalt der Weisheit. Doch Weisheit erscheint hier nicht als fertige Antwort. Sie besitzt keine eindeutige Form und gibt kein Geheimnis einfach preis.

Vielleicht verhält es sich sogar umgekehrt:

Erkenntnis entsteht nicht erst dann, wenn der Schleier fällt. Sie beginnt bereits im Versuch, durch ihn hindurchzusehen.

Die goldene Fläche wird damit zur Schwelle zwischen Sichtbarem und Verborgenem. Hinter ihr bleiben Farben und Formen erkennbar, doch sie verändern sich. Das Gold filtert den Blick. Was dahinterliegt, ist vorhanden und zugleich unserer unmittelbaren Wahrnehmung entzogen.

So wird der Schleier nicht bloß zur Grenze.

Er trennt und verbindet.
Er verbirgt und offenbart.
Er versperrt den Blick und macht ihn gleichzeitig bewusst.

Auch die beiden Kugeln geraten dadurch in eine Beziehung. Die leuchtende rot-orange Sphäre besitzt etwas Energetisches, beinahe Sonnenhaftes. Die kühlere, transparente Kugel darunter scheint dieses Licht aufzunehmen, ohne selbst zu leuchten.

Dazwischen liegt der Schleier.

Vielleicht begegnen sich hier Licht und Materie, Ursprung und Erscheinung, Wissen und Ahnung. Doch das Bild verweigert eine eindeutige Zuordnung. Seine Zeichen bleiben offen.

Aquarell und Acrylpaste verstärken dieses Spiel. Während die Aquarellfarben fließen und atmosphärische Übergänge schaffen, gibt die Paste einzelnen Bereichen eine tastbare Struktur. Besonders die goldene Fläche besitzt dadurch eine eigentümliche Präsenz: Sie ist zugleich Bildfläche, Körper und Durchgang.

Die starke Diagonale zieht sie in die Tiefe. Dadurch entsteht kein geschlossener Raum, sondern eine Bewegung: Der Blick wird an der Fläche entlanggeführt, sucht nach einem Dahinter und kehrt wieder zur Oberfläche zurück.

Vielleicht ist genau das Sophias eigentliche Spiel.

Wir möchten den Schleier lüften, weil wir glauben, die Wahrheit müsse sich dahinter befinden.

Doch vielleicht befindet sie sich nicht hinter dem Schleier.

Vielleicht liegt sie in jenem kurzen Augenblick, in dem wir erkennen, dass Sehen und Verstehen niemals dasselbe sind.

„Sophias Schleier“ ist ein Bild über die Schwelle zur Erkenntnis und über das Geheimnis, das bestehen bleibt, selbst wenn wir glauben, hindurchsehen zu können.

Teile diesen Beitrag

Kalenderblatt
26. August

Erinnerungen an Elba

Das Kalenderblatt zum 26. August
“Erinnerungen an Elba”
“Memories of Elba”
“Recuerdos de la isla de Elba”

Aquarell, Glitter und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm
         

Was bleibt von einem Ort, wenn wir ihn längst verlassen haben?

„Erinnerungen an Elba“ zeigt die Insel nicht als Landschaft und versucht auch nicht, einen bestimmten Augenblick festzuhalten. Das Bild folgt vielmehr jener eigentümlichen Ordnung, nach der Erinnerung funktioniert: Einzelne Formen bleiben deutlich, andere lösen sich auf, Farben werden intensiver, Eindrücke verschieben sich und scheinbar Unverbundenes tritt plötzlich nebeneinander.

So entsteht keine Ansicht von Elba, sondern eine innere Topografie des Erinnerten.

Links oben breiten sich orange-rote, sonnenartige Formen über das Bild aus. Ihre geschwungenen Ausläufer erinnern an Strahlen, Pflanzen, Tentakel oder flirrende Hitze. In ihrem Inneren liegen kleine goldene Verdichtungen. Daneben erscheint ein dunkles Quadrat mit grünlich-goldenem Zentrum. Schon hier treffen zwei unterschiedliche Welten aufeinander: das Organische und das Geometrische, Bewegung und Begrenzung.

Eine kräftige rote Diagonale steigt aus dem unteren Bildbereich empor. Sie teilt die Fläche, führt den Blick und erzeugt zugleich eine Grenze, deren Bedeutung offenbleibt. Küstenlinie, Weg, Horizont oder lediglich eine Spur? Das Bild gibt keine eindeutige Antwort.

Im Zentrum erhebt sich die rätselhafteste Form der Komposition. Rot und Orange leuchten aus dunklen, beinahe schwarzen Partien hervor. Sie könnte eine Flamme, eine Blüte, ein Blatt, eine Frucht oder ein Boot sein. Doch kaum scheint sie erkannt, entzieht sie sich wieder.

Gerade darin liegt ihre Kraft.

Sie ist weniger Gegenstand als verdichtete Erinnerung. Vielleicht sind in ihr verschiedene Eindrücke ineinandergeraten: Hitze und Vegetation, Meer und Feuer, Bewegung und Ruhe. Was ursprünglich voneinander getrennt war, hat sich im Erinnern zu einer neuen Form verbunden.

Am rechten Bildrand erscheint dagegen eine fast strenge Folge farbiger Quadrate. Blau, Rot und dunkles Violett werden übereinandergesetzt und tragen in ihrer Mitte wiederum kleine goldene Zeichen. Sie wirken wie Fenster, Häuser, Türen oder einzelne gespeicherte Bilder, ohne sich endgültig auf eine Bedeutung festlegen zu lassen.

Auch im unteren Bildbereich kehren diese kleinen goldenen Einschlüsse wieder. In Gruppen liegen sie auf blau umrandeten Formen, fast wie Fundstücke, Inseln oder verstreute Erinnerungspunkte.

Der Glitter erhält dadurch eine besondere Funktion. Er ist nicht bloß dekorativer Glanz. Je nachdem, wie das Licht auf die Oberfläche fällt, treten einzelne Stellen hervor und verschwinden wieder.

So verhält sich auch Erinnerung.

Nicht alles Vergangene ist jederzeit gleich gegenwärtig. Ein Geruch, eine Farbe, ein Lichtreflex oder eine zufällige Form genügt, und plötzlich leuchtet etwas auf, das lange verborgen war.

Aquarell, Acrylpaste und Glitter unterstützen dieses Wechselspiel. Während das Aquarell fließt und Übergänge entstehen lässt, gibt die Acrylpaste einzelnen Formen Körper und Widerstand. Das Flüchtige trifft auf das Materielle, das Vergangene bekommt für einen Augenblick wieder eine Oberfläche.

„Erinnerungen an Elba“ erzählt deshalb weniger davon, wie Elba aussieht, als davon, was von Elba geblieben ist.

Sonne, Wasser, Pflanzen, Häuser, Wege und Farben haben ihre ursprüngliche Ordnung verloren. Sie sind zu Fragmenten geworden, die sich im Bild zu einer neuen Wirklichkeit zusammensetzen.

Denn vielleicht bewahren wir einen Ort niemals so, wie er tatsächlich gewesen ist.

Wir tragen ihn so in uns weiter, wie die Erinnerung ihn neu erschaffen hat.

Teile diesen Beitrag