Kalenderblatt
30. Mai

Geht's hier zum Ausgang?

Kalenderblatt zum 30. Mai
“Geht’s hier zum Ausgang?”
“Does this lead to the exit?”
“¿Es por aquí la salida?”

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

Dieses Bild wirkt wie das innere Protokoll eines Menschen, der sich durch Schichten aus Erinnerung, Müdigkeit, Widerstand und Hoffnung tastet. Die dunklen, fast vulkanisch wirkenden Oberflächen aus Acryl und Acrylpaste erzeugen eine massive, schwere Struktur, wie eine Wand aus gelebter Zeit. Nichts in diesem Werk ist glatt, nichts dekorativ. Alles scheint aufgerissen, verschoben, vernarbt. Gerade dadurch entsteht eine enorme emotionale Wucht.

Mitten in dieser scheinbaren Orientierungslosigkeit leuchtet plötzlich eine gelbe Form auf. Sie erinnert an ein Zeichen, einen Pfeil, vielleicht sogar an ein fragmentiertes Kreuz oder eine improvisierte Wegmarkierung. Doch dieses Licht ist nicht klar und eindeutig. Es ist brüchig, überlagert, beinahe verschluckt von der Dunkelheit. Genau darin liegt die Stärke des Bildes: Der Ausgang existiert, aber er offenbart sich nicht sofort.

Die Komposition erzählt von modernen Labyrinthen. Nicht aus Stein gebaut, sondern aus Gedanken, Erwartungen, Erschöpfung und inneren Kämpfen. Die schwarze Fläche wirkt wie ein psychischer Raum, ein verdichtetes Feld aus Erfahrungen, in dem Orientierung nur noch als Ahnung auftaucht. Die grobe Materialität der Acrylpaste verstärkt dieses Gefühl enorm. Sie macht das Bild nicht nur sichtbar, sondern körperlich spürbar. Man glaubt fast, über die Oberfläche tasten zu müssen, um den Weg zu finden.

Das Gelb besitzt dabei eine fast existentielle Funktion. Es ist kein harmonisches Sonnenlicht, sondern ein kämpferisches Leuchten. Ein Rest von Hoffnung. Ein Zeichen dafür, dass selbst in den dunkelsten Schichten noch eine Richtung verborgen liegt. Das Blau darunter wirkt wie ein Echo von Tiefe und Erinnerung, kühl, geistig, melancholisch. Zwischen Gelb und Blau entsteht eine fragile Spannung zwischen Hoffnung und Zweifel, zwischen Aufbruch und Resignation.

Der Titel öffnet dem Bild eine zusätzliche Ebene. „Geht’s hier zum Ausgang?“ klingt zunächst humorvoll, beinahe beiläufig, wie ein Satz aus einem verlorenen Gespräch. Doch genau dieser scheinbar alltägliche Ton macht die Arbeit so stark. Denn plötzlich wird daraus eine universelle Frage: Wie findet man den Ausgang aus inneren Sackgassen, aus Angst, aus Überforderung, aus alten Mustern? Das Bild beantwortet diese Frage nicht. Es zeigt vielmehr den Zustand des Suchens selbst.

Gerade deshalb besitzt das Werk eine außergewöhnliche Aktualität. In einer Zeit permanenter Reizüberflutung und kollektiver Unsicherheit wird Orientierung zu einer der größten Sehnsüchte überhaupt. Dieses Bild formuliert diese Sehnsucht nicht mit klaren Symbolen oder einfachen Lösungen, sondern mit Material, Spannung und atmosphärischer Dichte. Es zwingt den Betrachter nicht zum Verstehen, es zieht ihn hinein.

Und vielleicht liegt genau darin der eigentliche Ausgang: Nicht im Entkommen aus der Dunkelheit, sondern im Mut, sie überhaupt zu durchqueren.

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