„Frühling, wo bist du?“ ist kein suchender Blick nach außen, sondern ein leises inneres Fragen, das sich Schicht für Schicht über das Papier legt. In diesem Aquarell verdichtet sich ein Moment des Übergangs: nichts ist verloren, aber noch ist nichts ganz da. Die Farben scheinen sich tastend zu begegnen, als würden sie einander prüfen, bevor sie sich entscheiden, wirklich Frühling zu werden.
Die kühlen Blau- und Grautöne im unteren Bildraum wirken wie Erinnerungen an Winter, an Rückzug, an das Innehalten, das noch im Körper nachklingt. Darüber legen sich warme Ocker-, Rosé- und Koralltöne, zart, aber entschlossen, als Vorboten einer Kraft, die sich noch nicht vollständig zeigt. Es ist ein Frühling im Werden, nicht im Blühen, eine Verheißung statt einer Erfüllung.
Die waagerechten Farbbänder erzeugen eine ruhige, fast meditative Weite. Sie erinnern an Horizonte, an Landschaften, die mehr innerer Zustand als äußerer Ort sind. In der Mitte durchzieht eine dunklere, bewegte Form das Bild wie ein innerer Strom, ein Zeichen dafür, dass unter der scheinbaren Ruhe bereits etwas in Bewegung geraten ist. Das Leben sammelt sich, noch verborgen, noch fließend, noch ohne Namen.
Dieses Bild stellt keine Frage aus Ungeduld, sondern aus Achtsamkeit. „Frühling, wo bist du?“ meint auch: Bin ich bereit, dich wirklich zu empfangen? Es ist die sanfte Einladung, den eigenen Rhythmus zu respektieren, das Unfertige zu würdigen und dem Neubeginn Raum zu geben, bevor er sichtbar wird.
So erzählt dieses Aquarell von Zwischenzeiten, von sensiblen Übergängen und von der stillen Gewissheit, dass jeder Frühling zuerst im Inneren entsteht, leise, farbig, tastend.