
Das Kalenderblatt zum 26. Juni
“Verloren in Frankreich”
„Lost in France“
„Perdido en Francia“
Aquarell, Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm
Es begann an einem Nachmittag irgendwo zwischen Arles und dem Vergessen. Die Straßen waren schmal, die Luft roch nach Lavendel und warmem Stein, und die Landkarte auf dem Beifahrersitz behauptete mit der Überzeugung eines Bürokraten, man sei auf dem richtigen Weg. Doch Frankreich hatte andere Pläne.
Das Dorf, das auf der Karte verzeichnet war, existierte entweder nicht mehr oder hatte beschlossen, sich vor Reisenden zu verstecken. Die Schilder wurden seltener, die Häuser verschwanden, und schließlich blieb nur noch eine Landschaft aus blassen Farben, flimmerndem Licht und einer eigentümlichen Stille.
Verloren zu sein, stellte sich als etwas ganz anderes heraus, als man immer geglaubt hatte. Es war keine Panik. Kein Drama. Kein verzweifeltes Suchen. Es war vielmehr ein Zustand des Dazwischen. Ein Schweben zwischen Ziel und Herkunft.
Die drei senkrechten Linien links oben wirkten plötzlich wie Erinnerungen an das, was einmal Orientierung gegeben hatte. Eine blaue Linie für die Vernunft. Eine weiße für die Hoffnung. Eine goldene für die Träume. Unten standen zwei weitere Markierungen wie stumme Wegweiser: Gold für das, was wertvoll war. Rot für das, was lebendig blieb.
Dazwischen breitete sich eine Landschaft aus, die weder Land noch Himmel war. Ein Raum aus Licht, Nebel und Zeit. Eine Gegend, die man nicht auf Karten findet, sondern nur in sich selbst.
Je länger der Reisende dort verweilte, desto mehr verstand er, dass das eigentliche Problem nicht das Verirren war. Das Problem war die jahrzehntelange Gewohnheit, immer wissen zu wollen, wo man sich befindet. Immer einen Plan zu haben. Immer eine Richtung.
Doch manche Wege offenbaren sich erst, wenn man aufhört, sie zu suchen.
Als die Sonne langsam tiefer sank, setzte er sich auf einen Stein am Wegesrand. Kein Handyempfang. Keine Wegbeschreibung. Keine Eile. Nur dieses seltsame Blaugrün der Landschaft und das leise Gefühl, dass etwas Wichtiges geschah.
Vielleicht war er gar nicht verloren. Vielleicht war er endlich dort angekommen, wo ihn keine Erwartung mehr verfolgte.
Und während der Abend über die Felder glitt, wurde aus der Verirrung eine Entdeckung.
Nicht Frankreich war das Ziel gewesen.
Sondern jener stille Ort im Menschen, an dem Orientierung überflüssig wird und Vertrauen beginnt.