
Das Kalenderblatt zum 23. April
“Go through the door”
“Pasa por la puerta”
Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm
Es war nie die Tür selbst, die die Menschen zögern ließ, es war das, was sie in sich trugen, wenn sie vor ihr standen. Diese Tür, leuchtend wie ein verdichteter Sonnenrest, eingebettet in ein Meer aus tiefem, fast unergründlichem Blau, erschien jedem anders. Für manche war sie eine Einladung. Für andere ein Urteil. Doch für ihn war sie etwas Drittes: eine Frage, die nicht ausgesprochen werden konnte.
Er war nicht zufällig hier. Niemand war das. Der Weg hatte ihn durch Jahre geführt, durch Entscheidungen, die sich richtig anfühlten und doch falsch endeten, durch Begegnungen, die wie Zufälle wirkten und sich später als Wegweiser entpuppten. Und nun stand er da, vor diesem schmalen, dunklen Spalt, umrahmt von einem Gold, das nicht glänzte, sondern leise brannte wie eine Erinnerung.
„Geh durch die Tür“, hatte die Stimme gesagt. Nicht laut, nicht drängend. Mehr wie ein Gedanke, der plötzlich Gewicht bekommt.
Er trat näher. Die Oberfläche vibrierte, als wäre sie nicht aus Materie, sondern aus verdichtetem Erleben. In der dunklen Öffnung lag kein Schatten, sondern Tiefe. Keine Leere, sondern ein Raum, der ihn kannte. Und genau das war es, was ihn zögern ließ.
Denn was, wenn auf der anderen Seite nichts Neues wartete? Was, wenn er dort nicht jemand anderes wurde, sondern endlich der, der er immer schon war?
Seine Hand hob sich, zögerlich zuerst, dann entschlossener. Die Luft vor der Tür fühlte sich dichter an, fast wie Wasser. Mit jeder Bewegung spürte er, wie etwas in ihm zurückblieb. Zweifel. Rollen. Geschichten, die er über sich selbst erzählt hatte. Die Tür begann nicht vor ihm, sie begann in ihm.
Ein letzter Gedanke flackerte auf: Was verliere ich, wenn ich gehe?
Doch eine leisere, tiefere Antwort formte sich darunter:
Alles, was nie wirklich deins war.
Er trat hindurch.
Kein Lichtblitz. Kein Donner. Kein dramatischer Übergang. Nur ein Moment absoluter Stille und dann ein Gefühl, das er lange nicht mehr gespürt hatte: Klarheit. Nicht als Idee, sondern als Zustand. Als wäre das Blau hinter ihm nicht verschwunden, sondern in ihm aufgegangen. Als wäre das Gold kein Rahmen gewesen, sondern ein Schwellenfeuer, das ihn gereinigt hatte.
Als er sich umdrehte, war keine Tür mehr da.
Nur ein Wissen:
Es gibt keinen Weg zurück, weil es nie einen gab.