
Kalenderblatt vom 4. Juli
„Mutationsprozess in Abrahams Wurstküche“
„Process of mutation in sausage kitchen of Abraham“
„El proceso de la mutación en la cocina de salchicha de Abraham“
Acryl, Acrylpaste, Pigment auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm
In der alten Stadt erzählte man sich von einem Ort, den niemand auf einer Landkarte fand: Abrahams Wurstküche. Wer nach ihr suchte, fand höchstens einen unscheinbaren Eingang zwischen zwei vergessenen Häusern, aus dem weder der Duft von Gewürzen noch der Rauch eines Feuers drang. Stattdessen lag dort eine Stille, die älter war als jede Religion und tiefer reichte als jede Erinnerung. Man sagte, Abraham bereite dort keine Speisen zu, sondern Möglichkeiten. Was in seinen Kesseln schmorte, waren nicht Würste, sondern die unzähligen Versionen des Menschen, die niemals gelebt hatten.
Eines Tages erschien ein kleines schwarzes Pferd. Es war weder besonders kräftig noch besonders schön, doch es trug den unerschütterlichen Wunsch in sich, mehr zu werden als das, was die Welt bereits über es wusste. Abraham lächelte, als hätte er genau auf diesen Besucher gewartet. Ohne ein Wort zeigte er auf einen schmalen Felsen, der sich über einen Abgrund spannte.
Unter diesem Felsen begann ein gewaltiges Wurzelgeflecht, das nicht in die Erde, sondern in die Zeit hineinwuchs. Jede Wurzel war ein gelebter Gedanke, jede Verzweigung eine Entscheidung, jeder Knoten ein Irrtum, aus dem neues Leben entstand. In seiner Mitte ruhte eine goldene Scheibe, rund wie eine Sonne und still wie ein verschlossenes Geheimnis. Niemand wusste, ob sie ein Stein, ein Ei oder der Kern einer noch ungeborenen Welt war.
„Spring nicht, wenn du sicher landen willst“, sagte Abraham schließlich. „Spring, wenn du bereit bist, dich unterwegs zu verändern.“
Das Pferd zögerte. Hinter ihm lag die vertraute Welt der Gewissheiten. Vor ihm öffnete sich der Raum, in dem jede Gestalt ihre feste Form verlor. Dann setzte es zum Sprung an.
In dem Augenblick, als seine Hufe den Felsen verließen, begann der eigentliche Mutationsprozess. Nicht der Körper veränderte sich zuerst, sondern seine Geschichte. Erinnerungen lösten sich auf wie Farbe im Wasser. Alte Ängste fielen von ihm ab wie vertrocknete Blätter. Sein Schatten trennte sich von ihm, lief ein Stück voraus und wartete geduldig auf den neuen Besitzer.
Unter ihm erwachten die Wurzeln. Sie griffen nicht nach seinen Beinen, sondern nach seinen Möglichkeiten. Jede Wurzel stellte dieselbe Frage: Wer wärst du, wenn du niemandem mehr etwas beweisen müsstest?
Das Pferd wusste keine Antwort.
Da begann die goldene Mitte zu leuchten. Ihr Licht war weder warm noch kalt. Es war Erkenntnis, jene seltene Form des Lichts, die nichts beleuchtet und doch alles sichtbar macht. Das Pferd sah plötzlich, dass Mut niemals bedeutete, stärker zu sein als die Angst. Mut bedeutete, der Veränderung zu erlauben, das eigene Wesen neu zu schreiben.
Als es auf der anderen Seite landete, erkannte Abraham sein eigenes Geschöpf kaum wieder. Das Tier war noch immer schwarz, noch immer klein, doch es trug eine andere Schwerkraft in sich. Es war kein Pferd mehr, das einen Weg suchte. Es war selbst zum Weg geworden.
Seit jener Zeit erzählt man sich, dass Abrahams Wurstküche noch immer existiert. Wer sie findet, wird enttäuscht sein, wenn er nur nach einer Mahlzeit sucht. Denn dort wird nichts serviert, was den Hunger des Körpers stillt. Dort werden Identitäten zerlegt, Gewissheiten gewürzt, Ängste langsam gegart und Hoffnungen zu einer neuen Gestalt zusammengefügt. Nicht jeder verlässt diesen Ort verändert. Aber niemand verlässt ihn als derselbe Mensch, der ihn betreten hat. Und vielleicht ist genau das das älteste Rezept der Welt.