
Kalenderblatt vom 08. Mai
“Auf geht`s zur Kumari!”
“Let`s go to Kumari!”
“Vamos a Kumari”
Aquarell auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm
„Auf geht’s zur Kumari!“ wirkt zunächst wie eine stille Szene in einer engen Gasse Kathmandus und doch liegt über diesem Bild eine Atmosphäre von Erwartung, Ehrfurcht und geheimnisvoller Nähe zum Unsichtbaren. Zwei kleine Gestalten, in tiefes Blau und leuchtendes Rot gehüllt, bewegen sich durch einen Raum aus Licht, Schatten und verwitterten Mauern. Es ist kein gewöhnlicher Weg. Es ist ein innerer Gang durch die Schwelle zwischen Alltag und Mythos. Die Architektur scheint fast zu schweben, aufgelöst im Aquarell wie eine Erinnerung, die sich langsam im Bewusstsein entfaltet. Gerade diese Unschärfe macht das Werk so stark: Es zeigt nicht Kathmandu als geografischen Ort, sondern als spirituellen Zustand.
Die Kumari ist in Nepal weit mehr als eine religiöse Figur. Sie gilt als die „lebende Göttin“, als Inkarnation der Göttin Taleju beziehungsweise Durga. Ausgewählt wird traditionell ein junges Mädchen aus der Newar-Gemeinschaft Kathmandus, das bis zur Pubertät als göttliches Wesen verehrt wird. Hindus und Buddhisten begegnen ihr gleichermaßen mit tiefem Respekt. Die Kumari lebt im berühmten Kumari Ghar am Durbar Square in Kathmandu und erscheint nur zu besonderen Anlässen öffentlich. Ihre Erscheinung gilt vielen Menschen als Segnung und spirituelles Omen.
Genau dieses Gefühl scheint in diesem Bild eingefangen zu sein: das Unterwegssein zu etwas Heiligem, das gleichzeitig real und unfassbar bleibt. Die beiden Figuren wirken klein gegenüber den hohen Mauern und der offenen Fläche. Doch gerade darin liegt die Aussagekraft des Werkes. Der Mensch nähert sich dem Göttlichen nie als Beherrscher, sondern als Suchender. Das Rot der einen Figur erinnert an Hingabe, Opfer, Herzenergie und spirituelle Leidenschaft. Das Blau der anderen Figur trägt etwas Meditatives, Nachdenkliches, beinahe Mönchisches in sich. Gemeinsam bewegen sie sich auf ein Ziel zu, das im Bild selbst verborgen bleibt und gerade dadurch entsteht Spannung.
Die zarten Farbverläufe des Aquarells verleihen der Szene eine traumartige Qualität. Die Mauern scheinen Geschichten zu speichern, als hätten Generationen von Pilgern hier ihre Hoffnungen, Gebete und Sehnsüchte hinterlassen. Man spürt förmlich den Staub der alten Plätze Kathmandus, das diffuse Morgenlicht und die Mischung aus Räucherwerk, Tempelklängen und innerer Sammlung. Das Werk erzählt nicht laut. Es flüstert. Und genau dadurch entwickelt es eine enorme poetische Kraft.
Besonders faszinierend ist, dass das Bild keine direkte Darstellung der Kumari zeigt. Stattdessen schildert es den Moment davor. Die Erwartung wird wichtiger als die Begegnung selbst. Dadurch entsteht ein universelles Symbol: Jeder Mensch kennt diesen inneren Weg zu etwas, das größer ist als er selbst, eine Hoffnung, eine Vision, eine Offenbarung oder ein heiliger Augenblick. Die Kumari wird hier zum Sinnbild für das Geheimnisvolle im Leben, für jene seltenen Momente, in denen Realität und Mythos ineinanderfließen.
„Auf geht’s zur Kumari!“ ist deshalb weit mehr als eine Reiseszene aus Nepal. Es ist ein Bild über den Menschen als Pilger zwischen sichtbarer Welt und spiritueller Sehnsucht. Ein stilles, sensibles Werk voller Atmosphäre, das den Betrachter nicht anschreit, sondern ihn langsam hineinzieht, Schritt für Schritt, wie die beiden kleinen Gestalten auf ihrem Weg zur lebenden Göttin