
Kalenderblatt vom 9. Mai
“Der Weg nach Muktinath ist mühsam und steinig”
“The way to Muktinath is exhausting and stony”
“El Camino hacia Muktinath esta penosa y pedregosa”
Acryl, Acrylpaste auf Aquarellbütten ca. 15 x 21 cm
„Der Weg nach Muktinath ist mühsam und steinig“ erzählt von einer Reise, die weit mehr ist als ein Weg durch die Berge Nepals. Es ist die Geschichte eines Menschen, der glaubte, ein Ziel erreichen zu müssen, bis er begriff, dass der eigentliche Wandel längst unterwegs begonnen hatte. Zwischen den wilden Linien, den erdigen Spuren und den glühenden Gelb- und Rottönen wirkt dieses Bild wie eine Landkarte innerer Prüfungen. Die dunklen Bögen erinnern an zerklüftete Gebirgspfade, an Geröllfelder, an kalten Wind in großer Höhe. Und mitten hindurch zieht sich ein vibrierender Strom aus Farbe, als würde das Leben selbst versuchen, sich durch Widerstände hindurchzubrennen.
Ein alter Mann namens Tenzin machte sich eines Morgens auf den Weg nach Muktinath, dem heiligen Ort im Himalaya, von dem die Menschen sagten, dort würden sich Himmel und Erde berühren. Viele Pilger reisten dorthin, Hindus ebenso wie Buddhisten. Manche suchten Heilung, andere Vergebung, wieder andere eine Antwort auf Fragen, die sie ihr ganzes Leben begleitet hatten. Tenzin jedoch trug nichts als eine kleine Tasche, einen Holzstab und eine Erinnerung mit sich: die Stimme seiner verstorbenen Frau, die kurz vor ihrem Tod gesagt hatte: „Wenn du jemals den Sinn deiner Traurigkeit verstehen willst, geh nach Muktinath.“
Der Weg war brutal. Die Luft wurde dünn, die Nächte eisig, und die Pfade schienen manchmal direkt in den Himmel zu führen. Unter seinen Füßen knirschten Steine wie zerbrechende Knochen. Immer wieder stürzte er, schnitt sich die Hände auf, verlor beinahe den Halt an steilen Abgründen. Die Landschaft war zugleich wunderschön und erbarmungslos. Gelbe Staubwinde wirbelten über die Hänge, und rote Gebirgsadern leuchteten im Abendlicht wie offene Wunden der Erde. Genau diese Kraft scheint auch in diesem Bild zu pulsieren: eine Schönheit, die nicht sanft ist, sondern errungen werden muss.
Eines Tages begegnete Tenzin auf dem Pfad einer jungen Frau mit einem verletzten Pferd. Sie bat ihn um Hilfe. Obwohl seine eigenen Kräfte schwanden, blieb er bei ihr. Gemeinsam versorgten sie das Tier und teilten ihr letztes Wasser. Dadurch verlor Tenzin zwei Tage seiner Reisezeit. Er wurde wütend auf sich selbst. Er hatte Angst, sein Ziel niemals zu erreichen.
Doch in der dritten Nacht erschien ihm im Traum seine Frau. Sie stand schweigend vor einem goldenen Licht, genauso leuchtend wie die warmen Gelbtöne dieses Bildes. Dann sagte sie: „Du glaubst noch immer, Muktinath sei ein Ort.“
Als Tenzin endlich Wochen später den Tempel erreichte, war er nicht mehr derselbe Mensch. Die berühmten 108 Wasserquellen rauschten über kalte Steine, Gebetsfahnen flatterten im Wind, und aus den heiligen Flammen stieg Rauch in den klaren Himmel auf. Aber das Wunder geschah nicht dort. Es war bereits unterwegs geschehen, in jedem Schmerz, in jedem Schritt, in jedem Moment, in dem er trotz Erschöpfung weiterging.
Da verstand er, warum der Weg so mühsam und steinig sein musste. Manche Orte öffnen sich nur denen, die bereit sind, unterwegs einen Teil ihres alten Selbst zu verlieren. Genau davon erzählt dieses Bild: von innerer Reibung, von Durchhalten, von spiritueller Härte und von jener seltsamen Schönheit, die erst sichtbar wird, wenn man nicht mehr umkehrt. Die wilden Linien wirken wie Narben der Landschaft und zugleich wie Spuren eines Bewusstseins, das sich durch Zweifel und Müdigkeit hindurcharbeitet. Die goldenen Flächen tragen dabei etwas Heiliges in sich, als würde hinter allem Kampf bereits eine verborgene Erleuchtung warten.
Und vielleicht ist genau das die Botschaft von Muktinath: Der heilige Ort liegt nicht am Ende des Weges. Er entsteht in dem Augenblick, in dem der Mensch trotz aller Steine weitergeht.