Kalenderblatt
24. Mai

Lama Pasanta macht Pucha bei der Waldfee

Kalenderblatt vom 24. Mai
“Lama Pasanta macht Pucha bei der Waldfee”
“Lama Pasanta makes Pucha at the forest fairy”
“Lama Pasanta hace Pucha a la halda de bosque”

Acryl, Pigment auf Aquarellkarton ca. 21 x 15 cm

Unter einem Himmel aus flammendem Gelb und glühendem Rot, dort, wo die Wälder nicht einfach wuchsen, sondern Geschichten atmeten, lebte die geheimnisvolle Waldfee Ariyana. Sie war keine zarte Fee aus stillen Blumenfeldern, sondern eine Hüterin des wilden Unterholzes, mit Augen wie schwarzer Bernstein und einer Stimme, die klang wie Wind zwischen uralten Ästen. Tief in ihrem Reich lag ein verborgener Platz, an dem Moose golden schimmerten und selbst das Dunkel lebendig wirkte.

Eines Tages kam Lama Pasanta aus den fernen Bergen Nepals herabgestiegen. Er war ein Wanderer zwischen den Welten, ein stiller Mönch mit einem Herzen voller Fragen und einem Blick, der gelernt hatte, hinter die sichtbaren Formen zu schauen. In seinen Händen trug er nichts als einen kleinen Beutel mit rotem Pigment, das aus zermahlenen Steinen und heiligen Kräutern bestand. Er suchte die Waldfee, denn über sie hieß es, dass sie Wünsche nicht erfülle, sondern Wahrheiten offenbare.

Als Lama Pasanta den dunklen Waldrand betrat, flammte der Himmel auf, als hätte die Sonne beschlossen, ein letztes Feuerfest zu feiern. Die Bäume knarrten. Schwarze Linien wie Schattenarme zogen sich über Felsen und Erde. Dort erschien Ariyana, halb aus Licht, halb aus Nebel, und betrachtete den Fremden mit ruhiger Strenge.

„Warum kommst du in mein Reich, Lama?“ fragte sie.

Pasanta verbeugte sich tief. „Ich möchte Pucha machen.“

Die Waldfee lächelte kaum merklich. In ihrer Sprache bedeutete Pucha mehr als eine Bitte. Es war ein uraltes Ritual des Fragens, Loslassens und Öffnens, eine Handlung, bei der ein Wesen nicht nach Reichtum oder Macht bat, sondern nach Erkenntnis.

So begann das Ritual.

Lama Pasanta kniete nieder und verstreute das rote Pigment auf einen schwarzen Felsen. Es leuchtete wie flüssiges Feuer. Die Waldfee hob ihre Hände, und aus den Baumkronen fielen gelbe Lichtfetzen wie zerrissene Sonnenblätter auf den Boden. Der Wald verstummte. Selbst die Tiere hielten den Atem an.

„Was suchst du wirklich?“ fragte Ariyana.

Pasanta schwieg lange. Dann sagte er: „Ich suche den Ort, an dem Angst endet.“

Die Waldfee strich mit einem Finger über den Boden, und die Erde öffnete sich wie ein dunkler Spiegel. Darin sah Pasanta keine Monster, keine Feinde und keine fremden Schatten, sondern sich selbst. Seine Zweifel. Seine Erinnerungen. Seine Wunden. Die Stimmen alter Verluste, die er jahrelang wie Steine im Herzen getragen hatte.

Er wollte zurückweichen.

Doch Ariyana sprach: „Wer vor seinem inneren Wald flieht, verirrt sich im äußeren.“

Also blieb er.

Er blickte hinein. Tiefer und tiefer. Bis er begriff, dass Angst nicht an einem Ort wohnte, sondern in den Mauern, die man selbst errichtete.

Als diese Erkenntnis ihn durchströmte, begann das rote Pigment auf dem Stein zu glühen. Es floss wie ein Fluss aus Feuer über schwarze Schatten und verwandelte Dunkelheit in leuchtende Linien. Über ihnen zerriss der Himmel in goldgelben Bahnen, als würde das Licht selbst applaudieren.

Die Waldfee trat zurück.

„Deine Pucha ist beantwortet“, sagte sie.

Pasanta fragte: „Und was geschieht nun?“

Ariyana lächelte diesmal offen und fast menschlich.

„Nun gehst du zurück in die Welt. Nicht als Suchender. Sondern als einer, der gelernt hat, dass selbst im dunkelsten Wald ein Pfad entsteht, wenn man aufhört, gegen die Schatten zu kämpfen.“

Lama Pasanta verließ den Wald bei Sonnenaufgang. Hinter ihm verblassten die roten Feuerfarben. Vor ihm öffnete sich eine stille Landschaft aus Licht.

Und man erzählt sich bis heute, dass überall dort, wo Menschen mutig ihre inneren Fragen stellen, ein Hauch der Waldfee lebt, verborgen zwischen Schwarz, Gold und Glut, und dass Lama Pasanta noch immer in jedem Suchenden weiterwandert, der den Mut hat, seine eigene Pucha zu machen.

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