
Das Kalenderblatt zum 27. Mai
“Das Geistige erschafft mit dem Seelischen die Welt”
“The spirit creates the world with the soul”
“El espirítu crea el mudo con el anima”
Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm
Als die Welt zwischen Geist und Seele geboren wurde, gab es weder Städte noch Namen, weder Wege noch Grenzen. Es gab nur ein weites Schweigen, das über einer ungeformten Leere lag. In diesem Schweigen lebten zwei uralte Kräfte: der Geist, klar wie ein flammender Sonnenstrahl, und die Seele, tief wie ein stiller See unter nächtlichem Himmel.
Der Geist war von Licht durchzogen. Er dachte in Linien, in Formen, in Ordnung. Er konnte Berge erträumen, Horizonte ziehen und dem Chaos eine Richtung geben. Doch obwohl er kraftvoll war, blieb alles, was er erschuf, kühl und unbewegt, schön, aber ohne Herzschlag.
Die Seele dagegen war weich, geheimnisvoll und grenzenlos. Sie sprach nicht in Worten, sondern in Farben, Erinnerungen und Empfindungen. Wo sie sich ausbreitete, entstanden Wärme, Sehnsucht und Bewegung. Doch ohne Form floss sie wie ein endloser Nebel, voller Gefühl, aber ohne Gestalt.
Eines Tages blickte der Geist über die Leere und sagte: „Ich kann die Welt denken, aber ich kann sie nicht leben.“
Da antwortete die Seele aus der Tiefe des unsichtbaren Raumes: „Ich kann die Welt fühlen, aber ich kann sie nicht halten.“
So näherten sich beide einander an.
Als der Geist seine goldenen Strahlen in die Dunkelheit sandte, entzündete sich ein leuchtender Himmel. Das helle Gelb erhob sich wie ein göttlicher Morgen und breitete sich über alles aus. Doch darunter zog sich ein roter Horizont durch die Weite, ein Band aus Kraft, Erinnerung und Opfer. Es erinnerte daran, dass jede Schöpfung durch Spannung entsteht.
Dann öffnete die Seele ihre verborgenen Tore.
Aus ihrem Inneren strömten tiefe Blautöne hervor, das Wissen der Stille, die Weisheit der Träume. Dunkle, fast schwarze Schleier wuchsen daneben wie uralte Wächter, die Schmerz, Angst und Vergänglichkeit bewahrten. Doch sie standen nicht im Widerstand; sie hielten das Licht fest, damit es nicht verloren ging.
Wo Geist und Seele sich berührten, entstand schließlich die Welt.
Nicht glatt. Nicht vollkommen. Sondern lebendig.
Goldene Flächen wurden zu Feldern des Erwachens. Rote Linien wurden zu Grenzen zwischen Vergangenheit und Zukunft. Blau wurde zu Erinnerung. Dunkelheit wurde zu Tiefe. Und jedes aufbrechende Fragment verwandelte sich in ein Zeichen dafür, dass Schöpfung niemals aus Reinheit allein entsteht, sondern aus der Vereinigung von Klarheit und Gefühl, Licht und Schatten, Denken und Hingabe.
So erzählt man sich bis heute, dass die Welt nicht aus Stein erbaut wurde, sondern aus einer uralten Umarmung zwischen Geist und Seele.
Und wenn ein Mensch innehält, still wird und tief in sich blickt, kann er manchmal erkennen, dass auch in ihm diese beiden Kräfte wirken: der Geist, der erschafft und die Seele, die allem Leben Bedeutung schenkt.
Denn das Geistige erschafft mit dem Seelischen die Welt, nicht nur einst am Anfang der Zeit, sondern in jedem Gedanken, jeder Liebe und jeder mutigen Entscheidung aufs Neue.