
Das Kalenderblatt zum 7. Juni
“Eiszeit”
“Edad de Hielo”
“Ice Age”
Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm
Die Alten erzählten, dass es einmal eine Zeit gegeben habe, in der die Wiesen grün waren, die Flüsse frei flossen und der Wind nach Blüten duftete. Doch niemand, der heute lebte, hatte diese Welt jemals gesehen. Seit Generationen lag die Erde unter dem Bann der Großen Eiszeit. Ein endloser Winter hatte die Landschaft verschlungen und alles mit einem Mantel aus Frost überzogen.
Dort, wo einst Städte standen, ragten nur noch vereiste Ruinen aus den Schneefeldern. Die Dächer waren unter meterdicken Eisschichten verschwunden, und die Straßen lagen verborgen wie vergessene Erinnerungen. Der Himmel war meist grau, doch manchmal schimmerte ein seltsames blaues Licht über den gefrorenen Ebenen und ließ die Welt wirken, als wäre sie aus Kristall erschaffen worden.
In einer kleinen Gemeinschaft am Rand des ehemaligen Meeres lebte ein junger Mann namens Tarin. Jeden Morgen blickte er hinaus auf die gewaltige Eisfläche, die sich bis zum Horizont erstreckte. Unter der gläsernen Oberfläche glaubte er manchmal Schatten zu erkennen, die Überreste einer Welt, die längst verloren war.
Eines Tages bemerkte Tarin etwas Ungewöhnliches. Mitten in der blauen Weite erschien ein goldener Schimmer, schwach und flackernd wie eine Erinnerung an die Sonne. Niemand im Dorf wollte ihm glauben. Die Menschen hatten gelernt, Hoffnungen zu misstrauen. Zu oft hatten sie auf ein Ende der Kälte gewartet.
Doch Tarin machte sich auf den Weg.
Tagelang wanderte er über das gefrorene Land. Der Wind schnitt wie Messer durch seine Kleidung, und das Eis sang seine tiefen, unheimlichen Lieder. Schließlich erreichte er die Stelle, an der das Licht erschien. Dort fand er keinen Schatz und keine verlorene Stadt. Stattdessen entdeckte er einen gewaltigen Riss im Eis.
Aus der Tiefe stieg ein warmer Luftzug empor.
Zum ersten Mal in seinem Leben spürte Tarin etwas, das nicht kalt war.
Er kniete nieder und blickte hinab. Tief unter dem Eis leuchtete eine verborgene Welt aus warmen Quellen, Pflanzen und fließendem Wasser. Es war, als hätte die Erde selbst ihr Herz bewahrt, verborgen vor dem eisigen Griff des Winters.
Da verstand Tarin etwas, das die Menschen vergessen hatten: Die Eiszeit hatte die Welt nicht besiegt. Sie hatte sie nur verborgen.
Mit dieser Erkenntnis kehrte er zurück. Viele glaubten ihm nicht. Andere hielten ihn für einen Träumer. Doch einige folgten ihm. Gemeinsam öffneten sie den Riss weiter und bauten Wege zu den warmen Quellen.
Jahr für Jahr wurde das Eis an dieser Stelle dünner. Kleine Pflanzen wagten sich hervor. Erst einzelne Halme, dann ganze Felder aus Grün. Die Menschen begannen wieder zu hoffen.
Und so erzählte man sich später eine neue Geschichte: Nicht die Kälte hatte die Welt gerettet, sondern die Erinnerung daran, dass selbst unter den dicksten Schichten aus Eis noch immer ein lebendiges Herz schlägt.
Denn jede Eiszeit, sei sie in der Welt oder in der Seele, birgt irgendwo einen verborgenen Ort, an dem das Leben wartet. Still. Geduldig. Unbesiegbar.