
Kalenderblatt vom 3. September
„Ein Waldgeist zeigte Frau Bollwein den Weg zur Ausflugsgaststätte WALDESLUST“
„A Ghillie Dhu showed Ms Bollwein the way to the inn WALDESLUST“
„Un espectro del bosque ha mostrado a Doña Bollwein el camino al restaurante WALDESLUST“
Tusche, Aquarell auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm
Eigentlich erzählt der Titel bereits eine vollständige Geschichte.
Eine Frau namens Bollwein hat offenbar den Weg verloren. Eine Ausflugsgaststätte namens WALDESLUST ist ihr Ziel. Und ausgerechnet ein Waldgeist übernimmt die Aufgabe, ihr den Weg zu zeigen.
Das Merkwürdige daran ist:
Im Bild selbst lässt sich diese Geschichte kaum eindeutig wiederfinden.
Links und rechts erheben sich farbige, felsartige oder bewachsene Formationen. Dazwischen öffnet sich ein heller Raum, der wie ein Weg, eine Schlucht oder einfach wie eine noch unbestimmte Fläche erscheinen kann.
In seiner Mitte verdichten sich schwarze und gelbliche Linien zu einer flüchtigen Gestalt.
Ist das der Waldgeist?
Vielleicht.
Die Figur scheint gerade erst aus den Linien entstanden zu sein. Ein paar Striche genügen, damit das Auge einen Körper, eine Bewegung oder eine Geste vermutet. Im nächsten Augenblick könnte sich alles wieder in Zeichnung auflösen.
Über der Szene steht eine große orangegelbe Scheibe. Sie könnte eine Sonne sein. Doch auch sie besitzt etwas Zeichenhaftes. Fast wirkt sie wie ein fremder Himmelskörper, der über diesem merkwürdigen Geschehen wacht.
Und irgendwo links oben befindet sich tatsächlich eine kleine Form, die mit etwas Fantasie als Gebäude gelesen werden könnte.
Vielleicht liegt das Ziel also längst vor unseren Augen.
Vielleicht auch nicht.
Gerade diese Unsicherheit macht den Reiz des Bildes aus. Der Titel behauptet mit beinahe protokollarischer Genauigkeit ein Ereignis, während die Malerei jede eindeutige Beweisführung verweigert.
Frau Bollwein. Ein Waldgeist. Eine Ausflugsgaststätte.
Drei ausgesprochen konkrete Angaben treffen auf eine Bildwelt, in der kaum etwas konkret bleibt.
Darin steckt ein eigenartiger Humor. Das Fantastische wird nicht groß angekündigt. Der Waldgeist erscheint nicht als erhabenes übernatürliches Wesen. Er tut etwas ausgesprochen Alltägliches:
Er gibt einer verirrten Frau eine Wegbeschreibung.
Vielleicht liegt gerade darin die schönste Möglichkeit, dieses Bild zu betrachten.
Nicht jede Begegnung mit dem Unbekannten muss gleich zur Offenbarung werden. Manchmal braucht man keine Antwort auf die großen Fragen des Daseins.
Manchmal möchte man einfach nur wissen, wo es zur WALDESLUST geht. ?
Und offenbar gibt es für solche Fälle Waldgeister.