Kalenderbild
29. August

Kalenderbild vom 29. August
„Die kühle Morgenluft am See erfüllte Herrn Surbier mit neuer Lebenskraft“
„The cool morning breeze lake-side filled Mr. Surbier with new life force“
„El fresco air matinal al lago llenaba a Señor  Surbier de fuerza vital“

Acryl, Acrylpaste auf Aquarelbütten ca. 15 x 21 cm

Der Morgen hat die Landschaft noch nicht vollständig freigegeben.

Blaugrün, Grau, gebrochenes Weiß und Gelb liegen in breiten horizontalen Schichten übereinander. Die Farben scheinen weniger eine Landschaft abzubilden, als sie langsam aus dem Nebel entstehen zu lassen. Himmel, Wasser und Ufer sind zu erahnen, doch ihre Grenzen bleiben unsicher.

Fast könnte man meinen, die Welt müsse erst noch entscheiden, was sie an diesem Morgen werden möchte.

Durch diese weiche, verwischte Atmosphäre zieht sich eine schmale orange-gelbe Linie. Sie ist ungewöhnlich klar und beinahe vollkommen horizontal. Für einen kurzen Moment bekommt der Bildraum dadurch einen festen Bezugspunkt.

Ein Horizont? Ein Lichtstreifen auf dem Wasser? Das gegenüberliegende Ufer?

Oder lediglich eine Linie, die sich weigert, Teil des Nebels zu werden?

Die Acrylpaste gibt der scheinbaren Ruhe eine zweite Ebene. Überall finden sich Unebenheiten, Riefen, Überlagerungen und kleine Verletzungen der Oberfläche. Die Landschaft ist nicht glatt. Sie trägt Spuren. Gerade dadurch entsteht der Eindruck von etwas bereits Erlebtem, vielleicht sogar Erinnertem.

Und dann ist da Herr Surbier.

Der Titel erzählt erstaunlich genau, was ihm widerfährt:

„Die kühle Morgenluft am See erfüllte Herrn Surbier mit neuer Lebenskraft.“

Doch das Bild zeigt ihn nicht.

Wir wissen nicht, wie Herr Surbier aussieht. Wir erfahren nicht, warum er an diesem Morgen am See steht. Vielleicht ist er spazieren gegangen. Vielleicht konnte er nicht schlafen. Vielleicht ist er zufällig dort gelandet. Und selbstverständlich verschweigt uns das Bild auch, weshalb Herr Surbier offenbar dringend neuer Lebenskraft bedurfte.

Gerade diese kleine Leerstelle gibt dem langen, beinahe literarischen Titel seinen Reiz.

Die Malerei bleibt still und weitgehend abstrakt, während der Titel plötzlich eine Figur und einen konkreten Augenblick in sie hineinsetzt. Unwillkürlich beginnen wir, nach Herrn Surbier zu suchen.

Vielleicht steht er am unteren Bildrand und schaut über das Wasser.

Vielleicht ist er längst weitergegangen.

Vielleicht hat er überhaupt nie existiert.

Zurück bleibt nur jene merkwürdige Gewissheit, dass an diesem Morgen etwas geschehen sein muss. Kein großes Ereignis. Keine dramatische Offenbarung.

Nur kühle Luft, ein See, ein schmaler Streifen Licht und ein Mensch, der für einen Augenblick spürt, dass etwas in ihm zurückkehrt.

Das Bild erzählt diesen Augenblick nicht aus.

Es lässt ihn in der Schwebe.

Und vielleicht liegt genau darin seine stille Kraft: Herr Surbier bekommt seine Lebenskraft zurück.

Wir bekommen nur den Morgen zu sehen.

 

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Kalenderbild
28. August

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Das Kalenderbild zum 28. August
“Durch’s Feuer …”
“Through the fire …”
“Pasando por el  fuego …”

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm
     

Das Bild scheint in Flammen zu stehen. Orange, Rot und Gelb überziehen fast die gesamte Fläche, stoßen gegeneinander, überlagern sich und reißen immer wieder auf. Dazwischen bleiben weiße Partien stehen, als hätte die Farbe sie nicht vollständig erfassen können.

Doch „Durch’s Feuer …“ erzählt nicht einfach von Feuer.

Der Titel enthält eine Bewegung: hindurch.

Im rechten Zentrum zieht sich eine dunkle, geschwungene Linie durch die glühende Farbfläche. Sie windet sich, bildet Schleifen, verdichtet sich und setzt ihren Weg fort. Für einen Moment könnte darin eine Figur erscheinen, vielleicht ein Körper in Bewegung. Doch kaum glaubt man, ihn erkannt zu haben, löst er sich wieder in Linie und Farbe auf.

Etwas bewegt sich durch dieses Bild, ohne dass wir genau wissen, was es ist.

Links unten sammelt sich dagegen eine dunklere, erdige Masse. Braun, Schwarz und Orange verdichten sich zu etwas Schwerem, beinahe Verkohltem. Auch hier entstehen gegenständliche Andeutungen: ein Körper, ein Tier, ein zurückgelassener Rest? Das Bild entscheidet sich nicht.

Gerade diese beiden dunklen Bereiche geben der leuchtenden Farbigkeit ihren Widerstand. Das Feuer wird dadurch nicht zur dekorativen Explosion aus Rot und Gelb. Es bekommt etwas, woran es sich abarbeiten kann.

Die Acrylpaste verstärkt diesen Eindruck. Farbe liegt nicht nur auf dem Papier, sondern bildet Spuren, Grate und Verdichtungen. Die Oberfläche wirkt, als sei sie selbst einem Prozess ausgesetzt gewesen: aufgetragen, überlagert, aufgebrochen und erneut bearbeitet.

Der Titel lässt sich deshalb auch als Bild einer Transformation lesen. Nicht im Sinne einer einfachen Läuterung, bei der am Ende alles hell und gut geworden wäre. Feuer kann wärmen und verwandeln, aber ebenso zerstören. Und wer hindurchgeht, bleibt möglicherweise nicht derselbe.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Spannung des Bildes:

Das Feuer ist nicht das Ziel.
Es ist der Raum, der durchquert werden muss.

Was auf der anderen Seite wartet, bleibt offen.

Die drei Punkte im Titel sind deshalb entscheidend:

„Durch’s Feuer …“

Der Satz endet nicht.

Und das Bild auch nicht.

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