Kalenderblatt
28. September

Verloren in den Gedanken und verloren in der Zeit

Kalenderblatt zum 28. September
„Verloren in den Gedanken und verloren in der Zeit“

„Lost in thought and lost in time“
„Perdido en pensamiento y perdido en tiempo“

Acryl, Acrylpaste, Bleistift auf Aquarellbütten ca. 21. x 15 cm

Das Bild erzählt von einem Zustand, in dem Gedanke, Erinnerung und Zeit ihre festen Grenzen verlieren. Nichts scheint stillzustehen. Farben drängen gegeneinander, Schichten überlagern sich, Linien tauchen auf und verschwinden wieder. Alles befindet sich in Bewegung, und doch hält eine schwere schwarze Form diese Bewegung für einen Augenblick fest.

Sie erhebt sich aus dem unteren Bildraum und spannt sich wie ein mächtiger Bogen über das glühende Zentrum. Ist sie ein Tor, eine Grenze, ein Zeichen oder eine Schwelle? Das Bild legt sich nicht fest. Gerade dadurch bekommt die Form etwas Archaisches. Sie scheint weniger einen Gegenstand darzustellen als einen inneren Zustand zu markieren.

Unter und hinter ihr lodert die Farbe.

Gelb, Orange und Rot bestimmen zunächst die Wahrnehmung. Doch dieses Leuchten ist nicht friedlich. Das Gelb besitzt beinahe etwas Fiebriges, während sich Rot und Orange im Zentrum zu einer verdichteten, unruhigen Masse verbinden. Dazwischen erscheinen dunklere Partien, erdige Töne und Spuren von Violett. Am unteren Rand bricht plötzlich Blau hervor, kühl und beinahe fremd gegenüber der Hitze darüber.

Das Bild scheint gleichzeitig zu brennen und sich abzukühlen.

Noch rätselhafter sind die feinen Bleistiftlinien im oberen Teil. Sie erinnern an Schrift, an hastige Notizen oder an die Spur eines Gedankens, der festgehalten werden sollte, bevor er wieder verschwindet. Man meint etwas lesen zu können und erkennt doch nichts Eindeutiges.

Vielleicht liegt genau darin eine der zentralen Erfahrungen des Bildes: Gedanken hinterlassen Spuren, aber sie lassen sich nicht festhalten.

Ein Gedanke führt zum nächsten. Eine Erinnerung öffnet eine andere. Ein längst vergangener Augenblick kann plötzlich gegenwärtiger sein als das, was unmittelbar vor uns liegt. Ebenso können wir uns in einer Zukunft verlieren, die noch gar nicht existiert.

Und während wir denken, erinnern, hoffen oder zurückblicken, vergeht Zeit.

Der Titel „Verloren in den Gedanken und verloren in der Zeit“ beschreibt deshalb weniger einen Ort als einen Bewusstseinszustand. Das Ich befindet sich nicht mehr eindeutig im Jetzt. Vergangenheit, Gegenwart und Vorstellung beginnen ineinanderzugreifen.

Vielleicht erklärt das auch die schwarze Form.

Sie könnte als Versuch gelesen werden, diesem Strom etwas entgegenzusetzen. Eine feste Geste gegen das Flüchtige. Ein Zeichen gegen das Verschwinden.

Doch auch sie ist nicht vollkommen geschlossen. Unter ihrem Bogen bleibt ein Raum offen.

Eine Schwelle vielleicht.

Das Bild erzählt damit nicht einfach von Dunkelheit und Licht. Dafür sind seine Gegensätze zu widersprüchlich. Das Helle ist nicht nur Hoffnung, das Schwarze nicht nur Bedrohung. Beides gehört zusammen. Das Dunkle gibt dem Leuchten seine Intensität, während das Licht die schwarze Form überhaupt erst sichtbar werden lässt.

So entsteht ein Bild über eine Erfahrung, die vermutlich jeder kennt und die sich dennoch kaum beschreiben lässt: Wir versuchen, unserem Leben eine Ordnung zu geben, während Gedanken, Erinnerungen und Zeit diese Ordnung immer wieder auflösen.

Was bleibt, sind Spuren.

Eine Linie.
Eine Farbe.
Ein Fragment.
Eine Erinnerung, deren Anfang wir nicht mehr kennen.

Und vielleicht liegt gerade darin etwas Tröstliches:

Wir sind nicht nur verloren in unseren Gedanken und verloren in der Zeit. Wir bestehen auch aus den Spuren, die beide in uns hinterlassen.

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