Kalenderblatt
27. September

Seelenschmerz heilt nicht wie Leibeswunden

Kalenderblatt vom 27. September
„Seelenschmerz heilt nicht wie Leibeswunden“
„Agony of the soul don’t heal like wound of the body“
„Dolor del ánima no cura como una herida del cuerpo“

Acryl, Acrylpaste auf Aquarellbütten ca. 15 x 21 cm

Das Bild zeigt keinen Schmerz. Es zeigt, was Schmerz hinterlässt.

Violett durchzieht die gesamte Fläche, doch es findet nirgends zur Ruhe. Die Farbe ist geschichtet, aufgerissen, verwischt und wieder überlagert. Helle Stellen brechen hervor, dunklere Partien verdichten sich. Formen entstehen und verschwinden wieder. Die Malerei wirkt wie eine innere Landschaft, in der Erinnerungen, Verletzungen und längst vergangene Erfahrungen noch immer Spuren hinterlassen.

Inmitten dieser bewegten Struktur erscheint ein kleines rotes Fragment. Es ist unscheinbar und zugleich kaum zu übersehen. Wie ein Schnitt durchbricht es das Violett. Man könnte darin eine Wunde erkennen, einen Riss, vielleicht auch etwas, das trotz allem lebendig geblieben ist.

Denn Rot bedeutet hier nicht nur Verletzung. Es ist ebenso Blut, Wärme, Herzschlag und Lebenskraft.

Der Titel stellt körperliche und seelische Verletzung nebeneinander und macht gerade dadurch ihren Unterschied sichtbar. Eine körperliche Wunde lässt sich versorgen. Sie bildet eine Narbe, und irgendwann kann man vielleicht sagen: Sie ist verheilt.

Bei einer seelischen Wunde ist das schwieriger.

Sie kann lange schweigen und plötzlich wieder gegenwärtig sein. Sie kann ihre Gestalt verändern, von anderen Erfahrungen überlagert werden und dennoch Teil der eigenen Geschichte bleiben. Seelische Heilung bedeutet deshalb vielleicht nicht, dass eine Verletzung verschwindet. Sie bedeutet, dass sich unser Verhältnis zu ihr verändert.

Genau darin liegt eine besondere Nähe zwischen dem Inhalt des Werkes und seiner malerischen Entstehung. Auch die Bildfläche kennt kein einfaches Auslöschen. Schichten liegen über Schichten. Was darunter verborgen wurde, wirkt weiter. Spuren früherer Bewegungen tauchen wieder auf und werden Bestandteil von etwas Neuem.

Das Vergangene ist nicht verschwunden.

Aber es hat sich verwandelt.

Deshalb ist dieses Bild trotz seines Titels kein Bild der Hoffnungslosigkeit. Der rote Einschnitt befindet sich zwar im Zentrum unserer Aufmerksamkeit, doch er beherrscht nicht die gesamte Fläche. Um ihn herum geschieht etwas. Die Malerei bewegt sich, öffnet sich, verdichtet sich und bricht wieder auseinander.

Der Schmerz bleibt Teil des Bildes, aber er ist nicht das ganze Bild.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Aussage des Werkes: Wir müssen unsere inneren Wunden nicht verleugnen, um weiterzugehen. Manche Erfahrungen bleiben. Manche Narben begleiten uns. Doch sie können ihren Platz verändern und Teil einer größeren inneren Landschaft werden.

Und so stellt das Bild am Ende weniger die Frage, ob eine seelische Wunde jemals vollständig heilt.

Es fragt vielmehr:

Was wird aus einer Wunde, wenn sie nicht mehr bestimmt, wer wir sind?

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