
Das Kalenderblatt zum 21. April
“ein wüster Morgen”
“A desolate Morning”
“una mañana salvaje”
Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm
Dieses Bild wirkt wie ein Morgen, der nicht geboren wird, sondern aus einer inneren Erschütterung hervorgeht. Die flächige, fast aggressive Dominanz des Rots lässt keinen Raum für sanftes Erwachen, hier bricht der Tag hervor wie ein unruhiger Gedanke, der sich nicht mehr zurückhalten lässt. Es ist kein idyllischer Sonnenaufgang, sondern ein Zustand zwischen Aufbruch und innerer Verwüstung, ein Moment, in dem sich die Welt noch nicht entschieden hat, ob sie sich ordnen oder weiter zerfallen will.
Die Sonne, groß, schwer, fast körperlich präsent, hängt wie ein glühendes Auge über der Szene, ein Symbol für Bewusstsein, das alles sieht, aber nichts beschönigt. Ihr Gelb ist nicht leicht oder heiter, sondern wirkt wie ein verdichtetes Zentrum von Energie, das sich gegen die flirrende, zerrissene Umgebung behaupten muss. Sie steht nicht für Hoffnung im klassischen Sinne, sondern für eine schonungslose Klarheit, die alles ans Licht bringt, was verborgen bleiben wollte.
Darunter zieht sich eine dunkle, fragmentierte Linie durch das Bild, wie eine zersplitterte Landschaft oder ein zerklüfteter Horizont, der die Grenze zwischen Innen und Außen markiert. Diese Linie wirkt wie ein Gedächtnis der Nacht, das sich weigert zu verschwinden. Sie erzählt von Resten, von Spuren, von etwas, das noch nicht verarbeitet ist. Der Morgen erscheint hier nicht als Neubeginn, sondern als Fortsetzung eines ungelösten Zustands.
Die Struktur des Bildes, das Kratzen, Schichten, Überlagern, verstärkt diesen Eindruck. Nichts ist glatt, nichts ist abgeschlossen. Alles ist in Bewegung, in Reibung, in ständiger Transformation. Genau darin liegt seine Kraft: Es zeigt einen Moment, in dem das Leben sich nicht harmonisiert, sondern ehrlich zeigt, roh, direkt, ungeschönt.
„Ein wüster Morgen“ ist damit kein Stimmungsbild, sondern ein existentieller Zustand: der Augenblick, in dem Bewusstsein erwacht und erkennt, dass der Weg zur Ordnung nicht über Verdrängung führt, sondern über das Durchschreiten der inneren Wüste. Und genau dort, in dieser scheinbaren Unwirtlichkeit, beginnt etwas Entscheidendes: die Möglichkeit echter Klarheit.