Kalenderblatt
8. Juli

Kreuz des Südens

Das Kalenderblatt zum 8. Juli
“Kreuz des Südens”

“The Southern Cross”
“La cruz del sur”

Aquarell und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

„Kreuz des Südens“ erzählt nicht von einem Ort auf einer Landkarte. Es erzählt von einem Augenblick, in dem ein Mensch aufhört, nach dem richtigen Weg zu suchen, und beginnt, dem eigenen inneren Kompass zu vertrauen. Die Welt hat schließlich genug Schilder aufgestellt, die in alle Richtungen zeigen und sich am nächsten Tag gegenseitig widersprechen. Das Bild interessiert sich für etwas Beständigeres.

Es heißt, tief unter den vertrauten Sternbildern leuchte ein Kreuz, das Reisenden seit Jahrhunderten den Süden weist. Doch nur wenige wissen, dass dieses Kreuz nicht aus Sternen entstand. Einer alten Überlieferung nach wurde es aus den Hoffnungen jener geschmiedet, die den Mut hatten, das Bekannte hinter sich zu lassen. Jeder Aufbruch hinterließ einen kaum sichtbaren Lichtfaden am Himmel, bis daraus ein Zeichen entstand, das heller war als jede Angst.

Eines Morgens stand ein Wanderer an der Grenze zwischen Feuer und Wasser. Hinter ihm glühte der Himmel in warmem Rot, als hätte die Nacht ihre letzten Erinnerungen verbrannt. Vor ihm lagen kühle Landschaften in Blau und Türkis, still und unergründlich wie Gedanken, die noch keine Worte gefunden hatten. Niemand wartete auf ihn. Niemand gab ihm einen Rat. Nur das goldene Kreuz erhob sich aus der Mitte der Landschaft, schlicht, schweigend und vollkommen.

Der Wanderer glaubte zunächst, das Kreuz sei eine Weggabelung. Erst als er näher kam, erkannte er, dass keine Straße davon ausging. Es war kein Wegweiser, sondern ein Mittelpunkt. Die waagerechte Linie verband Vergangenheit und Zukunft, Freude und Schmerz, Gewinn und Verlust. Die senkrechte Linie verband Erde und Himmel, Zweifel und Vertrauen, Mensch und das Unsichtbare. Wer dort innehielt, musste keine Richtung wählen. Er musste sich nur erinnern, wer er war.

Als die Sonne höher stieg, begann das Gold im Kreuz zu leuchten. Nicht grell, sondern mit jener ruhigen Kraft, die nur Dinge besitzen, die ihren Zweck längst gefunden haben. Die Farben ringsum veränderten sich, ohne ihre Eigenart zu verlieren. Das Rot wurde zu Mut. Das Blau wurde zu Gelassenheit. Das helle Licht zwischen ihnen wurde zu Hoffnung. Und der Wanderer begriff, dass Gegensätze nicht bekämpft werden müssen. Sie können sich begegnen und gemeinsam ein Ganzes bilden.

Wer ihm begegnet, kehrt selten als derselbe zurück. Nicht weil die Welt sich verändert hätte, sondern weil er gelernt hat, ihren Mittelpunkt nicht länger außerhalb seiner selbst zu suchen.

So wird dieses Bild zu einer Einladung. Nicht, den Süden zu finden, sondern den Ort in sich selbst, an dem Orientierung nicht von Karten, Regeln oder fremden Stimmen abhängt. Dort, wo sich Feuer und Wasser begegnen, Vergangenheit und Zukunft berühren und das goldene Kreuz still daran erinnert, dass jede wahre Reise immer in der Mitte des eigenen Wesens beginnt.

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