Kalenderblatt
29. Mai

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Kalenderblatt zum 29. Mai
“Der goldene Riss im Schweigen der Nacht”
“The Golden Rift in the Silence of the Night”
“La Grieta Dorada en el Silencio de la Noche”

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

Unter der Decke einer tiefblauen, beinahe lautlosen Nacht lag ein vergessenes Tal, das von den Menschen nur „Das Schweigenfeld“ genannt wurde. Niemand wagte sich dorthin, denn man sagte, dass in diesem Land jedes gesprochene Wort vom Dunkel verschluckt wurde. Kein Vogel sang dort, kein Wind flüsterte durch die Hügel, und selbst das Wasser der kleinen Bäche floss, als hätte es das Geräusch verlernt.

Mitten in diesem Tal lebte ein alter Hüter namens Elian. Er war kein König und kein Magier, sondern ein stiller Wanderer, der gelernt hatte, die Sprache des Schweigens zu verstehen. Nacht für Nacht stieg er auf den roten Hügel am Rand des Tals und blickte in die schwere Dunkelheit, als suche er nach etwas, das längst verloren war.

Eines Abends jedoch geschah etwas, das niemand zuvor gesehen hatte.

Die Nacht, sonst geschlossen wie ein schwarzer Mantel, bekam plötzlich einen feinen goldenen Riss. Erst war es nur ein schimmernder Spalt, kaum größer als ein Funke. Doch dann begann das Licht zu wachsen, warm, glühend und lebendig, als hätte die Erde selbst ihr verborgenes Herz geöffnet. Der Himmel schien zu beben, und über den Hügeln floss ein goldenes Feuer, das weder verbrannte noch zerstörte.

Elian trat näher.

Aus dem Riss drang keine Stimme, kein Donner, kein Ruf, nur eine tiefe, beinahe heilige Wärme. Und in diesem Licht erkannte er etwas: Das Schweigen der Nacht war niemals Leere gewesen. Es hatte nur gewartet. Jahrhunderte lang hatte das Tal all die unausgesprochenen Hoffnungen, die verlorenen Gebete und die verschwiegenen Träume der Menschen in sich getragen.

Der goldene Spalt war kein Bruch der Dunkelheit.

Er war die Erinnerung daran, dass selbst die tiefste Nacht einen verborgenen Kern aus Licht trägt.

Elian kniete nieder und legte seine Hand auf den warmen Boden. In diesem Augenblick begann das Tal zu erwachen. Die roten Hügel leuchteten wie glimmende Kohlen. Blaue Schatten verwandelten sich in fließende Linien. Und aus der Stille heraus erhob sich ein kaum hörbares Summen, das erste Lied seit vielen Jahrhunderten.

Als der Morgen kam, war der goldene Riss verschwunden.

Doch das Schweigenfeld war nicht mehr dasselbe. Blumen in dunklem Purpur wuchsen entlang der Hügel. Die Menschen hörten plötzlich wieder Wind in den Bäumen. Kinder lachten lauter. Alte Menschen weinten, ohne zu wissen warum. Etwas in der Welt war weicher geworden.

Elian aber wusste die Wahrheit.

Denn manchmal, wenn die Nacht besonders schwer und dunkel wurde, erschien am Horizont wieder dieser schmale goldene Schimmer, ein Zeichen dafür, dass Hoffnung nicht schreit, sondern leuchtet.

Und so erzählte man sich fortan die Geschichte vom „Goldenen Riss im Schweigen der Nacht“, der nicht die Dunkelheit zerstörte, sondern sie öffnete, damit das Licht seinen Weg nach draußen finden konnte.

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