Kalenderblatt
3. September

Kalenderblatt 3. September

Das Kalenderblatt zum 3. September

„Die Blume weiß nichts von uns“
“The Flower Knows Nothing About Us”
“La flor no sabe nada de nosotros”

Aquarell und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

Die Blume füllt beinahe das gesamte Bild.

Ihre großen roten, orangefarbenen und rosafarbenen Blütenblätter drängen bis an die Ränder. Sie sind nicht botanisch exakt beschrieben. Farbe fließt, verdichtet sich, wird durchlässig und bildet Flecken und Spuren. Die Blüte erscheint dadurch weniger wie eine Darstellung als wie etwas, das sich unmittelbar vor unseren Augen entfaltet.

Im Zentrum verändert sich das Bild.

Ein leuchtendes Gelb umschließt einen kleinen dunkelblauen Kern. Feine Striche gehen von ihm aus, fast wie Stacheln, Staubgefäße oder eine winzige Explosion.

Das Zentrum zieht den Blick an und hält ihn gleichzeitig auf Abstand.

Um die Blüte herum liegt ein unbestimmter Raum aus Blau, Grün, Grau und erdigen Tönen. Er könnte Hintergrund sein, vielleicht Vegetation, vielleicht Himmel oder einfach nur Farbe. Die Acrylpaste gibt einzelnen Bereichen eine körperliche Struktur und lässt die Umgebung beinahe verwittert erscheinen.

Der Titel „Die Blume weiß nichts von uns“ verändert den Blick auf dieses zunächst so vertraute Motiv.

Denn wir Menschen sind bemerkenswert gut darin, Blumen mit unseren eigenen Bedeutungen zu beladen. ?

Sie stehen für Liebe und Vergänglichkeit, Schönheit und Tod, Erinnerung, Hoffnung oder Neubeginn. Wir schenken sie einander, legen sie auf Gräber, stellen sie auf Altäre und versuchen seit Jahrhunderten, aus ihnen Symbole zu machen.

Aber die Blume weiß davon nichts.

Sie blüht nicht für uns.

Sie besitzt keine Vorstellung davon, dass wir sie schön finden. Sie kennt weder unsere Geschichten noch unsere Verluste, weder unsere Sehnsucht noch unsere Symbolik.

Vielleicht liegt gerade darin etwas Befreiendes.

Das Bild zeigt eine Blüte in überwältigender Nähe. Wir dürfen sie betrachten, untersuchen und mit Bedeutung versehen. Doch je näher wir ihr kommen, desto deutlicher könnte werden, dass sie sich unserer Deutung entzieht.

Das dunkle Zentrum bleibt dunkel.

Die Farben bleiben Farbe.

Die Blüte bleibt Blüte.

Und während wir versuchen herauszufinden, was sie uns sagen könnte, weiß sie noch nicht einmal, dass wir da sind.

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Kalenderblatt
2. September

Ferragosto Elba

Das Kalenderblatt zum 2. September

“Ferragosto Elba”

Graphit auf Zeichenpapier ca 15 x 21 cm
          

Es ist Ferragosto auf Elba.

Ein Tag, der eigentlich nach Hitze, Stimmen, Strandbetrieb und sommerlicher Geschäftigkeit klingt. Doch davon ist in dieser Zeichnung kaum etwas zu sehen.

Der Blick geht von La Conca bei Sant’Andrea hinaus über das Meer. Kleine Boote liegen auf dem Wasser. Einige erscheinen nur als wenige Striche: ein Rumpf, ein Mast, eine Andeutung von Segel oder Takelage. Menschen sind nicht zu erkennen.

Das Meer gehört für einen Augenblick niemandem.

Die Zeichnung lebt von ihren horizontalen Bewegungen. Mit weichen Graphitspuren legt sich eine Schicht über die andere. Wasserflächen entstehen, lösen sich wieder auf und gehen ineinander über. Das Meer wird nicht exakt beschrieben. Es bleibt beweglich, beinahe flüchtig.

Dagegen setzen die Boote kleine vertikale Zeichen.

Ihre Masten unterbrechen die weite Horizontalität und geben dem Auge einzelne Haltepunkte. Keines der Boote beherrscht die Szene. Sie sind verteilt, voneinander getrennt und doch durch dieselbe Wasserfläche miteinander verbunden.

Am Horizont verändert sich die Zeichnung.

Dort verdichten sich die Graphitspuren zu großen, körperhaften Wolkenformationen. Sie liegen ungewöhnlich tief über dem Meer und bilden eine fast geschlossene Folge dunkler Volumen.

Das Leichte des Wassers trifft auf die Schwere des Himmels.

Dabei bleibt unklar, was diese Wolken ankündigen.

Ein Wetterwechsel?

Ein Gewitter über dem Meer?

Oder nur jene mächtigen sommerlichen Wolken, die entstehen, sich verwandeln und irgendwann wieder verschwinden?

Gerade diese Unsicherheit verhindert, dass die Zeichnung zu einer bloßen Urlaubserinnerung wird.

Denn „Ferragosto Elba“ erzählt erstaunlich wenig.

Kein Mensch steht im Vordergrund. Kein Segelboot fährt dramatisch hinaus. Keine Welle bricht. Nichts Spektakuläres geschieht.

Und vielleicht liegt genau darin ihre Stärke.

Der Titel bringt nämlich etwas in das Bild, das die Zeichnung selbst beinahe vollständig verschweigt: den Hochsommer.

Ferragosto, der 15. August, gehört in Italien zu den Höhepunkten des Sommers. Ferien, Ausflüge und volle Küstenorte prägen diese Zeit. Ausgerechnet dazu zeigt die Zeichnung einen beinahe menschenleeren Ausschnitt der Insel.

So entsteht ein leiser Widerspruch:

Der Sommer ist auf seinem Höhepunkt, aber das Bild wird still.

Vielleicht ist es jener kurze Moment, in dem man sich aus dem Geschehen herausnimmt und nur schaut.

Auf das Wasser.

Auf die Boote.

Auf die Wolken am Horizont.

Graphit eignet sich dafür besonders gut. Ohne die Verführung durch das intensive Blau des Mittelmeers, ohne das Grün der Vegetation und ohne das grelle Licht eines Augusttages bleibt nur eine Skala zwischen Weiß und Grau.

Elba wird nicht durch seine Farben erzählt, sondern durch Licht, Bewegung und Entfernung.

Und plötzlich bekommen die wenigen Boote eine merkwürdige Präsenz.

Man könnte anfangen, ihnen Geschichten zuzuschreiben. Man könnte sie zu Symbolen für Freiheit, Aufbruch oder Lebenswege erklären.

Aber vielleicht muss man das gar nicht.

Vielleicht sind es einfach Boote, die an einem Augusttag vor Elba auf dem Meer liegen.

Und vielleicht genügt das.

Denn manche Augenblicke gewinnen ihre Bedeutung nicht dadurch, dass etwas Außergewöhnliches geschieht.

Sie werden bedeutsam, weil wir lange genug hinschauen.

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