Kalenderblatt
24. Juni

Mein Weltbild ist zerbrochen - Ich habe es wieder geklebt

Kalenderblatt vom 24. Juni
„Mein Weltbild ist zerbrochen – Ich habe es wieder geklebt“
„My view of the world is broken – I have cemented it again“
„Mío concepto del mundo esta fracturado – Yo he encoladolo de nuevo“

Aquarell, Pflaster auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm

Es begann an einem gewöhnlichen Tag, an dem die Sonne so tat, als wäre alles in Ordnung. Sie hing groß und rund über der Landschaft, strahlend gelb, fast übertrieben freundlich. Doch unten auf der Erde sah es anders aus. Dort lagen die Reste einer Welt, die einmal geordnet gewesen war. Wege führten ins Nichts, Farben liefen ineinander, Konturen verschwammen. Und mitten in diesem Durcheinander stand ein Mensch und betrachtete die Trümmer seines eigenen Denkens.

Jahrelang hatte er geglaubt, die Welt zu verstehen. Er hatte Antworten gesammelt wie andere Menschen Briefmarken sammeln. Er wusste, was richtig und was falsch war, wer er war und wohin sein Weg führen sollte. Sein Weltbild war ein sorgfältig gebautes Haus aus Überzeugungen, Erfahrungen und Hoffnungen.

Dann kam das Leben.

Nicht auf einmal. Nicht mit einem großen Knall. Sondern Stück für Stück. Eine Enttäuschung hier. Ein Verlust dort. Eine Erkenntnis, die nicht zu den alten Erklärungen passte. Eine Begegnung, die alles infrage stellte. Wie feine Risse in einer Fensterscheibe breiteten sich Zweifel aus, bis eines Tages das ganze Bild zerbrach.

Er versuchte zunächst, die Scherben zu ignorieren. Menschen tun das gern. Sie nennen es Optimismus oder Durchhaltevermögen. Doch irgendwann konnte er nicht mehr so tun, als wäre alles heil. Er musste sich eingestehen: Sein Weltbild war kaputt.

Lange saß er zwischen den Bruchstücken. Manche glänzten noch im Licht der Erinnerung. Andere schnitten schmerzhaft in die Finger. Und während er dort saß, geschah etwas Seltsames. Er hörte auf, nach den verlorenen Teilen zu suchen.

Stattdessen begann er, die vorhandenen Stücke neu zusammenzufügen.

Nicht perfekt. Nicht unsichtbar.

Mit einem Pflaster.

Ein einfaches, beinahe lächerliches Pflaster.

Kein Kunstrestaurator der Welt hätte diese Methode empfohlen. Doch das Leben arbeitet selten nach den Regeln der Experten. Das Pflaster hielt die Bruchstelle nicht verborgen. Im Gegenteil. Es machte sie sichtbar. Jeder konnte sehen, dass hier etwas zerbrochen war.

Und genau darin lag seine Schönheit.

Denn als das neue Bild fertig war, war es nicht mehr dasselbe wie zuvor. Es war unvollkommen, verletzlich und voller Narben. Aber es war ehrlicher. Die Sonne schien noch immer darüber. Die Landschaft war noch immer wild und unberechenbar. Doch der Mensch verstand nun etwas, das ihm früher verborgen geblieben war:

Nicht das Unzerbrochene macht uns stark. Sondern die Fähigkeit, nach dem Zerbrechen weiterzuleben.

Das Pflaster wurde zum Symbol. Nicht für Schwäche, sondern für Mut. Für die Entscheidung, die Risse nicht zu verstecken. Für die Bereitschaft, mit offenen Wunden weiterzugehen. Und für die Erkenntnis, dass ein repariertes Weltbild oft mehr Wahrheit enthält als ein makelloses.

So steht es nun da, dieses Bild. Mit seiner leuchtenden Sonne, den verwischten Horizonten und dem sichtbaren Pflaster. Es erzählt von einem Menschen, der nicht mehr versucht, die Welt in starre Formen zu pressen. Einem Menschen, der gelernt hat, dass Wahrheit manchmal dort beginnt, wo Gewissheiten enden.

Mein Weltbild ist zerbrochen. Ich habe es wieder geklebt. Nicht damit es wird wie früher. Sondern damit etwas Neues entstehen konnte.

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