
Das Kalenderblatt zum 23. August
“Einweihung”
Das Bild ist in zwei deutlich voneinander getrennte Bereiche gegliedert. Links stehen eine goldene Dreiecksform, eine leuchtend rote Fläche und ein runder, stark strukturierter Körper übereinander. Rechts öffnet sich ein dunkleres, von Kratzspuren, Schichten und Farbabrieb durchzogenes Feld. Darin erscheint eine helle, dreieckige Form, die an eine Fahne, ein Segel oder einen Pfeil erinnern kann.
Die Formen wirken wie Zeichen einer Handlung, deren Regeln wir nicht kennen.
Die goldene Spitze kann als Pyramide, Berg oder Tempel gelesen werden. Sie erhebt sich klar und ruhig über der roten Fläche. Doch das Rot wirkt nicht nur einladend. Es kann ebenso als Grenze, Schwelle oder Warnzeichen verstanden werden.
Jeder Übergang verlangt eine Entscheidung.
Unterhalb dieser roten Zone befindet sich ein großer Kreis. Seine Oberfläche ist unruhig, dunkel und farblich vielschichtig. Er erinnert an einen Kern, an Erde, an eine Sonne im Inneren des Bildes oder an etwas, das noch keine eindeutige Gestalt angenommen hat. Während die Pyramide nach oben weist, zieht dieser Kreis den Blick nach unten.
Zwischen Aufstieg und Verdichtung entsteht eine Spannung.
Rechts setzt die helle Dreiecksform einen starken Kontrast zum dunklen Untergrund. Sie wirkt leichter als die schweren, pastosen Schichten um sie herum. Vielleicht zeigt sie eine Richtung an. Vielleicht markiert sie nur einen Ort, an dem sich der Bildraum plötzlich öffnet.
Ist sie ein Wegweiser – oder ein Zeichen, das erst noch gelesen werden muss?
Der Titel „Einweihung“ beschreibt dabei keinen abgeschlossenen Zustand. Er bezeichnet einen Übergang: den Moment, in dem etwas Vertrautes zurückbleibt, während das Neue noch nicht verständlich geworden ist.
Eine Einweihung bedeutet nicht, alle Antworten zu erhalten. Sie kann auch bedeuten, sich auf eine Frage einzulassen.
Die Materialien verstärken diesen Eindruck. Pigment, Glitter und Acrylpaste geben der Oberfläche Glanz, Widerstand und Tiefe. Das Licht liegt nicht einfach auf dem Bild; es scheint stellenweise in den Farbschichten gefangen zu sein und wieder hervorzutreten.
„Einweihung“ zeigt keine fertige Botschaft. Es zeigt eine Schwelle: zwischen oben und unten, Ordnung und Unruhe, Zeichen und Deutung.
Und vielleicht beginnt jede Einweihung genau dort:
Nicht, wenn wir den Weg bereits kennen – sondern wenn wir bereit sind, ihn zu betreten.